Wie die Menschen im Empire State Building versuchen, ihren Arbeitsalltag zu bewältigen.
(SZ vom 21.9.2001) - Manche Menschen im höchsten Gebäude der Stadt fühlen sich, als habe der Riesenaffe seine haarigen Arme um sie gelegt und versuche, sie zu erwürgen.
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Misstrauische Blicke im Aufzug zeugen von ihrer Angst, auch die Ruhe im sonst so hektischen Erdgeschoss und das Räuspern, wenn der Detektor an der Sicherheitskontrolle anschlägt.
Schnell gehen sie am Schaukasten vorbei, in dem King Kong wie im Kinofilm an der Fassade hängt, und sich ein Doppeldecker-Flugzeug den obersten Stockwerken nähert.
Als Fotomotiv hat der Gorilla erst einmal ausgedient, denn Touristen dürfen den mehr als siebzig Jahre alten Wolkenkratzer nicht mehr betreten.
Das Besucherdeck bleibt noch für einige Tage geschlossen. Wachleute öffnen die langen blauen Polizeibarrikaden nur für Menschen mit Gebäudepass, der beweist, dass sie in den Büros auf einem der insgesamt 102 Stockwerke arbeiten.
So gründlich werden Taschen durchsucht, dass die Wartezeit vor dem Sicherheitscheck um neun Uhr morgens fast eine Stunde beträgt.
"So unbeschwert wie vorher werden wir hier nie mehr hinauffahren", sagt der Franzose Renaud Guttinger, dessen Transportfirma AMC sich auf der 51. Etage eingemietet hat.
Seitdem die Türme des World Trade Center eingestürzt sind, gibt es in New York keinen Wolkenkratzer mehr, der das Empire State Building überragt.
Die Behörden halten das Gebäude deshalb für hoch gefährdet, und sogar nachts bewachen vier Polizisten den Eingang.
Zwei Tage nach dem Angriff ist Guttinger ins Büro zurückgekehrt. "Das ist wie nach einem Autounfall", erklärt er, "da soll man auch so schnell wie möglich wieder fahren."
Mit seinen Kollegen hat er sich Sandwiches im Imbissladen Au bon pain im Erdgeschoss geholt, und allein diese Tatsache beweist schon, dass etwas nicht stimmt: Franzosen meiden diese Kette üblicherweise, weil sie das Image guter französischer Küche nutzt, um billige amerikanische Snacks zu verkaufen.
Die Spediteure aber haben diesmal ihre Ausweise oben vergessen und können deshalb das Gebäude nicht verlassen.
Weil längst nicht alle der 16.000 Menschen, die im Empire State Building arbeiten, ins Gebäude zurückgekehrt sind, trocknen die Bagels in ihren Geschmackssorten von "Asiagokäse" bis "Hollandapfel" traurig vor sich hin, und die Tagessuppe kühlt aus.
Schräg gegenüber dem Imbissladen hat in dieser Miniaturstadt das Modegeschäft Strawberry kurzfristig den Schlussverkauf ausgerufen.
Zehn Prozent der Einnahmen gehen an Hilfsfonds für die Betroffenen des Terroranschlags, was die braungelben Damenkostüme zwar auch nicht schöner macht, aber der Verkäuferin ein schnelles Lob der einzigen Kundin verschafft.
Maschine vor dem Fenster
Guttinger stand an seinem Schreibtisch, als das erste Flugzeug nur wenige hundert Meter über das Gebäude hinwegsauste.
Er fiel in seinen Sessel zurück und verfolgte durch sein nach Süden gerichtetes Fenster den Kurs der Maschine. "Es war sofort klar, dass es sich nicht um einen Unfall handelte", erinnert er sich.
Gelähmt blieb er sitzen. Kurz nachdem das zweite Flugzeug einschlug, schrillte der Alarm, und Guttinger ging mit den Kollegen zum Aufzug.
Vierzig Minuten dauerte es am Dienstag voriger Woche, bis das Gebäude vollständig evakuiert war. "Wir haben reagiert, bevor uns die Behörden verständigt haben", rühmt sich die Hausverwaltung in einem Memorandum, das neben jeder Aufzugstür hängt.
Die Polizei bildete einen Sicherheitskordon, während zwei Hausangestellte jedes Büro nach Menschen durchsuchten, die oben geblieben waren.
Als am Dienstag plötzlich wegen eines schmorenden Kabels Rauch aus einem Schacht auf der 69. Etage drang und der Feueralarm schellte, wiederholte sich der Ablauf.
"Die Menschen waren alle erstaunlich ruhig", berichtet der Pakistani Hussain, dem zwei Zeitschriftenläden im Erdgeschoss gehören.
35.000 Besucher kommen an einem durchschnittlichen Tag ins Gebäude, und weil sie jetzt wegbleiben, sieht der Marmorboden noch nachmittags frisch geputzt aus.
Hussain macht kein Geschäft mehr, er sperrt seine Läden um sechs Uhr abends zu statt wie sonst um halb zwölf. Nur Zeitungen, Schokoriegel und Postkarten mit den Zwillingstürmen finden Käufer.
Hussain freut sich über jedes Lächeln, denn auf der Straße haben ihn Passanten mehrfach beschimpft. "Die werfen mich in den gleichen Topf mit diesen Spinnern,die das Wort unseres Propheten falsch verstehen," sagt er.
Seine Frau hat ihm am Morgen einen Segen gespendet, und sich bis zum frühen Abend mehr als fünfzig Mal telefonisch nach seinem Wohlergehen erkundigt.
Neben Hussains Stand blinken rote Lichter in einem Glaskasten, der als Feuerbefehlsstation beschriftet ist.
Von hier aus erreichte die Durchsage über die Anschläge Ximena Cortes, die das Büro eines deutschen Reiseveranstalters auf der 28. Etage leitet.
Ihr Fenster geht nach Norden, und deshalb erfuhr sie erst durch einen Anruf von den Anschlägen.
Obwohl das Gebäude am Tag danach geschlossen war, kehrte sie zurück, um Unterlagen über Flüge zu holen und sie in den Hotels zu verteilen. "Wir waren zu beschäftigt, um unsere Kunden zu beruhigen", erzählt sie, "und wir haben kaum über die Ereignisse nachdenken können."
Sie tröstet sich damit, dass im Juli 1945 ein Flugzeug gegen das Gebäude geflogen war, das sich nach oben kaskadenartig verjüngt. Damals hätten die Wände unten kaum gezittert. Allerdings handelte es sich damals um einen Bomber der Luftwaffe mit drei Mann Besatzung, der sich im Nebel verirrt hatte. 14 Menschen starben.
So legt sich jeder seine Dosis Beruhigungspillen zurecht, versenkt sich in Arbeit und stellt fest, dass absolute Sicherheit unmöglich ist.
Die Menschen im Gebäude gewöhnen sich daran, dass die Bilder der Ereignisse für immer in ihrem Gehirn gespeichert sind. Das Geräusch eines Flugzeugmotors genügt, um den Film vor dem inneren Auge abzuspulen.
"Wenn es mein Tag ist, dann ist es eben mein Tag", redet sich Cortes ein, die um ihren Hals ein tief über ihrer Bluse hängendes Kreuz trägt. Wie die Kolleginnen bezeichnet sie ihre Angst selbst als irrational, aber kann sie nicht leugnen. "Schlimm ist es für meine Tochter", sagt sie, "weil sie tagsüber um mein Leben fürchtet und zitternd auf mich wartet."
Unter blauem Himmel versuchen draußen drei Männer auf einer Hebebühne, eine riesige amerikanische Flagge über die Glasfassade an der Fifth Avenue zu hängen.
Sie finden keinen Vorsprung, an dem sie die unteren Schnüre befestigen können, sodass der Wind wild durch das Tuch bläst.
Würdelos, befinden sie, und montieren die Flagge wieder ab. Zwei Stunden später fahren die Männer noch einmal nach oben, mit einem Steinbohrer, und schrauben Metallhaken in die Wand.
Debatte über Militäreinsatz in Syrien