Von Gerd Kröncke

Ausschreitungen nach einem Fußballspiel, fremdenfeindliche Äußerungen von Politiker: Die Situation in Frankreich ist angespannt. Dort beklagen die Politiker Rassismus und fürchten Jean-Marie Le Pen. Laut Umfragen möchte ihn fast jeder fünfte Franzose zum Präsident wählen.

Dies hätte auch Jean-Marie Le Pen, der Führer der rechtsextremen Partei Front National, sagen können: "Wenn ich manche Fußballmannschaften sehe, dann wird mir übel." In der französischen Nationalelf seien neun schwarze Spieler, viel zu viele, denn "demnach wären die Weißen alle Nieten". Es ist der Sozialist Georges Frêches, der solche Töne anschlägt.

Jen-Marie Le Pen kam bei der letzten Präsidentschaftswahl gegen Jacques Chirac - aber erst in der zweiten Runde (© Foto: AP)

Anzeige

Er ist Präsident der Region Languedoc-Roussillon und hat wegen ähnlicher Äußerungen schon mehrere Parteistrafen hinnehmen müssen. Diesmal sah sich selbst Frankreichs Präsident Jacques Chirac veranlasst, das Selbstverständliche erneut zu betonen: "Die Republik garantiert die Gleichheit ihrer Bürger ohne Ansehen von Religion oder Herkunft."

Ausschreitungen bei Fußball-Spiel

Nach dem Tod eines Fußballfans, der am Donnerstag voriger Woche nach einem Uefa-Cup-Spiel von einem Polizisten erschossen wurde, steht das Thema Rassismus und Fußball schon wieder auf dem Spielplan. Vieles spricht dafür, dass der Todesschütze Antoine Granomort in "legitimer Notwehr" gehandelt hat.

Der Vorfall ereignete sich nach der Begegnung von Paris-Saint-Germain (PSG) gegen den israelischen Verein Hapoël Tel Aviv am Pariser Stadion Parc des Princes. Der Beamte Granomort, 32 Jahre alt, ist seit dem Wochenende nach kurzem Polizeigewahrsam wieder auf freiem Fuß. Er ist von dunkler Hautfarbe, stammt aus Martinique.

"Du dreckiger Neger, wir machen dich fertig, wir bringen dich um", hatte ihn ein Mob bedrängt, als er sich schützend vor einen einzelnen Anhänger des israelischen Vereins gestellt hatte. Während der Block der Tel-Aviv-Anhänger sicher aus dem Stadion geleitet wurde, war der Franzose Yanniv Hazout auf sich gestellt. Auch er war von der Meute bedroht und beschimpft worden: "Dreckiger Jude".

Erschreckt sehen viele Franzosen, dass der Fußball eine rassistische Seite hat. Schon während der WM-Tage hatte Jean-Marie Le Pen vor Parteifreunden gesagt, die Franzosen könnten sich nicht länger mit ihrer Elf identifizieren - wegen der vielen Schwarzen. Dabei ist durchaus möglich, dass Le Pen die Überfremdungsängste einer starken schweigenden Minderheit artikuliert.

17 Prozent würden Le Pen wählen

Denn in einem Segment der Bevölkerung ist die Popularität des Chefs der Nationalen Front ungebrochen. Jüngste Umfragen zeigen, dass ihn derzeit 17 Prozent der Franzosen zum Präsidenten wählen würden. Das sind genauso viele wie vor vier Jahren, als er am Ende zwar gegen Chirac verloren, im ersten Wahlgang jedoch den sozialistischen Bewerber aus dem Rennen geworfen hatte.

Wenn also ein Sechstel bis ein Fünftel der Wähler anfällig für Le Pen sind, dann sind dies nicht alles rassistische Rabauken. Le Pens potentielle Wählerschaft reicht weit ins konservative Lager. Denn nur selten zeigt sich der Rassismus so unverstellt wie in manchen französischen Stadien.

Besonders jene PSG-Anhänger, die sich im Fanclub Boulogne Boys zusammengeschlossen haben, haben eine Affinität zur extremen Rechten. Seit gut 15 Jahren haben sie sich auf den PSG-Rängen breitgemacht.

Innenminister Nicolas Sarkozy hat wiederholt Gegenmaßnahmen angekündigt, so auch dieses Mal: "Wir wollen keinen Rassismus mehr in den Stadien, keine Nazigrüße, keine Affenlaute, wenn ein farbiger Spieler am Ball ist".

Der Mob, der am Donnerstag den Tel-Aviv-Fan bedrängte und den Polizisten bedrohte, schrie auch eine politische Parole: "Le Pen président!"

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Sonne, Mond und Krieg

Die Nuba: Leni Riefenstahls Bilder machten sie einst bekannt. Heute sucht das Volk aus Sudan Schutz in Höhlen und Felsspalten – vor den Bomben des Regimes in Khartum. Ein Frontbericht. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 27.11.2006)