Neue Spuren im Fall Barschel Unter ungeheurem Druck

Im Fall Barschel aber konnte bis heute weder ein Tatmotiv noch ein Tatverdächtiger ausgemacht werden. Nicht einmal die Todeszeit steht fest. Zur Mord-Hypothese gehörte meist die Vermutung, Barschel sei in irgendwelche Waffengeschäfte verwickelt gewesen. Ob er angeblich mit dem damals rassistischen System in Südafrika oder mit Iran gehandelt hatte - stets stand am Ende angeblich der raffiniert getarnte Mord durch staatliche Killer. Elf Nachrichtendienste und die Mafia-Organisation Camorra wurden in Büchern und Filmen verdächtigt. Dabei spielte es keine Rolle, ob Barschel der Gute war, der die Bösen auffliegen lassen wollte, oder ob er der Schurke war, der kassiert hatte und nach seinem unrühmlichen Abgang in Kiel nicht mehr liefern konnte. Das Problem war nur: Es gab nie einen Beweis für eine Beteiligung Barschels an irgendeinem Waffengeschäft.

Der Christdemokrat stand damals wegen seiner Affären-Geschichte unter ungeheurem Druck. Er war gezeichnet von den Narben des politischen Kampfes und litt darunter, dass sich die eigene Partei von ihm abgewandt hatte. Selbst sein Rücktritt als Regierungschef wegen angeblicher Tricks gegen politische Gegner hatte damals vielen in der Partei nicht gereicht. Aber so verwegen, die CDU als Auftraggeber des angeblichen Mordes zu bezeichnen, waren selbst die Anhänger der Mordthese nie. Die Ereignisse sind auch deshalb so schwer zu rekonstruieren, weil die Schweizer Ermittler ungewöhnlich schlampig gearbeitet haben. Es gibt keine verwertbaren Tatortfotos, weil der Fotoapparat falsch eingestellt war. Es gibt keine Auswertung von Fingerspuren, weil die eidgenössischen Ermittler darauf verzichteten. Ein Abschiedsbrief Barschels wurde nicht gefunden. Das ist aber in vielen Suizidfällen so.

Die Mordtheorie und die bislang kaum diskutierte Sterbehilfe-Theorie litten und leiden jedoch unter einem Umstand: Es war ein Zufall, dass Barschel nach Genf reiste. Im Urlaub auf Gran Canaria hatte er nach seinem Rücktritt eine Mitarbeiterin der Ferienanlage für seine geplante Rückreise nach Deutschland um einen Flug über Zürich gebeten. Sie erwiderte, die Maschine sei voll. Barschel sagte dann: "Egal, dann eben ein Flug über Madrid oder Genf." Sie bestellte ein Ticket nach Genf. Es ist nicht klar, wie dann ein Mordkommando oder ein gewöhnlicher Sterbehelfer vor Ort hätten sein können.

Der Unbekannte verließ vermutlich den Raum, als Barschel noch lebte

Im Zimmer 317 des Beau-Rivage, das Barschel am 10. Oktober 1987 bezog, wurden keinerlei Spuren von Gewalt gefunden. Die Leiche in der Badewanne wies nur ein blasses Hämatom auf der Stirn auf, das sich Barschel bei einer Bewusstseinstrübung selbst zugezogen haben konnte. Auffällig war, dass Barschel eine Flasche Rotwein bestellt hatte, die später nicht mehr gefunden werden konnte. Unter anderem auch das deutete darauf hin, dass sich möglicherweise doch ein Fremder in dem Zimmer aufgehalten und die Flasche entsorgt hatte. Ein Kellner hatte zwei Rotweingläser gebracht. Das zweite Glas war allerdings nicht benutzt worden.

Barschel wurde am 11. Oktober tot in der Badewanne gefunden. Das Wasser war kalt. Die Todesumstände entsprachen ziemlich genau schriftlichen Anleitungen von Sterbehilfeorganisationen. Dort wird empfohlen, eine Kombination von verschiedenen Medikamenten einzunehmen und anschließend Alkohol zu trinken. Die Mischung von Substanzen, die Barschel zu sich nahm, stimmt damit auffallend genau überein. Mehrere Organisationen empfehlen auch, sich danach in eine gefüllte Badewanne zu legen.

Hatte Barschel am Ende einen Sterbehelfer an der Seite, der mit der Garderobe des 43-Jährigen in Berührung kam? Wer immer in Zimmer 317 gewesen sein mag: Der Unbekannte verließ vermutlich den Raum, als Barschel noch lebte. Barschel lag über Stunden bewusstlos in der Wanne. Für einen Profikiller wäre es ein ziemliches Risiko gewesen, sein Opfer derart liegen zu lassen. Für einen Sterbehelfer eher nicht.