Von P. Münch

Die militärischen Versäumnisse des Westens haben die Taliban wieder erstarken lassen und die internationale Truppe in eine andauernde Defensive gebracht.

Seit fast sieben Jahren sind Nato-Soldaten in Afghanistan stationiert, und vom Friedenseinsatz spricht schon lange niemand mehr. Sie befinden sich im Krieg, und für die Moral der Truppe mag es nicht erbaulich sein, wenn mittlerweile selbst von Generälen zu hören ist, dass dieser Krieg mit militärischen Mitteln nicht zu gewinnen ist.

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Das Isaf-Einsatzgebiet (zum Vergrößern bitte klicken). (© SZ-Karte: Hanna Eiden)

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Aber immerhin: Ein solcher Satz ist ehrlich. Mit Ehrlichkeit allein jedoch ist der Krieg auch nicht zu gewinnen. Was also hat die Nato falsch gemacht oder unterschätzt - und was will sie tun, um ein drohendes Desaster am Hindukusch abzuwehren?

Das Wiedererstarken der Taliban ist nicht denkbar ohne die Unterlassungssünden des Westens, die sich heute grausam rächen. Weil sich - erstens - die Isaf-Truppe zunächst auf 5000 Mann beschränkte, die allein in der Hauptstadt Kabul stationiert waren, konnten sich die Aufständischen militärisch ungehindert neu formieren. Und weil - zweitens - der unruhige Süden Afghanistans mit seinen paschtunischen Clans weitgehend ohne Wiederaufbauhilfe blieb, vermochten die Taliban in ihrem alten Kerngebiet Teile der unzufriedenen Bevölkerung wieder auf ihre Seite zu ziehen.

Bis heute wurde zwar die Isaf-Truppe auf mehr als 50.000 Soldaten aus 40 Nationen aufgestockt, die es mit geschätzten maximal 10.000 feindlichen Kämpfern zu tun haben. Auch Geld für Straßen, Krankenhäuser und Schulen fließt mittlerweile in die paschtunischen Problemgebiete. Dennoch ist die Nato am Hindukusch in eine andauernde Defensive geraten, und gerade ihre prestigeträchtigen Aufbauprojekte werden zu vorrangigen Angriffszielen.

Gegen Selbstmordanschläge und Hit-and-run-Aktionen der Taliban und der mit ihnen verbündeten Gruppen können sich die hochgerüsteten Isaf-Truppen kaum schützen und verteidigen. Allein in diesem Jahr kamen schon mehr als 220 ausländische Soldaten ums Leben, das sind schon mehr als im gesamten Vorjahr.

Die höchste Zahl an Opfern verzeichnen Amerikaner, Briten und Kanadier im Süden des Landes. Vor allem aber fordert der Krieg sehr viele zivile Todesopfer - durch Luftangriffe der US-Truppen, weit mehr aber noch durch Anschläge der Korankrieger. Doch obwohl die Taliban keinerlei Rücksicht auf ihre eigenen Landsleute nehmen, profitieren sie von dem Chaos, das sie selbst anrichten. Viele Afghanen trauen dem Westen schlicht nicht mehr zu, für ihre Sicherheit zu sorgen.

Mit einem ganzen Bündel einzelner Maßnahmen versuchen nun die Nato und die afghanische Regierung gegenzusteuern. Von einem geschlossenen Auftreten kann dabei allerdings keine Rede sein. So sollen im Süden Afghanistans nun Isaf-Soldaten gegen Drogenlabors vorgehen, um so den Zufluss für die Kriegskasse der Aufständischen austrocknen.

Im Norden und Westen allerdings verweigern die Deutschen und andere aber wegen Sicherheitsbedenken einen solchen Einsatz. Schleppender als geplant verläuft weiterhin der Aufbau der afghanischen Polizei und der Nationalarmee. Und auch die Wiederaufbauhilfe ist wenig koordiniert - und im Vergleich zu den Militärausgaben immer noch gering.

Weil die Regierung in Kabul weiß, dass mit jedem blutigen Anschlag die Bereitschaft zum westlichen Einsatz für Afghanistan sinkt, versucht sie nun, mit den Taliban ins Gespräch zu kommen und dabei auch deren frühere Förderer Saudi-Arabien und Pakistan einzuschalten. Außer Vorgesprächen in Riad ist dabei bislang noch nichts herausgekommen. Die Taliban haben ja auch Zeit - Präsident Hamid Karsai und die Nato-Staaten haben das nicht.

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(SZ vom 21.10.2008/gba)