Von Thorsten Denkler, Berlin

Der neue Spitzenmann der Hamburger SPD hat sich von der Hektik der vergangenen Tage nicht anstecken lassen - im Gegenteil. Und auch mit den Wählern in den Alternativ-Vierteln Hamburgs hat er keine Berührungsängste.

Die Haare noch etwas grauer als die von Beck. So steht er da, bemüht, die Hände nicht in die Hosentaschen seines grauen Zweitteilers zu stecken. Michael Naumann, der überraschend aus dem Hut gezauberte Spitzenkandidat der SPD in amburg auf Antrittsbesuch im SPD-Präsidium.

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Michael Naumann im Schatten der Willy-Brandt-Skulptur in der SPD-Zentrale (© Foto: AP)

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Ganz links außen steht er auf dem Podium im Atrium der SPD-Bundeszentrale. Noch weiter links steht überlebensgroß Willy Brandt, in Bronze gegossen, die Hand schützend über Naumanns Haupt ausgestreckt. Rechts von ihm Parteichef Kurt-Beck, der gerade durch die Themen Mindestlohn, Kinderbetreuung, Tornadoeinsätze und Klima hechtet. Naumann leistet sich einen kurzen Seitenblick auf Willy Brandt. So als wolle er sich vergewissern, dass er wirklich hier ist. Kameras klicken.

Freitag hat er sein Büro im Stammhaus der Wochenzeitung Die Zeit geräumt. Das Foto, das ihn und Brandt zeigt, hat er mitgenommen.

Beck ist fertig. Naumann dran. Ab jetzt ist er Wahlkämpfer. Was sagt ein Wahlkämpfer anlässlich seines ersten Auftritts in Berlin? Was sagt Naumann? Er ist ja kein Unbekannter. Im Wahlkampf 1998 war er Schröders oberster Kulturwahlkämpfer, mit besten Kontakten in die Szene. Bis zu seinem freiwilligen Rücktritt im Jahr 2000 hat er als Staatsminister die Kultur aus der provinziellen Umklammerung der Länder befreit.

Er spricht nicht über Politik. Er spricht zuerst über sich selbst. Er werde ja entweder "A als Quereinsteiger, B als Schöngeist oder C als Kulturpolitiker" beschrieben. Darum der Hinweis: "Ich habe ein Viertel meines Lebens Unternehmen geleitet. Auch wenn da meist Bücher veröffentlicht wurden."

Naumann ahnt offenbar, dass ihm das Bild des Schöngeistes noch zu schaffen machen wird im Hamburger Wahlkampf. Im Kiez kommt das nicht gut an. Da wird eine andere Sprache gesprochen. Naumann sagt, er wolle deshalb einen amerikanischen Wahlkampf führen. "Man geht auf Menschen zu, macht sich kundig vor Ort." Er habe dafür jetzt "sehr viel Zeit. Die nehme ich mir." Ein Platzvorteil sei das gegenüber dem Ersten Bürgermeister Ole von Beust.

Dennoch, die Sprache. Naumann antwortet etwa auf die Frage, warum sein Wiedereinstieg in die Politik als so große Überraschung wahrgenommen werde: "Ein philosophisches Seminar über den Untergang des 68er-Partizipation können wir hier nicht halten. Es kommt darauf an, dass die Bürger verstehen, dass die Selbstrekrutierung der Parteien aus sich selbst heraus eine Distanzierung der Politik von der Gesellschaft zur Folge haben wird." Die Deutschen wären ein sehr gebildetes Volk, würden alle diese Sätze verstehen.

Naumann geht davon aus, dass auch im Kiez Hochdeutsch gesprochen wird. "Ich mache mich da nicht zum Narren."

Vielleicht hat er recht. Vielleicht kennt er die Menschen in Hamburg besser, als von einem Zeit-Herausgeber zu erwarten ist. Er hat für eine Recherche mal vier Wochen auf St. Pauli gelebt. "Ich habe keine Angst, das noch mal zu wiederholen", sagt er.

Bis zur Bürgerschaftswahl im kommenden Jahr wird es dazu wohl nicht kommen. Er will siegen in Hamburg, will Ole von Beust vom Sockel stoßen. Besonders aufzuregen scheint ihn das nicht: "Ich stelle einen gewissen Lebensabschnitt wie schon einmal der Politik zur Verfügung", sagt er. Das sei "keine besondere Ehre, sondern eine Selbstverständlichkeit."

Später noch einmal der Blick zu Willy Brandt. Diesmal länger. Dazu ein kurzes Schielen auf die Fotografen. Die nehmen das Angebot an. Wieder klicken die Kameras. Naumann lernt schnell.

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(sueddeutsche.de)