Die Ärzte hatten viel von der Honorarreform erwartet, doch schon jetzt scheint es mehr Mängel als Vorzüge zu geben.
Es dürfte lange her sein, dass die niedergelassenen Ärzte in Deutschland so optimistisch in ein neues Jahr gestartet sind wie 2009: Ein Honorarplus von drei Milliarden Euro war ihnen zugesagt worden - im Durchschnitt 18.000 Euro mehr pro Praxis - und obendrauf noch ein neues Abrechnungssystem, das ihrer jahrelangen Forderung nach Angleichung der Gehälter in Ost und West Rechnung tragen sollte.
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Ärzte bekommen eine Pauschale pro Patient - für drei Monate. (© Foto: AP)
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Außerdem sahen die neuen Spielregeln vor, die Ärztehonorare endlich in Euro und Cent zu berechnen statt nach dem alten, komplizierten Punktesystem. Dafür hatten die Ärzte lange gekämpft. Noch im August 2008 rühmte sich Andreas Köhler, der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), die "höchste Honorarsteigerung in der Geschichte der KBV" erreicht und "die flächendeckende und qualitativ hochwertige ambulante Versorgung für die Patienten auf Dauer gesichert" zu haben.
Ein Desaster
Doch nun, keine drei Monate nach Einführung der neuen Ordnung, ist die Euphorie in ihr Gegenteil umgeschlagen. Die Honorarreform entpuppt sich als Desaster. Fachärzte in einigen Teilen Westdeutschlands - vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen - rechnen statt mit dem angekündigten Plus mit Gehaltseinbußen von bis zu 40 Prozent.
Erste Entlassungen von Praxisangestellten werden gemeldet, bundesweit schließen Fachmediziner aus Protest ihre Praxen oder behandeln nur noch gegen Vorkasse. Am Wochenende räumte selbst Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) Probleme ein, und der vormals so stolze KBV-Chef Köhler musste zugeben, noch nie zuvor habe er "einen so großen Unmut" unter den Ärzten verspürt.
Die ärgern sich vor allem darüber, dass sie entgegen den Versprechungen aus dem Vorjahr gar keine drei Milliarden Euro mehr bekommen - sondern gerade mal 1,2 Milliarden. Das liegt daran, dass die Zusagen auf Grundlage von Daten aus dem Jahr 2007 gemacht wurden, ohne dass beachtet worden wäre, dass die Fachärzte durch eine Vielzahl von Sondereffekten schon 2008 überproportional viel verdient haben. So bekommen sie jetzt also drei Milliarden mehr als 2007 - im Vergleich zu 2008 ist es davon aber nicht einmal die Hälfte.
Aber auch 1,2 Milliarden Euro mehr sind immerhin noch eine Menge Geld - Geld, von dem sich viele Ärzte derzeit fragen, wo es hängenbleibt. Oder versickert.
Großteil für den Osten
Tatsächlich geht von dem Honorarkuchen ein überproportional großer Teil nach Ostdeutschland. Dies entspricht dem erklärten Ziel der Reform, dass ostdeutsche Ärzte für die gleiche Arbeit genauso viel bekommen sollen wie ihre westdeutschen Kollegen. So hat die KBV errechnet, dass Mediziner im Osten 12,9 Prozent mehr Geld verdienen, im Westen ermittelten sie einen Zuwachs von durchschnittlich 2,2 Prozent.
Dass pauschal alle westdeutschen Ärzte leiden, ist also ein Zerrbild. Selbst in Ländern wie Bayern, wo die Ärzte unter Schirmherrschaft von Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) besonders laut klagen, gibt es Fachgruppen, die durch die Reform gewonnen haben. Nach Einschätzung der Landesregierung sind das zum Beispiel Laborärzte, Pathologen und Nuklearmediziner. Zu den Verlierern hingegen zählen unter anderem Frauenärzte, Psychiater und Hautärzte. Auch in anderen Bundesländern gibt es Verlierer und Gewinner, welche Gruppen das trifft, ist aber je nach Region unterschiedlich.
Das liegt daran, dass jede Kassenärztliche Vereinigung in ihrem jeweiligen Bundesland bislang viel Spielraum hatte, wie sie die Mittel aus ihrem Honorartopf unter den Medizinern verteilt. Doch nach der Reform soll eine ärztliche Leistung künftig gleich vergütet werden, egal ob sie in Köln oder Chemnitz, München oder Kiel erbracht wurde. Indem nun bundesweit vorgeschrieben wird, wie welche Leistung bezahlt werden darf, gehören gerade vormalige Gutverdiener oft zu den Verlierern.
Dies hängt auch mit der neuen Abrechnungspraxis zusammen: Seit Januar bekommen Ärzte für ihre Patienten Fallpauschalen, genannt "Regelleistungsvolumen" - und die sind viel zu niedrig berechnet, sagen die Ärzte. So muss ein niedergelassener Chirurg in Bayern etwa mit 26,48 Euro pro Patient auskommen, gleich welche Behandlung nötig ist und wie oft der Patient im Quartal zu ihm in die Praxis kommt.
Fachärzte leiden
Gerade hochspezialisierte Fachärzte, die sich teure technische Geräte angeschafft haben oder sehr aufwendige Therapien anbieten, müssen also mit Einbußen rechnen. Denn die Pauschale bleibt gleich - egal wie modern die Praxis ist, wie kompliziert die Therapien und wie teuer Miete und Löhne in bestimmten Regionen sind. Viele Ärzte sprechen deshalb jetzt von politisch gewollter "Gleichmacherei": "Die Gesundheitspolitiker wollen die Spezialisten an den Krankenhäusern und nicht mehr als niedergelassene Fachärzte", sagt ein Sprecher des Bundesverbandes niedergelassener Kardiologen.
Bei all dem vergessen die Ärzte aber oft eines: Noch ist das Quartal nicht zu Ende, noch können sie gar nicht endgültig sagen, wie hoch ihre Verluste sind. Denn das Regelleistungsvolumen ist nicht ihre einzige Einnahmequelle. Viele Behandlungen, die als besonders wichtig und deshalb förderungswürdig gelten, werden nämlich gesondert berechnet. Für diese freien Leistungen, etwa Vorsorgeuntersuchungen oder Krebs-Screenings, bekommen die Ärzte ihr Geld erst am Ende des Quartals. Bei den bayerischen Frauenärzten wird geschätzt, dass die bis zu 75 Prozent des Einkommens ausmachen.
Dennoch erklärte Axel Munte, der Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns am Montag, das deutsche Gesundheitswesen befinde sich "auf dem Weg in eine zentralistisch gesteuerte Staatsmedizin ohne Fachärzte in eigenen Praxen". Der Politik dürfe es nicht gelingen, die Ärzte "für das Honorardesaster verantwortlich zu machen". Wo Munte - der im Übrigen als Verbandschef 238 000 Euro im Jahr verdient - die Schuld für das Honorardebakel sieht, ist also klar: bei der Politik.
Der Verbandsvertreter hat dabei offensichtlich eines vergessen: Es waren nicht alleine Ulla Schmidt und die Krankenkassen, die sich die Honorarreform ausgedacht haben - sondern dies ist in enger Abstimmung mit den Kassenärztlichen Vereinigungen geschehen. Mehr noch: Als die Einzelheiten der Reform beschlossen wurden, stimmten die Vertreter der Krankenkassen dagegen. Sie wurden aber überstimmt: von den Ärzten.
(SZ vom 10.3.2009/vw)
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P.S: vVielleicht sollte ich noch erwähnen, daß meine Arbeitswoche bis vor kurzem ca. 120 !!! Stunden hatte - von Freunden kalkuliert; ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, meinen Zeitaufwand nachzurechnen. Seither übe ich mich ich mich in Solidarität - und überlasse gerne anderen einen Teil meiner Tätigkeit und meiner Angestellten.
Ich arbeite freiberuflich als Arzt in einem med. Teilbereich und kann seit 1996 !!!!, dem Erscheinungsjahr der Gebührenordnung Ärzte, nur nach diesen festgelegten Gebührensätzen abrechnen. Es ist ein Witz, nachs aufzustehen, bis zu 50 km einfach zu fahren und eine Pauschale von € 25,56 und tags € 10,23 zu bekommen. Auch die Abrechnungssätze für meine Tätigkeit sind bei weitem nicht dem mittlerweile verlangten Aufwand entsprechend. Die Benzinpreise, die Schreib-und Verwaltungsarbeit und die Nebenkosten haben sich vervielfacht; mein Einkommen bleibt unverändert. Zudem habe ich noch den Ärger mit zahlungsunwilligen Patienten und einer völlig desinteressierten Politik, die eine Überarbeitung der GOÄ auf den ST. Nimmerleinstag verschiebt. Das Problem wird wohl erst dann erkannt, wenn niemand mehr bereit ist, die Arbeit zu machen.
Die Politik behauptet, die RLV (=Budget) bilden nur einen kleinen Teil der Vergütung ab. Bei den meisten Fachärzten ist aber leider 95% des Honorars dort versenkt - sie sehen also sehr gut, wie hoch ihre Umsatzverluste sind (bei mir ca.45%). Bei solchen Umsatzverlusten kann kein Unternehmen überleben - in Oberfranken brechen über die Hälfte der Praxen weg, mitsamt der Arbeitsplätze, nur in Bayern stehen 20 - 30.000 Stellen von Arzthelferinnen auf dem Spiel, von der schlechteren Patientenversorgung ganz zu schweigen. Da Ärzte zudem mit ihrem Privatvermögen für Geschäftsschulden haften, ist der Weg in die Privatinsolvenz und Hartz IV auch für diese Berufsgruppe vorgezeichnet.
Frau Elke Ferner (SPD) erklärte am 12.2. im Dt.Bundestag, dass für eine leistungsgerechte Bezahlung der ambulanten ärztl.Versorgung 4-5 Mrd/Jahr zusätzlich erforderlich wären - um diesen Betrag subventionieren Ärzte also seit langem das Sozialsystem, eine leistungsgerechte Honorierung findet selbst lt. SPD nicht statt.
Die Verteilung der Gelder ist sicher (auch) ein Problem - die KVen haben ihren Rückhalt bei den meisten Ärzten längst verloren, zumal si zu einer (ärztlich finanzierten) Ausführungs- und Kontrollbehörde für Berliner Gesetze verkommen sind!
Deshalb Direktabrechnung, der Wegfall der Bürokratie (allein mind 1,2 Mrd für den Gesundheitsfond) würde die Krankenkassenbeiträge wieder für Versichertenleistungen frei machen.
Zum Thema reiche Ärzte : 120 T Euro nch Praxiskosten : - 35T Steuer - 30T Altersversorgung+Krankenkasse (4-köpfige Fam.)-15T Tilgung Praxiskredit aus zu versteuerndem Einkommen - 5t für Zweitwagen für Hausbesuche - verbleiben 35 T netto oder 2900 Euro/Monat - davon bitte noch Rückstellungen bilden für defekte Geräte etc
Darum verlassen jedes Jahr Tausenden von hier teuer ausgebildeten Ärzten das Land, darum finden Haus- und Fachärzte keine Nachfolger !
Das Märchen der Villa und Porsche ist seit Jahren ausgeträumt !
Deshalb muss die Staatsmedizin a la Berlin verschwinden, ein zentralistisches, planwirtschaftliches und überreguliertes System hat schon einmal seine Effizienz in einem deutschen Staat bewiesen - wieso muss man immer alle Fehler nochmals machen ?
Deshalb protestieren Ärzte - weil es sie morgen sonst nicht mehr gibt und in England die Folgen einer solchen Politik hautnah bewundert werden können !
Gruß - Dr. med.B.Meyer
Es geht uns Ärzten weniger um die Höhe der Vergütung (ich weigere mich hier von Lohn zu sprechen) sondern um die Grundregeln. Von einem Selbständigen, der (im Gegensatz zu Krankenkassenchefs und Bangstern) privat haftet, kann niemand verlangen, auf Basis einer minimalen Pauschale Höchstleistungen zu erbringen.
Es muß eine klare Gebührenordnung geben, die die einzelnen Leistungen abbildet und damm beanspruche ich das Grundgesetz eines Selbständigen: wenn ich doppelt so viel arbeite möchte ich auch doppelt so viel Umsatz erzielen. Eine Selbstverständlichkeit für jeden Selbständigen in Deutschland. Aber den Ärzten wird vorgeschrieben, wie viele Patienten sie abrechnen dürfen. Das ist der zweite Teil der neuen Gebührenordnung, der in dem Artikel nicht erwähnt wurde. Wenn ich als Arzt die Durchschnittszahlen meiner Kollegen überschreite (also überdurchschnittlich viel arbeite), dann erhalte ich nur 75%, bei weiterer Überschreitung nur 50% und dann sogar nur 25% des Honorars, werde also bestraft.
Bis dahin sehen wir uns gezwungen, uns auf den §12 SGB V zurückzuziehen. In diesem Paragraphen wurde von denselben Politikern, die ihren Wählern gerne eine optimale Versorgung versprechen, vorgeschrieben, daß zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung maximal "ausreichende, wirtschaftliche, notwendige und zweckmäßige" Leistungen erbracht werden dürfen, also maxmimal Schulnote 4, wenn man so will Lambarene-Standard.
Darüber hinausgehende Leistungen müßen bei strenger Auslegung dieses Paragraphen vom Patienten selbst bezahlt werden. Journalisten, die dieses gesetzeskonforme Vorgehen populistisch mit dem Begriff "Vorkasse" geißeln, sei eingegengehalten, daß es nicht um Vorkasse sondern um Leistung und Gegenleistung geht, genauso wie beim Handwerker, Tankwart oder sonstwem. Auf eine Leistung folgt eine Rechnung und die muß bezahlt werden. Wie im richtigen Leben.
Das Problem ist das sogenannte Sachleistungssystem, bei dem die Patienten wie in einer Notverordnung nach dem Krieg ("Brotmarken") die Leistung ohne Geld auf Bezugsschein erhalten. Bei Sozialhilfeempfängern wurde gerichtlich entschieden, daß es eine menschenunwürdige Entmündigung darstellt, dem Empfänger statt Geld einen Bezugsschein für Brot, Reis, Kartoffeln etc. auszuhändigen.
Eins ist klar: auf Basis eines einheitlichen Vergütungssystems und ohne Subventionierung werden die niergelassenen seöbständigen Ärzte immer schneller, serviceorientierter und auch billiger sein als Krankenhäuser und MVZ's
100.000 Euro können die meisten anderen Akademiker nur träumen. Zumindest ist es keine Grundlage dafür, ständig zu schimpfen, wie schlecht es den armen Ärzten doch gehe...
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