Nationen-Stereotype in Europa Vorurteile und ihr wahrer Kern

Die Franzosen, heißt es jedenfalls, sind arrogant und ein wenig feige, die Italiener geschwätzige Modeverrückte, die keine Steuern zahlen, und die Deutschen so pedantisch, dass sie auch im Urlaub penibel sämtliche Poolliegen mit ihren Handtüchern eindecken. Stimmt - aber nicht so ganz, sagen internationale Autoren, die entschlüsseln, was hinter den Klischees steckt.

Die Franzosen: Wir sollen arrogant und feige sein?

Die Klischees mit dem Bade ausschütten? Das kommt nicht in Frage. Abgesehen davon, dass sie durchaus einen Funken Wahrheit enthalten, tragen die gängigen Vorurteile über die französische Identität dazu bei, die Reihen zu schließen. Wir sollen arrogant und nationalistisch sein und zudem ein wenig feige?

Wie lebendig diese Stereotypen sind, hat sich bei der Finanz- und Euro-Krise offenbart: Frankreich konnte nicht verbergen, dass es Schwierigkeiten hat, seine Rolle (beziehungsweise die Rolle, die es sich selbst zuschreibt) auf der europäischen Bühne zu spielen.

Der deutschen Führung setzen wir dröhnenden Diskurs und Unentschlossenheit entgegen? Dieser Vorwurf kann im Grunde nur die Stimmung unseres Landes heben, das Angst davor hat, in mürrische Bewegungslosigkeit zu verfallen und nichts so sehr schätzt wie die Macht des Wortes.

Der Franzose ist stolz auf seinen geschärften Sinn für Ungerechtigkeiten und daher enttäuscht, dass unter den Klischees die Streikkultur nicht erwähnt ist, die übrigens von den Statistiken widerlegt wird. Die Zahlen nämlich zeugen vielmehr von schwächelnden Gewerkschaften.

Die Reputation als Liebhaber gilt es zu beweisen

Das gilt auch für den Vorwurf, wonach die Franzosen zu viel Getue machten und in Arroganz badeten. Man leiht nur den Reichen, und der aufsässige Gallier wird darin sogar eine Ehre erkennen. Schließlich mangelt es uns auch nicht an touristischer Anziehungskraft, obwohl unsere Gastfreundschaft zu wünschen lässt - so sehr, dass man unlängst mit einer Kampagne die Pariser Geschäftsleute dazu bringen musste, danke zu sagen. Oh, wie verbesserungsfähig.

Hingegen sollte uns der Vorwurf des Getues um Sterneköche durchaus beunruhigen - angesichts der aufstrebenden Mächte der Spitzengastronomie wie Spanien, Japan oder China.

Bleibt unsere Reputation als Liebhaber, die zu beweisen wäre. Die verfügbaren Studien sehen uns, was die Zahl der Partner und die Intensität des Geschlechtsverkehrs betrifft, im europäischen Mittelfeld. Aber würden die europäischen Nachbarn uns das ohne Augenzwinkern abnehmen - nach diesem weltweit bekannten Fortsetzungsroman mit dem Titel Dominique Strauss-Kahn? Zumindest in diesem Punkt sollten wir das Gegenfeuer wieder einstellen.

Jean-Michel Normand (Le Monde)