Neonazi-Reaktionen im Netz Die Szene rückt zusammen

Auf einschlägigen rechtsextremen Internetseiten fühlen sich Neonazis im Fall der Zwickauer Terrorzelle zu Unrecht unter Verdacht. Von den Tätern distanziert man sich, man tut sie als "tote Bankräuber" ab. Spott gibt es für die Ermittler, Häme für die Opfer. Und auch Passaus Ex-Polizeichef Alois Mannichl spielt eine Rolle.

Von Kathrin Haimerl

Der Innenminister spricht von einer neuen Form des rechtsextremistischen Terrorismus, die Kanzlerin verurteilt die Neonazi-Mordserie als "Schande für Deutschland". Und was sagt die rechtsextreme Szene selbst? Auf einschlägigen Seiten ist der Tenor angesichts der Debatte um eine neue Dimension rechter Gewalt ein gänzlich anderer.

Rechtsterroristen? Ach was. "Diese ganze Angelegenheit ist eine große Lachnummer", schreibt ein Nutzer auf einer Seite, die der rechtsextremen NPD nahesteht. "Banküberfälle, Bombenanschläge, mindestens neunfacher Mord, gefälschte Edel-Pässe. Was kommt als Nächstes? Militärberater bei Gaddafi?"

Auch ein Nutzer namens "NPDler" versucht sich an Satire: Es sei kaum zu glauben, was man in der Zwickauer Wohnung der Neonazis gefunden habe. Unter anderem "das Bekennervideo einer hakenkreuztätowierten, hünenhaften Schlange, natürlich nebst Lebkuchenmesser", schreibt er in Anspielung an den Fall des Passauer Polizeidirektors Alois Mannichl, der 2008 behauptete, an seiner Haustüre von einem Neonazi attackiert worden zu sein. Auch damals war die Rede von einer neuen Dimension rechtsextremer Gewalt. Der Täter konnte bis heute nicht ermittelt werden. Inzwischen prüft das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) eine mögliche Verantwortung der Zwickauer Terrorzelle auch im Fall Mannichl: Falls es durch die Ermittlungen im Zusammenhang mit der Terrorgruppe Hinweise oder neue Ermittlungsansätze gebe, werde der im Mai zu den Akten gelegte Fall neu aufgerollt, sagte ein BLKA-Sprecher der Nachrichtenagentur AFP.

Die Neonazis dürften sich durch diese Meldung in ihrer eigenen Haltung noch bestätigt fühlen - verfolgt von der "Meinungsdiktatur der Systempresse", wie es im Szene-Jargon heißt. Auf den einschlägigen Foren rücken sie zusammen. Auch auf Altermedia Deutschland, einem neonazistischen Nachrichtenportal, deren Betreiber erst kürzlich unter anderem wegen Hetze gegen Juden und politische Gegner zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, ist die Rede von einer modernen Hexenjagd. Die Szene sieht sich im Kampf gegen das vorherrschende System als "einziger politischer Gegner". Als solcher werde man kriminalisiert, heißt es in einem Kommentar.

Drohungen gegen die Presse

Ein Altermedia-Autor schießt sich auf die aktuelle Berichterstattung ein und verfasst einen Brief an das "Qualitätsjournalistengeschmeiß", der ganz konkrete Drohungen enthält: "Glaubt ihr denn im Ernst, wir braunes Terror-Pack wären so doof, irgendwelche Terrorzellen ins Leben zu rufen, um deren Aktivitäten an irgendwelche bedeutungslosen türkischen Straßenschacherer zu verschwenden und wirkliches Ungeziefer, ja, damit seid u. a. auch ihr gemeint, unbehelligt zu lassen?"

Die rechtsextreme Internetgemeinde geht auf Distanz zu den Tatverdächtigen. Vielmehr tut man die mutmaßlichen Mitglieder des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU), Uwe Börnhardt, Uwe Mundlos und Beate Z. als gewöhnliche Verbrecher, als "Bankräuber" ab. Der Altermedia-Autor schreibt, die drei hätten die nationale Szene 1998 endgültig verlassen, "um nunmehr als Bankräuber ihr Glück zu versuchen".

Spott und Häme haben die Kommentatoren auch für die Ermittler im Fall der Neonazi-Mordserie übrig: "Haben die toten Bankräuber endlich gestanden?", schreibt ein Nutzer in einem neonazistischen Forum unter Anspielung auf die Toten. Doch auch von Mitleid mit den Opfern ist in den Kommentaren nichts zu finden. Im Gegenteil: Ein Nutzer macht sich in dem Forum über die vermeintliche Terrortruppe lustig, die "die Schönheit des Zigeunerlebens" entdeckten und quer durch Deutschland getourt seien "um ein paar Dönermännlein das Lichtlein auszublasen".

Zweifel kommen in den Foren auch an der Suizidtheorie auf, man diskutiert eine mögliche Verwicklung des Verfassungsschutzes: "Riecht verdammt nach Geheimdienst. Vielleicht aus dem Ruder gelaufene V-Leute", schreibt einer. Dies erscheint auch einem anderen Nutzer sehr plausibel: "Es ist durchaus möglich, dass hier zwei V-Leute aus dem Weg geräumt worden sind", schreibt er unter Anspielung auf die toten Verdächtigen Uwe Börnhardt und Uwe Mundlos.

Inzwischen spinnt die rechtsextreme Internetgemeinde an wilden Verschwörungstheorien. Es ist die Rede von einem inszenierten Skandal, um von anderen Themen wie etwa der Euro-Krise abzulenken: "Zum x-ten mal wird der dumme Bundesbürger mit reichlich (unwahren) Informationen gefüttert, was wir doch alle für brutale Schläger, Mörder, Verbrecher, Rassisten und ab sofort auch braune Terroristen sind. Gähn, ist doch nix Neues ...", schreibt etwa ein Nutzer namens HateSession.

Man ist sich einig: Unpolitische Bankräuber sollten zu Nationalisten erklärt werden, um "skrupellos gegen rechts" zu hetzen.