Der weltpolitische Wanderzirkus macht nun in Baden-Baden Station. Ganz gelassen kann Angela Merkel hier die Gastgeberin für Barack Obama sein.
Tag eins also. Tag eins nach der Grundsteinlegung für eine neue Welt. "Das denke ich. Ja", hatte die Kanzlerin nach dem Londoner Weltfinanzgipfel geantwortet auf die Frage, ob nun die Basis geschaffen sei für eine neue Weltfinanzordnung. Auf dem Gebiet der Regulierung der Finanzmärkte, erläuterte Merkel, seien "Riesenfortschritte gemacht worden gegenüber Washington". Gegenüber Washington.
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Man kennt sich und freut sich über das Wiedersehen: Kanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama. (© Foto: Getty Images)
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Das klingt unbestimmt, unpersönlich. Gar nicht nach Charme, Durchsetzungskraft und Charisma. Nicht nach Barack Obama also, einem, den sich angeblich 76 Prozent der Deutschen auch für ihr Land wünschen. Nicht nach dem Mann, den die Bundeskanzlerin später an diesem Tag in Baden-Baden mit militärischen Ehren empfängt. Beim Dinner in London hatten die Deutsche und der Amerikaner schon nebeneinander gesessen. Es ging freundlich zu, natürlich. Aber wenn Merkel von Erfolgen schwärmt und Obama in offensichtlichem Understatement sagt: "Nun, ich denke meine Arbeit war o.k." - dann wird klar, dass die beiden zusammen spielen, aber nicht immer in einer Mannschaft.
Können sie mieinander?
Nun sitzt die Kanzlerin im Airbus der Luftwaffe von Berlin auf dem Weg zum "Baden-Airpark". Nach dem Gipfeltreffen in London hatte sie sich noch einmal nach Berlin bringen lassen. Auch in dieser verrückten Obama-Woche, die sie am Sonntag noch nach Prag führen wird, schläft Merkel zwischendurch gerne im eigenen Bett.
Nun bleibt eine gute Stunde, um sich auf ihr erstes ganz offizielles Gespräch mit dem neuen US-Präsidenten vorzubereiten, zu dem sie ihn im Rathaus der Kurstadt empfängt. Es ist viel spekuliert worden über das Verhältnis der beiden, darüber, ob sie miteinander können. Die Einigung in London, das ist nicht zu übersehen, stärkt das Selbstbewusstsein der Kanzlerin. Sie kann als gelassene Gastgeberin auftreten, zumal beim Jubiläumsgipfel der Nato keine ernsthaften Streitpunkte zu erwarten sind, jedenfalls nicht zwischen Deutschland und den USA.
Vor Obama steht zu diesem Zeitpunkt erst noch ein Treffen mit Nicolas Sarkozy. Vor dem Straßburger Palais des Rohan wartet der französische Präsident nebst Gattin auf seinen Gast aus Amerika, ebenso wie Hunderte Schaulustige, die die abgesperrten Straßen säumen. Punkt 11.45 Uhr entsteigen Barack und Michelle Obama der schwarzen Limousine. Man begrüßt sich mit Wangenkuss und Schulterklopfen.
Kurz sonnt sich Obama noch in seiner Popularität. Er macht einen Schritt auf die jubelnden Menschen hinter den Absperrgittern zu: Händeschütteln mit Fotografen-Pulk im Rücken. Ein US-Präsident, der geliebt wird - sogar hier in Frankreich. Und ein Präsident zum Anfassen. Obama lässt es geschehen, dass ihm eine junge Frau die Hand auf die Schulter legt. Erst als sie versucht, ihn wie zum Kuss zu sich heranzuziehen, wendet er sich ab, um sich zurück in die strengen Bahnen des Protokolls zu begeben.
Townhall-Meeting auf französisch
Gute eineinhalb Kilometer entfernt, in der Rhenus-Sporthalle, belegen derweil die ersten von mehreren Tausend Schülern und Studenten die gelben Plastiksitze. Sie sind in den letzten Tagen an Schulen und Universitäten in Baden-Württemberg und im Elsass ausgesucht worden, um an einem Townhall-Meeting mit Obama teilzunehmen. Die Folk-Sängerin im Vorprogramm trällert: "He has got the whole world in his hands!" Auch wenn es gar nicht auf Obama gemünzt ist, als er um kurz nach zwei zusammen mit seiner Frau Michelle endlich die Bühne betritt, hat er die Halle mit einem "bon après-midi" sofort in der Hand.
Doch der Präsident ist nicht gekommen, um sich feiern zu lassen. Er hat eine Botschaft für die Jugend Europas, eine politische noch dazu - seine Beliebtheit setzt er ein, um Engagement einzufordern. Auf den Tribünen ist es so leise geworden, dass man die Funkgeräte der Sicherheitsleute knacken hört. "Es sind die jungen Leute, die die Führung übernehmen müssen", ruft Obama in die Halle und: "Der Fortschritt ist zwar manchmal langsam, auch weil wir Fehler machen. Aber wir können das Unwahrscheinliche tun, manchmal gar das Unmögliche!"
Es ist einer der Momente, in denen zu spüren ist, wie in Obama das Feuer lodert. Er spult nicht das Standardprogramm ab zu Wirtschaftskrise und Klimaschutz, zum Kampf gegen die Armut und zu Afghanistan. Mit ausgebreiteten Armen beschwört er die Jugendlichen: "Engagieren Sie sich, bringen Sie sich ein, in ihrer Gemeinde, bei den Ärzten ohne Grenzen oder anderswo!" Es werde schnell langweilig, wenn man nur an sich denke, sagt er, der seine politische Karriere in den Armenvierteln Chicagos begonnen hat. Er ist beseelt vom Glauben, dass Wandel möglich ist. Und wenn die Gesichter der Zuhörer Aufschluss erlauben, hat er hier viele überzeugt.
Auch die Balance zwischen ernster Botschaft und präsidentieller Lockerheit gelingt, als am Ende der Fragerunde jemand wissen will, wie es denn sei, Präsident von Amerika zu sein. Das Amt bringe manchen Verzicht mit sich, sagte Obama, und wandert, eine Hand in der Hosentasche, auf der Bühne herum. "Wissen Sie, auf solchen Reisen wie dieser erleben Sie die Welt durch eine Glasscheibe. Deswegen war es mir wichtig, Sie zu treffen." Früher hätte er sich in ein Café setzen können, sagte er, um bei einem Glas Wein die Flaneure im Sonnenuntergang zu beobachten. Heute aber bestimmt der knappe Gipfelzeitplan sein Leben, und der will, dass er jetzt in den Hubschrauber nach Baden-Baden steigt. Mit halbstündiger Verspätung.
Obama trifft in einer Kurstadt im Belagerungszustand ein. Am Wegesrand sind an allen Hauseingängen Polizeibeamte postiert. Ein paar Hundert Jubel-Badener dürfen sich dennoch versammeln. In Schaufenstern steht geschrieben: Welcome Mr. President. Hinter der Stiftskirche wartet eine Ehrenformation der Bundeswehr. Als Obama und seine Frau dem Chevrolet Suburban entsteigen, skandieren einige Bürger: "Yes we can". Michelle Obama, in ihrem magentafarbenen Kleid ein Blickfang, lächelt in die Menge, ihr Mann winkt.
Die Kanzlerin nimmt den Präsidenten in Empfang und geleitet ihn zur Ehrenformation. Nachdem beide Hymnen verklungen sind, folgt jenes Ritual, das die Kanzlerin schon weit öfter absolviert hat als der junge Präsident. Zum Preußischen Präsentiermarsch schreiten beide die Formation ab. Als es ans Wenden geht, hilft Merkel Obama mit sanftem Druck um die Kurve. Später ist es dann Obama, der die Kanzlerin bremst, als ein Offizier die Formation abzumelden wünscht, bevor sich die beiden zu ihren Gesprächen ins Rathaus zurückziehen. Das Paar fremdelt noch. Aber man hilft sich.
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(SZ vom 4.4.2009/vw)