Neue Gewalt nach Todesurteilen Ägyptens Bürger nehmen das Recht in ihre Hände

Anhänger des Kairoer Fußballvereins Ahli feiern die Todesurteile gegen Fans des Port Saider Rivalen Masri.

(Foto: Getty Images)

Präsident Mursi und seine Muslimbrüder sind abgetaucht. In Ägypten glaubt kaum jemand mehr, dass die Regierung noch etwas ordnen kann. Dabei geht es längst um mehr als politische Rivalitäten.

Ein Kommentar von Sonja Zekri, Kairo

Radikale Fußballfans sperren Brücken und Metrostationen, Provinzler blockieren Gleise und Straßen, Arbeiter bestreiken Fabriken, Staatsbeamte boykottieren das Regierungsgeschäft, Verurteilte sollen von Angehörigen aus dem Gefängnis befreit werden: Ägyptens Bürger nehmen das Recht in ihre Hände.

Zwei Jahre nach dem Sturz Mubaraks, ein halbes Jahr nach dem Wahlsieg der Islamisten erodiert die Staatsgewalt. Kaum jemand traut der Regierung noch eine ordnende Rolle zu. Jeder erhebt - oft berechtigt - Forderungen, versucht zu retten, was zu retten ist. Und die Muslimbrüder mit ihrem Präsidenten Mohammed Mursi? Sind abgetaucht. Mursi kondolierte den Familien der Getöteten via Twitter. Eine haarsträubende Instinktlosigkeit.

Das Land ist aus den Fugen, längst geht es nicht mehr nur um politische Rivalitäten, nicht mal nur um Ideologien, sondern um die Desintegration einer vielfach zerrissenen Gesellschaft: Islamisten gegen Säkulare, Port Said gegen Kairo, Land gegen Stadt, Reich gegen Arm.

Der Nationale Verteidigungsrat - ähnlich besetzt wie der umstrittene postrevolutionäre Militärrat - will nun über die Geschicke Ägyptens entscheiden. Ein neuer Ausnahmezustand wurde diskutiert und offenbar vorerst verworfen. Es bräuchte mehr politisches Geschick, als Mursi bis jetzt gezeigt hat, um Ägypten aus dem Strudel zu ziehen.