Neonazi-Terrorismus Uni Chemnitz verbannt NSU-Ausstellung

Gedenktafel für Theodoros Boulgarides. Er war Opfer des NSU, dessen Taten die Ausstellung beleuchtet.

(Foto: Tobias Hase/dpa)
  • An der Uni Chemnitz wird eine renommierte Ausstellung zu den Verbrechen des NSU abgesagt. Angeblich sei "keine umfängliche wissenschaftliche Herangehensweise" zu erkennen.
  • Ein weiteres Schreiben der Pressestellle an die Süddeutsche Zeitung wird indirekt erklärt, man könne nicht verhindern, dass auch Neonazis kämen.
  • Die Organisatoren sind nun in die Volkshochschule ausgewichen.
Von Ulrike Nimz

Die Beobachtung, genaues Hinschauen also, ist Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens, heißt es. An der Technischen Universität Chemnitz nun scheint man für derlei Lehrsätze wenig übrig zu haben. Als Vertreter des Referats für Antidiskriminierung des Studentenrates der TU die Universitätsleitung Mitte Mai baten, das Foyer des Hörsaalgebäudes für eine Ausstellung zu den Verbrechen des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zur Verfügung zu stellen, reagierte diese zunächst gar nicht, kurz vor der geplanten Eröffnung folgte die Absage.

Eine Begründung gab es zunächst nicht, in einer ersten Stellungnahme informierte die Alma Mater: Die 22 Schautafeln ließen "keine umfängliche wissenschaftliche Herangehensweise" erkennen. Eine Ausstellung ohne "fundiertes Konzept" jedoch wäre nicht nur dem Ruf der Universität, vielmehr auch der erforderlichen gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Thematik "mehr als abträglich".

Als Alternative wurde die Mensa angeboten

In einem weiteren Schreiben der Pressestelle an die Süddeutsche Zeitung fehlt dieser Satz, stattdessen wird darauf verwiesen, dass ein Einlassvorbehalt nicht gewährleistet werden könne. Sprich, es sei nicht zu verhindern, dass auch Neonazis vorbeischauen. In einem informellen Gespräch wollen die Studenten zudem erfahren haben, dass die TU Chemnitz Vandalismus befürchtet.

Als Alternative sei ihnen die Mensa angeboten worden. Über eine zunächst als "Dönermorde" verunglimpfte Reihe rassistisch motivierter Morde in einer Kantine zu informieren, erschien den Veranstaltern jedoch unpassend. Man wich schließlich auf die Volkshochschule aus.

Die Ausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen" beschäftigt sich mit den Biografien der Getöteten und mit Ermittlungspannen. Sie ist bundesweit in 75 Einrichtungen präsentiert worden, in Universitäten, Rathäusern und im Abgeordnetenhaus des Bundestages. Nirgendwo sei mangelnde Wissenschaftlichkeit beklagt worden, versichert Birgit Mair, Kuratorin aus Nürnberg.

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Auch trat Jesse als Referent bei Veranstaltungen des Bundesamtes und der Landesämter für Verfassungsschutz auf. "Für uns bleibt ein bitterer Beigeschmack", sagt Martina Klaus vom Referat für Antidiskriminierung. Schließlich wäre die Ausstellung gar nicht nötig gewesen - wenn beizeiten jemand hingeschaut hätte.

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