Albrecht Glaser Umstrittener "Musterdemokrat" der AfD

Hält sich für einen "Musterdemokraten": Albrecht Glaser.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)
  • Die AfD hält an ihrem umstrittenen Kandidaten für das Amt eines Bundestagsvizepräsidenten fest.
  • Dem 75-jährigen Albrecht Glaser wird vorgeworfen, Muslimen die Religionsfreiheit abzusprechen.
  • Glaser bestreitet die Vorwürfe und bezeichnet sich als "Musterdemokraten".
Von Jens Schneider, Berlin

Die Ansage ist unmissverständlich, von beiden Seiten. So steht vor der ersten Sitzung des neuen Bundestags so gut wie sicher fest, dass es gleich Streit um die AfD geben wird. Die hat den 75 Jahre alten Albrecht Glaser für das Amt des Bundestagsvizepräsidenten nominiert. Der Posten steht der AfD nach der Geschäftsordnung zu. Im Fall Glaser aber haben Politiker von Union, SPD, FDP, Grünen und Linken signalisiert: Glaser sei für sie unwählbar. Sie werfen ihm vor, dass er den Muslimen die Religionsfreiheit abspreche.

Die AfD will an Glaser festhalten, auch über mehrere Wahlgänge. Die Fraktion stellte sich geschlossen hinter ihn. "Das hätte wahrscheinlich jeden von uns genauso getroffen", sagt der AfD-Abgeordnete Götz Frömming aus Berlin. "Man suchte nur nach einem Vorwand, um den Kandidaten der AfD ablehnen zu können." Er ist der Urheber einer Erklärung zur Unterstützung Glasers und nennt ihn einen "untadeligen Mann mit großen Verdiensten", der "selbstverständlich auf dem Boden des Grundgesetzes steht". Fraktionschef Alexander Gauland sagt, alle würden in der Frage denken wie Glaser. Dies könnte, so argwöhnen Kritiker, ins Kalkül der AfD passen: Sie kann sich ihren Anhängern als Partei präsentieren, die von der Konkurrenz ausgegrenzt wird.

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Der Anlass für die grundsätzliche Ablehnung Glasers sind Sätze aus einer Rede im Frühjahr auf einer Veranstaltung in Oestrich-Winkel im Rheingau. "Wir sind nicht gegen die Religionsfreiheit", hatte er da gesagt. "Der Islam ist eine Konstruktion, die selbst die Religionsfreiheit nicht kennt und die sie nicht respektiert. Und die da, wo sie das Sagen hat, jede Art von Religionsfreiheit im Keim erstickt. Und wer so mit einem Grundrecht umgeht, dem muss man das Grundrecht entziehen."

Für seine Kritiker ist der Satz klar so zu verstehen, dass Glaser das Grundrecht auf Religionsfreiheit in Abrede stellt. "Ich werde nie jemanden wählen, der einer Gruppe von Menschen die Wahrnehmung von Grundrechten pauschal absprechen will. Das gilt besonders für die Religionsfreiheit", betonte der Vorsitzende der Unionsfraktion, Volker Kauder. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD, Carsten Schneider, sagte, dass Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten "natürlich auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und insbesondere die Grundrechte respektieren" müssten.

Glaser bezeichnet sich als "Musterdemokraten", er wolle den Muslimen nicht die Religionsfreiheit entziehen, sagt er. Auf jeden Fall will der Hesse antreten, der sich schon im Frühjahr um ein hohes repräsentatives Amt bewarb. Als Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt wurde, erhielt Glaser als AfD-Kandidat 42 Stimmen. Er ist im Bundesvorstand, zählt zu den Gründern der Partei und hat ihr Grundsatzprogramm mitgeschrieben. Mehr als vier Jahrzehnte gehörte er zuvor der CDU an, war einige Jahre Stadtkämmerer in Frankfurt am Main. Bis heute lasten ihm Kritiker den Ankauf von Fonds für die Stadt in jenen Jahren an.

In der AfD stellt man sich auf ein Szenario wie 2005 ein. Damals scheiterte Lothar Bisky als Kandidat der Linkspartei vier Mal. Die Partei nominierte einige Monate später Petra Pau, sie wurde Vizepräsidentin. Einzelne in der AfD spekulieren, dass man schneller einen neuen Kandidaten präsentieren könnte. Als Alternative galt der Partei-Vize Paul Hampel. Er unterlag bei der internen Auswahl Glaser erst in der Stichwahl. Allerdings stand Hampel an diesem Montag erst mal im Mittelpunkt einer Razzia in Niedersachsen.

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