Neues von der #Kunstjagd "Es ist unglaublich, unglaublich"

Sind das die zwei Bilder, die an der Wohnzimmerwand der Engelbergs hingen?

(Foto: Follow the Money)

Ist das gefundene Gemälde tatsächlich das verschollene? Jenes, das einer jüdischen Familie in Nazi-Deutschland vor fast 80 Jahren das Leben gerettet hat? Die Indizien sprechen dafür, aber endgültig klären kann diese Fragen nur der letzte lebende Zeitzeuge.

Internationales Rechercheprojekt

Das Projekt #Kunstjagd ging im Juni zu Ende - aber die Suche nach dem in der Nazi-Zeit verschollenen Gemälde seitdem weiter. Nun scheint es, als ob das Rechercheteam von Follow the Money (FtM) tatsächlich das gesuchte Bild, das vor fast 80 Jahren einer jüdischen Familie zur Flucht aus Nazi-Deutschland verholfen hat, gefunden hat. Hier berichten die Kollegen von neuen Entwicklungen - und dem entscheidenden Treffen.

Das Projekt
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Im Mittelpunkt des Projekts #Kunstjagd steht die Suche nach einem verschollenen Gemälde der Familie Engelberg. SZ.de begleitet die Recherchen in einem 360°-Schwerpunkt, in dem wir über Fortschritte informieren und den historischen Hintergrund beleuchten Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) sowie der Filmproduktion Gebrüder Beetz und den Medienpartnern BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de. Mehr auf www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Die Sendepause der #Kunstjagd ist vorbei. Schließlich wollen wir immer noch wissen, was aus dem Frauenbildnis wurde, das 1938 der jüdischen Familie Engelberg das Leben gerettet haben soll. Das offenbar eine entscheidende Rolle dabei gespielt hat, der von den Nazis verfolgten Familie die Flucht aus Deutschland zu ermöglichen (mehr zur Geschichte der Engelbergs, zum Projekt sowie weitere Beiträge zum geschichtlichen Hintergrund finden Sie auf dieser Themenseite). Wochenlang waren wir, das #Kunstjagd-Journalistenteam, deswegen im Frühsommer unterwegs, in Deutschland, der Schweiz und Österreich.

Am Ende haben wir tatsächlich ein Gemälde aufgetrieben, von dem wir glauben und hoffen, dass es das verschollene Kunstwerk sein könnte. Motiv, Entstehungsjahr, Größe, Fundort - vieles deutet darauf hin, dass es sich um das zweite Frauenbildnis der Familie Engelberg handelt, das vor 77 Jahren verschwand. Das Bildnis einer Frau, das der Familienlegende nach im November 1938 von einer jüdischen Hausfrau in München von der Wand genommen, aufgerollt und aus dem Haus getragen wurde. Wenige Stunden später kam Paula Engelberg, Edwards Mutter, zurück, mit einem Transitvisum für die Schweiz. Für die Familie war das die Rettung. Gewissheit, ob das gefundene auch das gesuchte Bild ist, finden wir aber nur dort, wo diese Recherche im Januar begann: in Portland, Oregon, bei Edward Engelberg, dem letzten lebenden Zeitzeugen.

Wie gelang die Flucht aus Nazi-Deutschland?

November 1938: Die Gestapo bringt Jakob Engelberg ins KZ Dachau. 15 Tage später kommt er frei, die Familie kann fliehen - offenbar dank eines Gemäldes. Was genau geschehen ist, fragen sich die Engelbergs bis heute. Internationales Rechercheprojekt - Woche 1 von 6 mehr ... 360° - #Kunstjagd

Im Gepäck hat unser Reporter Christian Salewski das Gemälde, das wir in München gefunden haben. Heute gehört es einem alten Mann, der im gleichen Jahr geboren ist wie Edward Engelberg. Der Besitzer, der anonym bleiben will, hat das Gemälde von seinem Vater geerbt. Wenig später sitzt Christian Salewski also in Edward Engelbergs Apartment. Der alte Mann ist mindestens so angespannt wie der Reporter, als dieser vorsichtig den Karton öffnet, das Packpapier entfernt und es Edward Engelberg zeigt. Der atmet tief ein. Er schaut genau hin. Dann sagt er: "Es ist unglaublich, unglaublich. Es ist dem anderen Gemälde so ähnlich, sogar die nachdenkliche Pose."

Gegenüberstellung in Portland: Ist das gefundene das gesuchte Bild?

(Foto: Follow the Money)

Er betrachtet das Bild noch einmal, nimmt sich Zeit. "Es ist bemerkenswert. Es löst ein stärkeres Bauchgefühl aus als alles andere, was ich bisher gesehen habe." Doch Engelberg ist vorsichtig. So sehr ihn das Gemälde berührt, so deutlich sagt er auch, dass er nicht absolut sicher sein kann. Wie auch, nach fast acht Jahrzehnten? Am Ende dieser Recherche steht damit ein Bauchgefühl. Auch wir hatten es die ganze Zeit, seit wir dieses Bild in München aufgetrieben haben. Jenes Gemälde, bei dem alles zu passen scheint: Motiv, Größe, Entstehungsjahr, Fundort, die Galerie, in der es nach dem Krieg erworben wurde. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Gemälde tatsächlich das verschollene ist, ist seit Portland sehr viel größer geworden.

Zugleich beschleichen uns Zweifel. Wir haben keinen eindeutigen Beweis. Wir besprechen den größten Haken, den die Sache für uns noch hat: Das Gemälde ist auf Pappe gemalt. Es konnte nicht gerollt werden. Christian Salewski fragt Edward Engelberg, ob seine Mutter das Bild auch eingewickelt haben könnte, etwa in einen Mantel, statt es aufzurollen? "Das ist durchaus möglich. Aber ich bin mir sehr sicher, dass sie es aus dem Rahmen genommen hat."

Ob das Rätsel also wirklich gelöst, das Gemälde tatsächlich das verschollene ist, werden wir wohl nie mit absoluter Gewissheit sagen und den letzten Beweis wohl nie erbringen können. Alle Indizien deuten darauf hin, dass wir es gefunden haben. Es gibt nach Monaten der intensiven Recherche keine Fakten, die diese Annahme widerlegen. Umgekehrt gefragt: Ist es wahrscheinlich, dass wir ein Bild gefunden haben, auf das alle Indizien passen? Ein Bild, von dem der einzige Zeitzeuge so überzeugt ist, wie er nach 77 Jahren eben sein kann? Und dass dieses Bild dann doch ein anderes als das gesuchte ist? Ein Gemälde desselben Künstlers, das nie etwas mit der Familiengeschichte der Engelbergs zu tun hatte? Eben!

Die Ergebnisse der #KunstjagdRecherchen haben wir in diesem Blog zusammengestellt - hier halten wir Interessierte auch über neue, weitere Entwicklungen auf dem Laufenden. Mehr von der #Kunstjagd gibt es voraussichtlich Ende November: Dann wird der Film über das Projekt, die Reise und die Geschichte des Bildes im Bayrischen Rundfunk, im ORF und SRF laufen. Eine Ausstellung über die #Kunstjagd mit den Bildern, die im Mittelpunkt des Projekts standen, findet von 19. November bis 13. Dezember im Jüdischen Museum München statt.

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