Nato-Intervention im Bosnienkrieg Lehren für Syrien

Dreieinhalb Jahre lang wurden im Bosnienkrieg zehntausende Menschen ermordet, vergewaltigt und vertrieben - begleitet von zahlreichen Resolutionen des Weltsicherheitsrates und Beschlüssen der Nato. Die internationale Gemeinschaft sollte daraus für die Situation in Syrien einen wichtigen Schluss ziehen: Manchmal ist der Einsatz militärischer Gewalt moralisch geboten.

Ein Kommentar von Hubert Wetzel

Als die Waffen schwiegen und das Morden ein Ende hatte, gab es im Fernsehen eine bemerkenswerte Szene zu sehen: Irgendwo in den braunen Hügeln über Sarajewo stand ein junger amerikanischer Offizier vor einem stiernackigen Kommandeur der bosnisch-serbischen Armee und befahl ihm, seine schweren Waffen abzugeben. Er gab dem Serben eine Viertelstunde Zeit, andernfalls werde er mit ein paar Panzern wiederkommen und sich die Waffen nehmen. Und der Serbe, jahrelang der erbarmungslose Herr über das Leben und den Tod Zehntausender Menschen, die unten im Talkessel von Sarajewo versuchten, seinen Granaten zu entkommen - er kuschte.

So endete 1995 der Bosnienkrieg, der vor genau 20 Jahren mit den ersten Schüssen in Sarajewo seinen Anfang genommen hatte. Der Krieg begann mit dem Tod zweier junger Frauen auf einer Brücke in der bosnischen Hauptstadt, und er dauerte dreieinhalb grausame Jahre, in denen Zehntausende Menschen ermordet, vergewaltigt und vertrieben wurden. In diesen Jahren wurde Sarajewo belagert, ausgehungert, von Heckenschützen terrorisiert und Stück für Stück zu einem Trümmerhaufen zerschossen.

Begleitet wurde das Sterben von einem - zumindest im Rückblick - gespenstischen diplomatischen Ballett, bei dem ein stets schwungvoll frisierter serbischer Kriegsfürst, ein verhärmter, sorgengedrückter bosnisch-muslimischer Präsident und eine Gruppe wechselnder, doch immer hilfloser Vermittler der Europäischen Union und der Vereinten Nationen umeinander herumtanzten.

Begleitet wurde das Sterben auch von zahlreichen Resolutionen des Weltsicherheitsrates und Beschlüssen der Nato. In den Papieren wurden Städte zu "Schutzzonen" erklärt und die Serben aufgefordert, sich doch bitte an die zugesagten Waffenstillstände zu halten. Eine erkennbare Wirkung hatte das nicht.

Es ist vielleicht hilfreich, sich in diesen Tagen, in denen die Menschen in Homs, Hama und Dutzenden anderen syrischen Städten sterben, an den Bosnienkrieg zu erinnern. Es gibt viele Unterschiede, es gibt aber auch Gemeinsamkeiten. Wer mit welchen Interessen und wessen Hilfe gegen wen kämpft, ist in Syrien gelegentlich ebenso schwer auszumachen wie einst in Bosnien. Wer die Opfer sind, lässt sich jedoch leicht feststellen: Frauen, Kinder, unbewaffnete Zivilisten.

Auch während des Bosnienkrieges wurde in akademischen Zirkeln gern darüber gestritten, wer eigentlich der "Aggressor" sei. Als spiele diese Frage eine Rolle, wenn eine Seite mit schwerer Artillerie und Panzern in den Kampf zieht, die andere mit Kalaschnikows. Und wie heute im Falle Syriens warnten während des Bosnienkrieges die Fachleute stets vor der angeblich so furchterregenden militärischen Stärke des Gegners. Die beste Luftabwehr, die besten Panzer des Ostblocks sollen die Serben damals gehabt haben. Als dann der Westen endlich eingriff, stellten die Belagerer von Sarajewo sich ziemlich schnell als Marodeure heraus. Auf Frauen, die Wasserkanister schleppten, konnte diese Soldateska schießen, das Duell mit der Nato ließ sie aber lieber ausfallen.

Der Westen kann aus dem Bosnienkrieg ein paar Lehren für Syrien ziehen. Erstens: Wenn im Fernsehen jeden Tag sterbende Zivilisten zu sehen sind, erzwingt der öffentliche Druck irgendwann ein Eingreifen - entweder offen und militärisch oder verdeckt, wie durch die nun begonnene Unterstützung der syrischen Rebellen mit Geld und Ausrüstung. Zweitens: Ein Regime, eine Armee mag stark erscheinen - und kann trotzdem beim ersten Schuss kollabieren. Die wichtigste Lehre ist diese: Manchmal ist der Einsatz von militärischer Gewalt richtig, sogar moralisch, nicht die Suche nach einer "politischen Lösung", die es nicht gibt. Bosnien ist heute ein gespaltener, gelähmter, darniederliegender Staat. Auf den Gräbern blüht wenig. Aber das Sterben in Sarajewo ist vorbei.