Neonazi-Terror Verfassungsschützer soll bei Attentat am Tatort gewesen sein

Als 2006 ein Türke in seinem Kasseler Internetcafé erschossen wird, befindet sich offenbar auch ein damaliger Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes am Tatort. Bei weiteren fünf Morden soll er in der Nähe gewesen sein - was die Polizei aber angeblich nicht als belastend auslegt.

Es war der neunte Mord. Am 6. April 2006 wird Halit Yozgat in seinem Internetcafé in der Kasseler Nordstadt erschossen. Mit zwei Schüssen in den Kopf. Kurze Zeit später wird ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes verhaftet. Obwohl er nachweislich zumindest kurz vor der Tat in dem Café war, meldet er sich nicht als Zeuge. Das macht ihn verdächtig. Seine Wohnung wird durchsucht. Der Mann sagt damals aus, privat im Internetcafé gesurft und es kurz vor dem Mord verlassen zu haben. Von den Todesschüssen habe er erst später erfahren. Nach 24 Stunden ist er wieder frei, eine Verbindung zur Tat kann ihm nicht nachgewiesen werden.

Doch nach den Enthüllungen über die rechtsextreme Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" überprüfen die Behörden die Vorgänge von damals neu. Nachdem Vermutungen aufkamen, dass die thüringischen Verfassungsschützer möglicherweise etwas über den "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) gewusst haben könnten, wurden Erinnerungen an den Fall wach. Und plötzlich stellen sich eine ganze Menge neuer Fragen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete unter Berufung auf Sicherheitskreise in Wiesbaden, der Verfassungsschützer sei entgegen bisheriger Annahmen noch zum Zeitpunkt des Mordes in dem Internetcafé gewesen. Bislang war man davon ausgegangen, dass er das Café verlassen hatte, bevor die tödlichen Schüsse fielen.

Und die Bild-Zeitung berichtete unter Berufung auf einen hochrangigen Ermittler, dass der Mann sich sogar bei insgesamt sechs der neun Morde in Tatortnähe aufgehalten haben soll. Das habe ein Bewegungsprofil der Polizei ergeben. Dieser Umstand soll ihm laut Bild von der Polizei allerdings als entlastend ausgelegt worden sein. Er sei ja bei drei Morden nicht in der Nähe gewesen. Bei der Durchsuchung in seiner Wohnung seien auch Waffen gefunden worden.

Der hessische Verfassungsschutz will sich zu den Vorgängen nicht äußern. "Wir nehmen dazu keine Stellung", sagte ein Sprecher. Der Verfassungsschützer sei inzwischen vom Dienst suspendiert, hieß es.

Die mögliche Rolle des Mitarbeiters des hessischen Verfassungsschutzes bei dem Mord in Kassel war auch Thema bei einer Sitzung des Parlamentarischen Kontrollgremiums in Berlin. Der Vorsitzende des Gremiums, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, wollte sich nicht zu den jüngsten Medien-Informationen äußern, nach denen der Mann noch während des Mordes in dem fraglichen Café und insgesamt in der Nähe von sechs Tatorten gewesen sein soll. Er teilte mit: "Dieser Mann hat eine offenkundig stark rechte Gesinnung. Er arbeitet im Augenblick bei der Bezirksregierung in Hessen."

Weiterer Untersützer aus Sachsen

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass der Kasseler Mord von der Zwickauer Terrorzelle, die sich "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) nannte, begangen wurde. Die Zelle setze sich "nach bisherigen Erkenntnissen" aus den beiden toten Verdächtigen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt sowie Beate Z. zusammen, erklärte ein Sprecher der Behörde am Dienstag. Die Gruppe soll seit 2007 von Holger G. unterstützt worden sein, gegen den am Montag Haftbefehl erlassen wurde. Die Ermittlungen erstreckten sich "auch auf das Umfeld der Gruppierung", erklärte der Sprecher weiter.

Einem Medienbericht zufolge soll die Zelle womöglich noch einen weiteren Unterstützer aus der rechtsextremen Szene haben. Wie die ARD unter Berufung auf eigene Recherchen berichtete, soll der 34-Jährige die Wohnung in Zwickau angemietet haben, in der das Trio zuletzt wohnte. Zudem sei der im sächsischen Johanngeorgenstadt lebende Mann auch Mieter jener Wohnung gewesen, in der Beate Z. zuvor zwischen 2001 und 2008 unter falschem Namen gelebt haben soll.

Der NSU soll hinter einer bundesweiten Serie von Morden an neun Kleinunternehmern ausländischer Herkunft in den Jahren 2000 bis 2006 stehen. Zudem soll das Trio im April 2007 eine Heilbronner Polizistin erschossen haben. Darüber hinaus wird die Gruppe verdächtigt, für mehrere Bombenanschläge verantwortlich zu sein.

Die Polizei kam dem Trio erst auf die Spur, als sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem Banküberfall das Leben nahmen. Kurz darauf wurde die Wohnung des Trios in Zwickau durch eine Explosion zerstört. Die Ermittler vermuten, dass Beate Z. damit Beweise vernichten wollte. Die Behörden stehen nun unter Druck zu erklären, warum die Gruppe über Jahre unbehelligt in Zwickau leben konnte.