Neonazi-Konzert in Ostritz Wenn eine Stadt zur Festung wird

Im sächsischen Ostritz feiern 750 Rechtsextreme ein Festival mit Kampfreden und Konzerten. Die Bewohner der Kleinstadt halten mit einem Friedensfest dagegen. Ein Ortsbesuch.

Von Ulrike Nimz, Ostritz

Während sich auf dem Gelände eines in die Jahre gekommenen Hotels im sächsischen Ostritz Neonazis versammeln, um abgesperrt hinter Bauzäunen mit fremdenfeindlichen NPD-Plakaten ein Festival zu feiern, organisierten die Bewohner der Stadt ein Friedensfest. Statt eines Fackelzugs zum 129. Geburtstag Adolf Hitlers gab es eine Menschenkette um den Marktplatz. Mehr als 500 ehrenamtliche Helfer kümmerten sich um das Bühnenprogramm und die Organisation. Besuch in einer Stadt, die sich wehrhaft zeigt gegen Rechts.

Im Kloster

Wer die Ruhe sucht in Ostritz, der findet sie in St. Marienthal. Das Kloster liegt inmitten grüner Hügel. Es gibt eine Bäckerei, den Dreifaltigkeitsbrunnen und einen Garten mit Bibelkräutern. In der Klosterkirche beginnt das Mittagsgebet an diesem Samstag. Die Nonnen haben das Haupt gesenkt, ihr Gesang füllt das Gewölbe: "Gelobt sei der Herr, der uns nicht ihren Zähnen als Beute überließ." Wenn die Stadt zur Festung wird, öffnet das Kloster seine Türen: Auf dem Parkplatz stehen Touristenbusse, im Hof reiht sich Polizeiwagen an Polizeiwagen. Es ist eben kein normaler Samstag in Ostritz, der Kleinstadt an der Neiße: Nur drei Kilometer entfernt feiern Neonazis den Geburtstag Adolf Hitlers.

Die Schwestern äußern sich eigentlich nicht zur Politik. Schwester Ursula macht eine Ausnahme. "Wir finden nicht gut, was dort geschieht", sagt sie. "Uns ist mulmig. Wir hoffen, es geht alles gut." Seit 34 Jahren lebt Schwester Ursula in St. Marienthal. Sie und die anderen Ordensfrauen haben hier schon ganz andere Dinge überstanden. Das Hochwasser im Jahr 2010, zum Beispiel. Als der Damm am Niedów-Stausee in Polen brach, die Neiße Türen aufdrückte und Fenster zersplittern ließ. Gerade noch rechtzeitig gelang es den Schwestern, den Tabernakel mit den geweihten Hostien ins Obergeschoss zu retten.

Ort der Ruhe und Besinnung bei all dem Trubel - das Kloster St. Marienthal.

(Foto: dpa)

Vor zwei Wochen kamen die Ostritzer im Kloster zusammen, zu einem Informationsabend. Etwa 300 Menschen saßen in der Kühle des Celsa-Pia-Hauses, Jacken über der Lehne, Handtaschen auf dem Schoß. Die Bürgermeisterin war dabei, die Polizei und der Verfassungsschutz. Wo parken, wenn die Straßen gesperrt sind? Wer zahlt, wenn ein Fenster zu Bruch geht? Wer kommt für Umsatzeinbußen beim Fleischer auf? Die Ostritzer fragten so sachlich, als stünde ein Hurrikan bevor und nicht eines der größten Neonazi-Festivals Deutschlands. "Schild und Schwert" heißt es, geboten werden Kampfsport, Kampfreden, Konzerte. "In Ostritz entscheidet sich die Zukunft des Rechtsextremismus", sagte der Mann vom Verfassungsschutz beim Bürgerabend im Kloster. Aber natürlich geht es an diesem Wochenende auch um die Zukunft von Ostritz.

Am Wegesrand

Plakate säumen die B99 zwischen Görlitz und der polnischen Grenze: Einige werben für das Grundgesetz. Andere versuchen es mit Satire und zeigen eine zerbombte deutsche Stadt mit dem Schriftzug "Dank(e) Hitler!! Es gibt nichts zu feiern". Auf der Neiße schippern Patrouillenboote der Polizei. Das Kreisligaspiel zwischen dem Ostritzer BC und der Sportvereinigung Ebersbach ist abgesagt. Männer im "Landser"-Shirt schleppen Cola vom Penny-Markt Richtung Bahnhof. Einer bleibt stehen und pinkelt an eine Hecke. Über allem quirlt ein Hubschrauber die Frühlingsluft.

Das Internet ist das zweitgrößte Problem in Ostritz. An einer Häuserecke gibt es Gäste-Wlan. Journalisten versammeln sich dort wie streunende Katzen um ein Schälchen Milch. Das Twittergewitter, das solche Ereignisse für gewöhnlich begleitet, bleibt aus. Auf der Lederwiese spielt eine Ska-Band "Hey, Pipi Langstrumpf". Am Zaun hängt ein Transparent: "Happy Birthday, Nutella". Es stellt sich heraus, dass der 20. April nicht nur der Geburtstag von Adolf Hitler ist, sondern auch der Tag, an dem im Piemont das erste Glas Schokoaufstrich vom Band lief.

Auf dem Markt

Marion Prange steht in der Mitte von Ostritz, auf dem Platz, wo das Friedensfest stattfindet. Eine kleine Frau mit silbernem Bob und weißen Turnschuhen. "Ich freue mich, dass der Tag nun endlich da ist", sagt sie geduldig in jedes Mikro, das man ihr hinhält. Seit zehn Jahren ist Prange die Bürgermeisterin von Ostritz. Als sie im Dezember erfuhr, dass sich Neonazis aus ganz Europa ihre Stadt ausgesucht hatten, um Geld und neue Bekanntschaften zu machen, griff Prange zum Telefon. Sie telefonierte mit Vereinen, dem Kloster, dem sächsischen Ministerpräsidenten. Sie sprach mit Menschen aus Themar, Thüringen, wo sich im vergangenen Sommer 6000 Neonazis zu einem Konzert trafen. Sie unterschrieb die "Oberlausitzer Erklärung", in der 40 Bürgermeister der Region das Rechtsrock-Event verurteilen. Am Ende stand das "Friedenfest", eine Gegenveranstaltung auf dem wichtigsten Platz der Stadt, bunt, bürgerlich, ohne Parolen. Hier gibt es Currywurst, Pommes und eine Hüpfburg. Ein paar Frauen sitzen beisammen und stricken. Am Rande des Markplatzes haben sie ein mobiles Wohnzimmer aufgebaut. Hier können Besucher in Sesseln und Gesprächen versinken. Der Wind treibt Seifenblasen über die Szenerie.

"Das ist gewachsen wie ein kleines Pflänzchen. Ich hoffe, es wächst über die Stadtgrenzen hinaus", sagt Prange. Jahrelang hat sie den Ostritzern den schnellsten Weg aus der Stadt gewiesen; sie führte ein Reisebüro am Markt. Jetzt hat die Bürgermeisterin die 2500 Einwohner aufgerufen, übers Wochenende hierzubleiben, zusammenzuhalten, aufeinander aufzupassen. Bereits am Freitagabend bildeten die Ostritzer eine Menschenkette um den Marktplatz. Bei Kerzenschein stimmten einige Dona Nobis Pacem an, andere sangen "Einigkeit und Recht und Freiheit".

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) kam in seinen Wahlkreis, um das Friedensfest zu eröffnen.

(Foto: dpa)

Marion Prange ahnte: Wenn nur eine Scheibe kaputt geht in Ostritz, eine Nase blutet nach diesem Wochenende, dann würde die Stadt sich davon lange nicht erholen. Nun, da es friedlich geblieben ist, kann Ostritz Vorbild sein für Kommunen, die vor gleichen Problemen stehen: 2017 hat sich die Zahl rechtsextremer Konzerte in Sachsen verdoppelt.

Michael Kretschmer (CDU) sprach bereits am Freitagabend im Ostritzer Festzelt. Sachsens Ministerpräsident stammt aus Görlitz, er saniert ein Umgebindehaus im nahen Waltersdorf. Als Schirmherr des Friedensfestes findet er ungewöhnlich klare Worte. Der Kampf gegen Rechtsextremismus müsse aus der Mitte kommen: "Wir lassen uns unsere Heimat nicht kaputt machen." Und obwohl einige auf dem Ostritzer Marktplatz so tun, als würde es die Lederwiese und das "Rechts rockt nicht" der Linken nicht geben, sagt Kretschmer: "Alle, die ihren Beitrag leisten können, sind uns willkommen." Über seinem Kopf leuchtet eine Glühbirnen-Kette.