SZ: Der Präsident des Weltverbandes FIDE, Herr Iljumschinow, Präsident der russischen autonomen Republik Kalmückien, behauptet, er sei von Außerirdischen in einem UFO entführt worden.
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Steinbrück: Wirklich? Ich hab den Herrn einmal kennen gelernt, aber von dieser UFO-Erfahrung hat er mir nichts erzählt.
SZ: Das Duell zwischen Topalow und Kramnik war überschattet von Vorwürfen Topalows, Kramnik würde auf der Toilette den Computer zu Rate ziehen.
Steinbrück: Ich erinnere mich. Das ist psychologische Kriegführung. Ich habe gehört, dass zur Vorbereitung auf so einen Wettkampf gerade auch die Marotten eines Gegners eingehend studiert werden. Ich bin überhaupt beeindruckt, wie die sich vorbereiten. Da sind unsere Wahlkämpfe nichts dagegen.
SZ: Sie spielen selbst viel mit dem Computer...
Steinbrück: ... ich steige beim Level von durchschnittlich 1:30 Minuten Bedenkzeit für den Computer ein, was dann manchmal pro Zug fünf bis sechs Minuten sind, und spiele dann ein "Turnier", wer zuerst sechs Siege hat. Wenn ich das gewinne, steigere ich mich auf das nächste Level. Meistens ist dann Schluss.
SZ: Kramnik hat gegen den Computer Deep Fritz 2:4 verloren. Deep Fritz rechnet pro Sekunde zehn Millionen Stellungen durch. Ist damit der Punkt erreicht, an dem der Computer als dem Menschen überlegen angesehen werden muss?
Steinbrück: Ja. Und ich finde es zutiefst deprimierend, wenn künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz überwältigt. Das bedeutet, dass auch Intuition gegen rechnerische Prozesse nichts mehr ausrichten kann. Ich hätte das beim Schach nicht für möglich gehalten. Für mich hat das geradezu eine kulturpessimistische Komponente.
SZ: Wobei die künstliche Intelligenz ja auch eine Leistung des Menschen ist.
Steinbrück: Das stimmt, aber das Erschütternde daran ist ja, dass diese Intelligenz sich so verselbständigt, dass der Mensch von einer Maschine überwältigt wird, die er selbst programmiert hat.
SZ: Sollte man bei diesen Fähigkeiten nicht auch die Politik dem Computer überlassen?
Steinbrück: Dem Computer fehlt die Fähigkeit, Politik zu kommunizieren. Ich denke, dass die Kategorie des Politischen für künstliche Intelligenz nicht fassbar ist. An einer Stelle nachzugeben, um an anderer Stelle etwas zu erreichen - solche Strategien sind für den Computer zum Beispiel nicht berechenbar. Das hat etwas mit anderen Menschen zu tun und ist oft auch sehr situativ.
SZ: Napoleon, Lenin, Che Guevara - alles Schachspieler. Gegen wen hätten Sie am liebsten noch gespielt?
Steinbrück: Napoleon. Ich hätte gerne gewusst, ob er so Schach spielt, wie er seine Feldzüge angelegt hat, vor allem die Schlacht von Austerlitz.
SZ: Im Oktober beginnt die Schach-WM in Bonn und Sie sind der Schirmherr. Angenommen, die SPD entscheidet an diesem Tag über ihren Kanzlerkandidaten - zu welcher Veranstaltung fahren Sie?
Steinbrück: (lacht) Ich werde alles tun, damit die SPD ihren Kandidaten nicht am selben Abend kürt. Ich habe für die Schach-WM schon zugesagt und werde Kurt Beck inständig darum bitten, das bei der Terminplanung zu berücksichtigen.
Notation
Weiß: Peer Steinbrück Schwarz: Wladimir Kramnik
5. März 2005 in Bonn
1.e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0-0 Le7 6. Te1 b5 7 Lb3 d6 8. h3 Sa5 9. c3 Sxb3 10. Dxb3 Lb7 11. d3 0-0 12. Le3 c5 13.Sbd2 Dc7 14. Tac1 Tfe8 15. Dc2 d5 16. Lg5 Tad8 17. Tcd1 h6 18. Lh4 dxe4 19. dxe4 c4 20. Lg3 Lc5 21. Lh4 g5 22. Lg3 Sh5 23. Sf1 Sf4 24. Lxf4 exf4 25. S1h2 Db6 26. Sg4 Txd1 27. Txd1 Lxe4 28. Dd2 Lxf3 29. gxf3 De6 30. Dd7 Kg7 31. Kg2 Dxd7 32. Txd7 Te2 33. Tc7 Le7 34. Tc6 h5 35. Sh6 Te5 36. Txa6 f6 37. Ta7 Kxh6 Weiß gibt auf.
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Die Ärzte in München
Lieber Kollege Fried,
man ist als Zeitung lesender Schachspieler und Journalist (1977-1998 "SZ" Starnberg) ja dankbar über jeden Krumen, der fürs Schach vom Tisch der sonstigen Berichterstattungs-agenda fällt. Auch über das Interview mit Steinbrück habe ich mich gefreut - wenngleich von Ihnen mal wieder das Klischee vom Schachspieler, der prinzipiell nicht alle Tassen im Schrank haben kann, strapaziert wurde. Die Formulierung: "Sie haben mit dem Königsbauern eröffnet, was gemeinhin als die offensivste Variante gilt", ist leider laienhaft-unpräzise, wenn nicht gar mit sachlich falscher Intention gestellt. Vielleicht hätte ja Herr Breutigam als "SZ"-Fachmann noch mal kurz gegenlesen sollen. Unterhalb der WM-Ebene nimmt die "Süddeutsche" diese Sportart(!) ohnehin kaum ernst, geschweige denn wahr. (In Dresden findet übrigens im November die Schach-Oplympiade statt!) Martin Breutigam macht seine Sache meiner Meinung nach sehr gut, auch wenn er sich nach Meinung der Schach-Fachpresse mit der Verschwörungstheorie in Sachen Topalow damals etwas zu weit aus dem Fenster gelegt hat - doch das Element des "Reißerischen" hilft eben manchmal auch dem Schach ins Blatt....
P.S. Als ich im Jahr 2000 einmal einen von Michael Gernandt in Auftrag gegebenen(!) Beitrag von der Schach-Olympiade Istanbul schickte (über die Weltklassespielerin Antonaeta Stefanova), wurde ich im Übrigen von der Sekretärin der Chefredaktion verbeschieden, man nehme den Artikel nun doch nicht, weil ich ja noch mit dem SV in einem arbeitsrechtlichen Verfahren befände... MfG Thomas Lochte