Neonazi-Angriff in Dortmund Wenn Journalisten Polizeischutz brauchen

  • Auf einer Neonazi-Demo gegen ein Flüchtlingheim in Dortmund wird ein Journalist attackiert, ein "gezielter Angriff", wie er sagt.
  • In der Stadt treten die Rechtsextremen auffallend aggressiv auf. Nirgendwo in Westdeutschland ist die Szene so gut organisiert wie hier.
Von Jannis Brühl und Esther Widmann

Marcus Arndt schreibt immer wieder kritisch über die rechte Szene. Am Montagabend macht er Fotos auf einer Demonstration von Neonazis vor einem Flüchtlingsheim in Dortmund-Derne, auch eine Gegendemonstration findet dort statt. Nach der Demo wird der 43-Jährige von Vermummten angegriffen und verletzt.

Es ist einer von mehreren Vorfällen in jüngster Zeit, in denen die Dortmunder Neonazi-Szene auffallend aggressiv agiert.

"Du linke Sau, wir töten dich!", hätten mehrere Vermummte gebrüllt, sagt Arndt. Sie hätten Pflastersteine auf ihn geworfen, zwei trafen ihn am Oberkörper, einer am Kopf. Süddeutsche.de erreicht ihn am Tag danach, als die Polizei ihn gerade zu einer Vernehmung abholt. Er sei, sagt er, "noch ziemlich von der Rolle". Der Blog Metronews24, für den Arndt schreibt, hat es sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, über Neonazis zu berichten und "den Rechtsextremismus aktiv" zu "bekämpfen".

Schon während der Protestveranstaltung am Montagabend hätten mehrere Neonazis die anwesenden Journalisten immer wieder angegangen, die Polizei sei aber dazwischen gegangen, berichtet Arndt am Dienstag. Auf der Polizeiwache habe er aussagen und Videos der Demo ansehen müssen. Er wundert sich: "Ich durfte zwanzig Minuten nach Hause, zum Duschen, aber nicht zum Arzt."

Auf dem Heinweg von der Demo fühlte sich Arndt, als würde er verfolgt; irgendwann gingen zwei Unbekannte auf ihn los. Die Angreifer konnte er der Polizei zufolge erst vertreiben, als er eine Schreckschusspistole zog.

Neonazis, bestens vernetzt

Die Neonazi-Szene in Dortmund ist wohl besser organisiert als überall sonst in Westdeutschland. Sie hat sogar einen Mann im Stadtrat, denn sie ist in der Partei "Die Rechte" organisiert. Politiker fordern deren Verbot, weil sie eine Nachfolgeorganisation mehrerer verbotener Kameradschaften sei.

Im vergangenen Jahr traten die Rechtsradikalen der Stadt öffentlich auffallend aggressiv auf. Nach der Kommunalwahl versuchten sie, das Rathaus zu stürmen, vor kurzem versammelten sie sich abends mit Fackeln vor einem Flüchtlingsheim. Und sie veröffentlichten auf Twitter fingierte Todesanzeigen. Darin wurden mehrere Journalisten für "tot" erklärt, die kritisch über die rechte Szene der Stadt berichten - eine klare Drohung. Auch Arndts Name war dabei. Zum Vorfall von Montag sagt er: "Das war ein gezielter Angriff auf mich. Die haben mich auf jeden Fall erkannt."

Dortmunds Polizeipräsident Gregor Lange geht auch davon aus, dass der Angriff auf Arndt im Zusammenhang mit den Drohungen gegen Journalisten steht. Er habe die Soko "Rechts" bis zur Aufklärung dieses Falles aufgestockt. Arndt steht nun unter Polizeischutz.

Weil die Anfeindungen gegen kritische Beobachter immer schlimmer geworden seien, hat Arndt auf der Demo auch ein stichsichere Weste getragen. Er muss nach dem Interview am Dienstag direkt weiter, zu einer Tatortbegehung mit der Polizei, und sagt: "Man wird vorsichtiger, ja. Aber Angst habe ich nicht."