Der Bundestag wird dann zu mitternächtlicher und späterer Stunde nur noch durch seinen Präsidenten repräsentiert, der mit müder Stimme den Tagesordnungspunkt aufruft und die zu Protokoll gegebenen Reden registriert. Das Parlament verwandelt sich in eine Reden-Abwurfstelle samt Registratur. Der Clou: Die nun ganz offizielle Einführung von "Reden zu Protokoll" erfolgte durch Reden, die "zu Protokoll" gegeben wurden.
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52 Sekunden Beratung pro Tagesordnungspunkt
In der vergangenen Nacht sind 43 Tagesordnungspunkte auf diese Weise parlamentarisch "erledigt" worden. Dafür vorgesehen waren 35 Minuten. Das ergab, so errechnete süffisant der frühere Bundestagsvizepräsident Burkhard Hirsch, 52 Sekunden Beratung pro Tagesordnungspunkt: "Wenn das keine Leistung ist!"
Soeben hat das Verfassungsgericht dem Bundestag in EU-Angelegenheiten sehr viel mehr Macht gegeben als bisher. Gleichzeitig entmachtet dieser Bundestag sich selbst - weil die Zeit drängt, weil Restanten abzuarbeiten sind, weil keine neuen Sitzungstage anberaumt werden sollen, die ja mit Ferien, Parteitagen oder Wahlkampfterminen kollidieren könnten.
Es geht den Fraktionsgeschäftsführern der Regierungsparteien um die Erledigung des politischen Programms; und ihre Kollegen von den kleineren Oppositionsfraktionen neigen angesichts der Mehrheitsverhältnisse dazu, sich auf alle Kompromisse einzulassen, um mit ihren eigenen Projekten nicht immer an das Ende der Tagesordnung zu rutschen.
Wer debattieren will, steht allein im Sitzungssaal
Diese Geschäftsführer sind die Mechaniker der Macht. Von ihnen geht zwar selten eine politische Idee aus, aber sie entscheiden über die Tagesordnungen, bevor der Ältestenrat sie abnickt. Sie entscheiden darüber, für welche Punkte es ordentliche Beratungszeiten gibt oder nur lächerliche fünf Minuten - oder gar keine, weil nur "zu Protokoll" gegeben wird. Ein altgedienter Parlamentarier sagt von den Fraktionsgeschäftsführern: "Sie missachten die Kraft des gesprochenen Worts, weil sie diese selbst nicht besitzen."
Natürlich kann ein Redner darauf beharren, dass er bei seiner Rede am Pult stehen darf. Er ist dann freilich ganz mit sich allein, die anderen Diskutanten sind schon längst anderswo, sie haben nicht nur ihre Reden, sondern womöglich auch sich selbst schon niedergelegt.
Der Grüne Matthias Berninger hat, bevor er nach zwölf Jahren im Bundestag sein Amt als Abgeordneter aufgab und in die Wirtschaft ging, in der Sitzung vom 26. Oktober 2006 erklärt: "Ich spare mir und dem Rest des Parlaments die Farce, allein zu reden; ohne Kenntnis der Argumente der anderen Kolleginnen und Kollegen wird von einer Debatte nicht die Rede sein können."
Das Parlament wird zum Dormitorium
Wird die fehlende Beratung im Plenum durch die Beratung in den Ausschüssen ersetzt? Derzeit nicht. Ausschusssitzungen sind nicht öffentlich. Der Bundestag muss aber, laut Grundgesetz, öffentlich verhandeln. Wenn die Sitzung im Plenum nicht mehr als öffentlich bezeichnet werden kann, müsste künftig zumindest die Ausschussberatung öffentlich gemacht werden.
Ist ein Gesetz, das in aller Heimlichkeit, mitten in der Nacht und nur zu Protokoll verabschiedet wird, verfassungswidrig? Laut Verfassungsgericht ist ein Gesetz auch nach fehlerhafter Beratung gültig, wenn der Bundespräsident es ausfertigt. Er wird sich weigern müssen, nicht beratene Gesetze auszufertigen. Ansonsten kriegt der unselige Staatsrechtler Carl Schmitt, der Kronjurist des Dritten Reiches, noch spät recht; er hat einst dem Parlament den Wegfall seiner ideellen Voraussetzungen attestiert: "Die Diskussion entfällt", "die Öffentlichkeit entfällt".
Wie soll ein Parlament genannt werden, das eigentlich kein Parlament mehr ist: Monumentum? Das heißt Grabmal. Dormitorium? Dormitare heißt einschlafen. Vielleicht sollte man das Wort Martyrium gebrauchen: Es ist nämlich eine Qual, feststellen zu müssen, wie das Parlament sich selbst erledigt.
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(SZ vom 03.07.2009/luw/dmo)
Nicht mal eine Minute für eine Punkt ! Und das geht?
Ja, wir haben im Parlament wirklich nur noch Schnelldenker, Schnellredner, Schnellspanner, Schnellhandler, Schnellläufer, Schnellkassier und -- einfach genial.,
Wo kämen wir denn sonst hin?
Nur , diese geniale Potenzial ist leider nie im Bundestag, wir bezahlen leere Stühle.
die Redner reden vor leerem Plenum. Ich habe schon versucht, sie mit dem Fernglas zu suchen, ich sehe sie nicht, auch nicht mit Brille.
Ja wo laufen die denn?
Unser Parlament ist zu einer Farce, zu einem "ETWAS" das man nicht näher definieren kann verkommen.-- Ist das nicht schade?
Nix für ungut, wir bezahlen sie trotzden alle, und das von Herzen gerne.
Sie sind ja alle erst e Garnitur in Sachen Weitblick, Ausblick, Überblick und---
überhaupt sie haben den grandiosen Durchblick, drum geht es jetzt wieder aufwärts, vorwärts ----bis zum 0 Punkt...und ..dann, ja dann, dann fangen wir hoffentlich an zu denken.-- ich fange gerade an....über Ausblick und Einblick......
Grüße
cashca
Kann es sein das Wahrnehmungsprobleme vor allem durch Desinformation also mangelnder Transparenz entstehen. Dann stimm ich ihnen zu.
@ amazigh00: "Sorry, aber wenn es Unternehmen, Politiker nicht schaffen Transparent zu arbeiten ist das ein Boykott gegen die Demokratie."
sondern auch qualifiziert regiert werden.
Mit dem bestehenden System werden jedoch immer wieder die Schaumschläger nach oben gespült und zu allem Überflüuß auch noch gewählt.
Die damaligen Nationalsozialisten hätten heute unrecht: Das Parlament ist keine Schwatzbude mehr !!!
@ Waldheim
.
Ich weiß wo ich meine Informationen beziehen kann und ich denke ich habe die Fähigkeit Dinge differenziert zu betrachten.
Dafür bedarf es aber Interesse und Neugierde zu bestimmten Themen.
Sorry, aber wenn es Unternehmen, Politiker nicht schaffen Transparent zu arbeiten ist das ein Boykott gegen die Demokratie. Schon den letzten Bahn-Skandal vergessen? Die Bahn hat ein PR-Unternehmen beauftragt gezielt Falschmeldungen in den Medien zu verbreiten. Die Menschen sollten gezielt falsch informiert werden um Meinungsmache zu machen. Hat gut funktioniert bis es aufgeflogen ist. Das ist nur ein Beispiel!
Warum denken SIe gibt es Organisationen wie Foodwatch, Corpwatch, und Transparency International? Ich finde es sehr seltsam das die vermeintlich schlimme gezielte Falschmeldung als Skandal gilt und die Zurückhaltung von Informationen, Politiker verhandeln in Hinterzimmern unter Ausschuss der Öffentlichkeit niemanden interessiert
Beides ist für mich Desinformation.
Das ist Betrug an der Demokratie und dem Wähler. Ich will genau wissen warum und wie Entscheidungen getroffen werden nur so kann ich beruhigt an der Wahlurne die aktuelle Demokratie zu Grabe führen.
Paging