Netzwerk Sina Weibo So zensiert China

Dissidenten, Meinungen, Skandale: Was Chinesen im Online-Netzwerk Sina Weibo veröffentlichen, wird oft schon nach wenigen Minuten zensiert. Eine Untersuchung von "ProPublica" zeigt, welche Themen die Zensoren besonders kritisch sehen. Und wie die Nutzer der Überwachung ein Schnippchen schlagen.

Von Jakob Schulz

500 Millionen Menschen haben ein Konto beim chinesischen Online-Netzwerk Sina Weibo. 100 Millionen Nachrichten verschicken die Nutzer jeden Tag. Hunderte Weibo-Mitarbeiter sind mit nichts anderem beschäftigt, als all diese Kurznachrichten durchzusehen und gegebenenfalls zu löschen. Und das gilt nur für die Mitteilungen, die nicht schon zuvor in den Filtern des chinesischen Twitter-Pendants hängen geblieben sind.

Wer in China seine Meinung äußert, muss damit rechnen, Ärger zu bekommen. Zumindest dann, wenn diese Ansichten den Vorstellungen der Kommunistischen Partei widersprechen. Ist das der Fall, erkennen die Missetäter das in der Regel daran, dass ihre Äußerungen schnell wieder aus dem sozialen Netzwerk Weibo verschwinden. Weil kritische Textnachrichten von leistungsfähigen Filtern oft automatisch gelöscht werden, verpacken Nutzer ihre Meinung häufig in Bilder, Wortspiele oder mit Ironie. Dann springen menschliche Zensoren ein - und entfernen regierungskritische Inhalte.

Wie schnell das passiert und vor allem, welche Inhalte besonders gefährdet sind, hat die US-Journalisteninitiative ProPublica untersucht. In dem interaktiven Projekt "China's Memory Hole: The Images Erased From Sina Weibo" dreht ProPublica den Spieß um und überwacht die Überwacher. Den Fokus legen die Macher des Projekts auf Bilder. Welche Inhalte halten die Zensoren für zu gefährlich? Welche Themen sollen in der chinesischen Öffentlichkeit nicht diskutiert werden?

Auch Weibo bewegt sich auf schmalem Grat

Über fünf Monate hinweg überwachten die Journalisten etwa 100 Weibo-Accounts. Von 80.000 Nachrichten verschwanden mindestens 4200, eine Zensurquote von mehr als fünf Prozent. Die zensierten Inhalte ordnete ProPublica in zehn verschiedene Kategorien ein, von politischen Ansichten über Dissidenten, Proteste, Skandale bis hin zu Zensur.

Besonders gefährdet sind der Untersuchung zufolge Bilder, die eine politische Meinung verkünden oder auf Dissidenten aufmerksam machen. Auf den zensierten Fotos geht es etwa um die Hintergründe des Koreakriegs, den Einsturz einer Brücke, die Allüren chinesischer Politiker oder um das Schicksal politischer Gefangener.

In einem Beispiel hat ein Nutzer Fotos von Politikern im Regen zusammengestellt. Unter dem Titel "Veränderungen bei Chinas Offiziellen" bringen die Bilder zum Ausdruck, dass sich die Politiker heute gerne mit regenschirmtragenden Lakaien umgeben - während sie in der Vergangenheit ihren Regenschutz noch selbst trugen.

Jedem Bild haben die Autoren die Hintergründe des Falls zur Seite gestellt. So ist die Bildersammlung zugleich ein Überblick über die Themen, die die chinesische Öffentlichkeit bewegen - und die aus Furcht vor Repressionen vom sozialen Netzwerk Sina Weibo unterdrückt werden.

Das Netzwerk bewege sich dabei auf einem schmalen Grat, schreiben die Autoren von ProPublica. "Wenn sie den Nutzern zu viel Freiheit lassen, bekommt die Firma Ärger mit der Regierung. Wenn sie die Kunden aber zu sehr einschränken, wechseln diese einfach zur Konkurrenz." Mit welcher Effizienz die Zensoren zu Werke gehen, zeigen die Rechercheergebnisse. 30 Prozent der entfernten Inhalte verschwinden in der ersten halben Stunde, 90 Prozent sind binnen eines Tages gelöscht.

Auch Iran betroffen

Doch Online-Kontrolle ist kein rein chinesisches Phänomen. Zensur politischer Inhalte im Internet schränkt auch die Menschen in Iran ein. Eine Forschergruppe an der University of Pennsylvania untersuchte, welche Art von Inhalten das iranische Regime für besonders verwerflich und damit für zensurwürdig einstuft. Für besonders interessant halten die Wissenschaftler den Umgang mit der Online-Enzyklopädie Wikipedia, in der sie 936 Artikel fanden, die von der iranischen Zensur blockiert werden.

Drei Viertel der zensierten Texte fallen in die Kategorien Politik, Sex oder Religion. Die Zensoren achten auch darauf, westliche Einflüsse einzudämmen. Einige Artikel betreffen ausländische Journalisten und Medien, außerdem sind Seiten etwa über die Schauspielerinnen Emma Watson oder Kristen Stewart in Iran nicht aufrufbar.

Wie in China sind auch in Iran die Netzwerke Twitter und Facebook gesperrt. Ein Netzwerk wie Sina Weibo müssen die iranischen Behörden aber nicht kontrollieren - das gibt es nämlich nicht.