Von Christian Wernicke

Obama - am Vormittag in Straßburg angekommen - muss sich beim Nato-Gipfel auf schwierige Debatten einstellen. Die USA fühlen sich beim Afghanistan-Einsatz im Stich gelassen.

Der Zustand jeder Beziehung lässt sich bekanntlich daran ablesen, wie viel die Partner sich noch zu sagen haben. Oder eben nicht: Wo Schweigen herrscht, so das psychologische Einmaleins, ruft die Krise.

Obama und Sarkozy, Reuters

US-Präsident Obama und Frankreichs Präsident Sarkozy mit ihren Ehefrauen beim Empfang im Palais Rohan in Straßburg. (© Foto: Reuters)

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Gemäß dieser Regel deutet Karen Donfried, Vize-Direktorin des German Marshall Fund in Washington, die alliierten Rituale zwischen Europa und Amerika. Die Europa-Expertin erzählt mit süffisantem Lächeln, wie ihr dieser Tage französische und deutsche Spitzendiplomaten unisono versicherten, niemand aus der Obama-Regierung habe Paris oder Berlin je gedrängt, eilig mehr Soldaten für den Nato-Kampfeinsatz in Afghanistan zu entsenden.

Das, da ist sich Donfried sicher, sei nun wirklich ein Alarmzeichen: "Warum bittet die US-Regierung nicht um mehr Truppen? - Weil sie längst die Antwort kennt! " Eben das Abwinken, das Non wie das Nein. Also fragt Washington nicht und schweigt.

Obama in Harmonie mit Europa

Obamas PR-Berater wollen des Präsidenten ersten Großauftritt auf internationaler Bühne in Harmonie mit Europa inszenieren - und in Kontrast zu dem miesen Renommee, das George W. Bush in der Alten Welt genoss. Also muss Obamas Sicherheitsberater Jim Jones sich selbst verleugnen: Fast vier Jahre lang hatte der pensionierte General als Nato-Oberbefehlshaber die Europäer einst bekniet, endlich mehr Mann und Gerät nach Afghanistan zu entsenden.

Nun, als Obamas nationaler Sicherheitsberater, erinnert er sich eher gequält an die Diskussionen, in denen es "meist um Truppen und Helikopter und Verstärkungen ging". Zwar sei die militärische Seite des Einsatzes weiterhin "eine wichtige Säule", aber Washington würde sich ebenfalls freuen, wenn die europäischen Verbündeten nun beim Training der afghanischen Polizei und Armee aushelfen könnten, in der Verwaltung, oder beim Wiederaufbau.

In der Zwischenzeit rüsten die Vereinigten Staaten am Hindukusch im Alleingang auf. Zur Umsetzung jener neuen (und von den europäischen Nato-Alliierten laut applaudierten) Strategie, mit der Obama Afghanistan und Pakistan stabilisieren will, setzt das Pentagon Tausende zusätzlicher GIs in Marsch: Statt derzeit etwa 38.000 werden im Herbst 68.000 US-Soldaten in Afghanistan stehen.

Am Mittwoch kündigte General David Petraeus, der Chef des für die Krisenregion zuständigen US-Zentralkommandos, vor dem Streitkräfteausschuss des Senats sogar an, 2010 würden nochmals weitere 10.000 Soldaten für den Kampf gegen Taliban und al-Qaida mobilisiert. Dann stünden 78.000 Amerikaner am Hindukusch. Zum Vergleich: Die Zahl der nicht-amerikanischen Soldaten aus allen 42 sonstigen Nationen in der Nato-Schutztruppe Isaf pendelt um 30.000.

Empörung über Ungleichgewicht

Im amerikanischen Kongress sorgt dieser Trend bereits für Empörung. Die republikanische Senatorin Susan Collins etwa schimpfte, die neue Regierung leiste zu viel: "Wir rufen zu schnell nach unseren eigenen Truppen und nehmen damit den Druck von unseren Alliierten." Ähnliche Kritik an den Europäern ist, freilich streng anonym, auch aus der Regierung selbst zu hören. "Der praktische Nutzwert der Nato sinkt gefährlich ab", sagt ein Demokrat, der soeben als politischer Beamter ins Außenministerium zurückgekehrt ist.

Nach Ansicht des Politologen Charles Kupchan wird sich die Entwicklung fortsetzen. Zwischen Europa und Amerika, glaubt der Georgetown-Professor, etabliere sich eine neue Arbeitsteilung. Afghanistan liefere das Exempel. "Das ist, nach dem Ende des Kalten Krieges, nur normal", glaubt Kupchan, "aber langfristig zersetzt es das Bündnis." Auch kurzfristig habe dies Folgen: Der neue Präsident habe seiner Nation versprochen, sein konzilianter Kurs werde eine neue Ära der Zusammenarbeit schaffen. Wenn Europa nun nicht liefere, so Kupchan, "ist das für Obama gefährlich".

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(SZ vom 03.04.2009/jree)