Von Reymer Klüver, Washington

Unter Barack Obama beginnt der Tag im Weißen Haus zwar etwas später, aber das Tempo danach ist viel höher als früher. Am ersten Tag ging es um die Wirtschaftskrise, die Zukunft des Iraks und Guantanamo. Der US-Senat hat Hillary Clinton als Außenministerin bestätigt.

Sasha und Malia durften ausschlafen. Jedenfalls mussten sie am Mittwochmorgen nicht zur Schule. Die Inauguration war ja auch aufregend genug. Und außerdem waren am Abend, als Mom und Dad auf gleich zehn Bällen tanzen mussten, ein paar Freunde aus Chicago zu einer gemeinsamen Sleepover-Party gekommen, damit die erste Nacht im Weißen Haus nicht so einsam ist.

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Der erste Morgen des US-Präsidenten Obama im Oval Office, wor er sich mit Stabschef Rahm Emanuel berät. (© Foto: Reuters)

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Ohne Zweifel wird es nicht nur gewaltige politische, sondern auch einige kulturelle Unterschiede zwischen der Bush-Administration und dem Weißen Haus unter Obama geben. Zum Beispiel was den Arbeitsbeginn angeht. Zwar brannte an diesem Mittwoch um acht Uhr schon längst Licht in einigen Büros im Westwing der Regierungszentrale, wo die wichtigsten Leute des Präsidenten ihre Büros haben.

Eine wichtige außenpolitische Entscheidung fiel bereits am Mittwoch: Hillary Clinton ist die neue Außenministerin von Barack Obama. Der US-Senat hat der Nominierung der 61-jährigen ehemaligen First Lady zugestimmt.

Offiziell wurde zunächst von keinem Mitarbeiter erwartet, dass er vor neun mit der Arbeit beginnt und sich mit der Bedienungsanleitung für das Computernetzwerk vertraut macht. David Axelrod, Obamas engster Berater, wurde jedoch schon früher gesichtet mit einer Tasche unter dem Arm, aus der ein Bilderrahmen und die historische Inaugurationsnummer der Zeitung ragte.

Unter George W. Bush summte der Westwing bereits um sieben Uhr morgens wie ein Bienenhaus. Und der Präsident liebte es, in diese Zeit seine ersten Termine zu legen, nachdem er bereits vom CIA über die Ereignisse unterrichtet worden war. So früh wird es unter Barack Obama wohl nicht losgehen.

Der Alltag beginnt

Das sollte allerdings nicht täuschen. Obama hat versprochen, ein fleißiger Präsident zu sein. Und das stellte er gleich an seinem ersten Arbeitstag unter Beweis. Trotz langer Nacht war er bereits um 8.35 Uhr am Schreibtisch im Oval Office und las einen Brief von George W. Bush, den der in einem Umschlag mit der Aufschrift hinterlassen hatte: "Für Nr. 44 von Nr. 43'".

Zehn Minuten später war Stabschef Rahm Emanuel zur Stelle, um den Tagesablauf zu besprechen. Um 9.10 Uhr besuchte First Lady Michelle Obama zum ersten Mal ihren Mann an seinem neuen Arbeitsplatz. Und noch am Vormittag telefonierte der Präsident mit Ägyptens Präsident Mubarak, mit Israels Premier Olmert, Jordaniens König Abdullah und Palästinenserpräsident Abbas - ein machtvolles Signal, dass die Probleme des Nahen Osten höchste Priorität für den Neuen im Weißen Haus haben.

Innenpolitisch hatte für Obama der Alltag bereits am Dienstag begonnen, als Washington noch in Feierlaune war. Er ernannte offiziell jene sieben seiner neuen Minister, die der Senat nach der Inauguration bereits bestätigt hatte. Und sein Stabschef unterschrieb nur Stunden nach der Vereidigung ein Dekret, mit dem einige Anordnungen Präsident Bushs aus dessen letzten Amtstagen bis auf weiteres widerrufen werden.

So hatte Bush ein Dekret unterzeichnet, dass Besucher in einigen Nationalparks Waffen tragen dürfen. Ein anderes verordnete, dass Krankenhäuser keine Bundesmittel erhalten sollen, die Ärzten die Einstellung verweigern, weil sie aus religiösen Gründen keine Abtreibung vornehmen wollen. Derlei Dekrete gehören zum Kleinklein der Amtsübergaben. Bei Bill Clinton war es nicht anders gewesen, als er Bush die Amtsgeschäfte übergab. Bush hatte einige Dekrete Clintons ebenfalls rückgängig zu machen versucht.

Eine neue Marschorder

Politisch ungleich brisanter dürfte an Obamas erstem Arbeitstag Dreierlei sein. Zum einen hat er nach dem Fürbittgottesdienst in der National Cathedral seinen wirtschaftspolitischen Beraterkreis einberufen. Das ist natürlich eine symbolbefrachtete Handlung: Die Wirtschaftskrise hat für die neue Administration absolute Priorität. Darin steckt aber auch ein versteckter Hinweis in Richtung Kongress.

Denn zweifelsohne wird im Zentrum der Beratungen im Weißen Haus sein, was zu tun ist, damit beide Kammern des Parlaments das geplante gigantische Konjunkturprogramm in den nächsten vier Wochen tatsächlich verabschieden - und zwar mehr oder minder so, wie der Präsident es wünscht.

Für den Nachmittag bestellte Obama die für den Irak-Krieg zuständigen Generäle ein. Und es bestand kein Zweifel, dass sie eine neue Marschorder bekommen sollten: Der neue Oberbefehlshaber wünscht den Abzug aller Kampftruppen aus dem Irak innerhalb von 16 Monaten. Punkt. Einen Teil der Soldaten aber will er nach Afghanistan verlegen, weil er glaubt, dass der Kampf gegen al-Qaida dort von seinem Vorgänger sträflich vernachlässigt wurde.

Als Drittes wird Obama die Schließung des Internierungslagers in Guantanamo per Dekret anordnen. Allerdings war am Morgen noch nicht ganz klar, ob die Verordnung - juristisch wasserdicht- noch am Mittwoch unterschriftsreif sein würde. Auf den einen oder anderen Tag kommt es wohl aber auch gar nicht mehr an. Zu seinen ersten Amtshandlungen noch am Dienstag zählte nämlich, dass Obama - ebenfalls per Dekret - die Streitkräfte ersuchte, die Verhandlungen der Militärtribunale gegen einige der in Guantanamo einsitzenden Häftlinge für 120 Tage auszusetzen.

Obama verkündet eine "neue Ära der Offenheit". Lesen Sie auf der nächsten Seite außerdem, welche neuen Regeln er für seine Mitarbeiter aufstellt.

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