Neue Ermittlungen in Serbien Suche nach Mladics Helfern

Mladics Anwalt hat Berufung gegen die Auslieferung an das UN-Tribunal in Den Haag eingereicht. Die Justiz in Serbien kündigt unterdessen neue Ermittlungen gegen mögliche Unterstützer an: Wie konnte der Gesuchte so lange unentdeckt bleiben?

Von Enver Robelli, Zagreb

Der alte Mann ist empört. Kaum hat er seine Zelle bezogen, beklagt sich Ratko Mladic über die Behörden, die seine Rente seit 2005 nicht auszahlen. Auf einem Sonderkonto liegen derzeit umgerechnet 47.000 Euro. Das Geld soll er nun rückwirkend erhalten. Plötzlich ist Mladic reich, aber er kann sich nicht mehr zufrieden zurücklehnen. Bis Ende der Woche soll der 69-Jährige an das Haager UN-Tribunal ausgeliefert werden. Dagegen legte sein Anwalt am Montag per Brief Berufung ein - eine Stunde vor Ablauf der Frist. Mladic hadert mit den Behörden. "Sie haben alles zerstört, wegen Ihnen hat meine Schwiegertochter ihren Job und mein Sohn seine Geschäftsbeziehungen verloren", warf er dem stellvertretenden Staatsanwalt für Kriegsverbrechen, Bruno Vekaric, vor.

Als der mutmaßliche Kriegsverbrecher am vergangenen Donnerstag im Dorf Lazarevo in Nordserbien verhaftet wurde, fanden die Polizisten etwa 800 Euro in seiner Brieftasche. Offenbar hatte Mladic in den letzten Monaten keine Unterstützer und kein Geld mehr, er musste zu seinen nächsten Verwandten flüchten. Die Frage aber, wie es ihm gelang, 16 Jahre lang sein Leben im Untergrund zu finanzieren, wird die Öffentlichkeit in Serbien noch beschäftigen. Klar ist, dass bis zum Sturz des Regimes von Slobodan Milosevic im Herbst 2000 dem Ex-Befehlshaber der bosnisch-serbischen Armee keine Gefahr drohte. Er bewegte sich in Begleitung einer bewaffneten Truppe, lebte in Kasernen, trat öffentlich auf, einmal soll er gar ein Fußballspiel zwischen Jugoslawien und China besucht haben.

Nach der demokratischen Wende änderte sich die Lage. Serbiens prowestlicher Ministerpräsident Zoran Djindjic lieferte Milosevic im Schnellverfahren an das UN-Tribunal aus, er wollte das alte System demontieren. Um einer Festnahme zu entkommen, tauchte Mladic unter. Er soll sich in einer Kaserne in Valjevo aufgehalten haben, 90 Kilometer südwestlich von Belgrad. Damals galt Mladic vielen als Nationalheld. Der Mordanschlag auf Djindjic im März 2003 verschaffte dem Ex-General jedoch unerwartet eine lange Atempause.

Unter Regierungschef Vojislav Kostunica, einem nationalistischen Reformverhinderer, genoss die Fahndung nach Mladic keine Priorität. Serbische Ermittler haben sogar Hinweise, dass Leute aus der Umgebung Kostunicas den prominenten Angeklagten immer wieder gewarnt haben sollen. Erwähnt werden in diesem Zusammenhang vor allem zwei Namen: Der ehemalige Geheimdienstchef Rade Bulatovic und der Ex-Leiter des militärischen Nachrichtendienstes, Aca Tomic. Beide landeten nach dem Mord an Djindjic kurz im Gefängnis, kamen aber wieder frei. Und beide sollen jahrelang enge Beziehungen zu russischen Geheimdiensten gepflegt haben. Ermittler in Belgrad vermuten, dass die Flucht Mladics auch von russischen Quellen finanziert wurde.

Laut der unabhängigen Radiostation B92 versteckte sich Mladic auch in der Belgrader Topcider-Kaserne. Hier kam es 2004 zu einem seltsamen Vorfall. Unbekannte erschossen zwei Rekruten, die offenbar Mladic gesehen hatten. Das Verbrechen ist noch nicht aufgeklärt, die Familien fordern jetzt, dass Mladic dazu befragt wird. Im Jahr 2006 kam die Polizei dem Gesuchten auf die Spur, doch die Festnahme wurde gemäß Angaben der serbischen Sonderstaatsanwaltschaft für Kriegsverbrechen im letzten Moment vom Geheimdienstchef Bulatovic vereitelt. Nur ein Helfer von Mladic wurde festgenommen. In den folgenden Jahren versteckte sich der "Schlächter von Srebrenica" in verschiedenen Wohnungen in der Provinz und in der Trabantenstadt Neu-Belgrad. Dort wohnte er einmal in der Jurij-Gagarin-Straße, wo auch ein gewisser Radovan Karadzic bis zu seiner Festnahme im Juli 2008 lebte.

Kurz zuvor hatte Vojislav Kostunica die Macht verloren, die neue Regierung und Präsident Tadic können die Suche fortsetzen. Die Polizei unterband die Geldströme, viele Helfer von Mladic gaben auf. In den letzten Jahren soll er seinen Wohnsitz ständig gewechselt haben. Am Schluss irrte er offenbar nur noch durch die weite Ebene der nordserbischen Provinz Vojvodina - bis er das Haus seiner Verwandten in Lazarevo fand. Die serbische Justiz hat nun neue Ermittlungen gegen das Helfernetz von Mladic angekündigt.