Nahrungsmittelkrise Gentechnik macht nicht satt

Volker Kauder will die weltweite Nahrungsmittelkrise auch mit der Gentechnik lösen. Damit stößt er in seiner eigenen Fraktion auf Unverständnis und sogar Biotechnik-Firmen sind skeptisch.

Von Martin Kotynek und Hanno Charisius

Während Fachleute weltweit nach Lösungen für die Nahrungsmittelkrise suchen, scheint Volker Kauder das Patentrezept schon gefunden zu haben. Mit Hilfe der Gentechnik soll das Angebot an Nahrungsmitteln schnell gesteigert werden, fordert der Fraktionsvorsitzende der Union. Doch mit diesem Bekenntnis zur Biotechnologie stößt Kauder nicht nur bei Forschern und Gentechnik-Unternehmern, sondern auch bei Politikern der eigenen Fraktion auf Unverständnis.

"Die Gentechnik ist nicht die Lösung der gegenwärtigen Nahrungsmittelkrise", sagt Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU). Ungewöhnliche Unterstützung erhält er dabei von der Biotechnik-Industrie. Zwar könne die Gentechnik einen Beitrag leisten, aber "natürlich wird sich das Welthungerproblem nicht mit der Gentechnik lösen lassen", sagt Hans Kast, der Geschäftsführer von BASF Plant Science. Und sogar Michael Mack, der Vorstandsvorsitzende des Agrotech-Riesen Syngenta, warnt, dass die Gentechnik-Industrie die aktuelle Krise nicht missbrauchen solle, um ihre Ziele durchzusetzen.

Immer mehr skeptische Stimmen

Fraglich ist, ob die Biotechnologie überhaupt dazu fähig ist, künftige Nahrungsmittelkrisen abzuwenden. Mittelfristig hält Horst Seehofer das für möglich, fordert aber zunächst, die Forschung zu intensivieren. In der Wissenschaft mehren sich skeptische Stimmen, ob die Gentechnik das richtige Mittel für eine Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion ist. Erst in der vergangenen Woche kamen 400 Forscher und Politiker zu dem Schluss, dass die Gentechnik an ihre Grenzen gestoßen sei. Im Bericht des Weltagrarrats IAASTD, der für die Landwirtschaft das ist, was der Weltklimarat IPCC für das Klima darstellt, fordern sie eine Kehrtwende in der Landwirtschaft. Die Bauern sollen wieder zu traditionellen Anbaumethoden zurückkehren, um den Ertrag ihrer Äcker zu erhöhen.

Von konventionellen, also gentechnikfreien Methoden verspricht sich auch die Welternährungsorganisation FAO rasche Erfolge. So seien Ertragssteigerungen von bis zu 56 Prozent bis zum Jahr 2030 möglich und auch nötig, um die Weltbevölkerung von dann geschätzten acht Milliarden Menschen zu ernähren. Das größte Potential sieht der Weltagrarrat auf den Äckern von über 500 Millionen Kleinbauern in Entwicklungsländern. Allein durch den verstärkten Einsatz von Düngemitteln ließe sich die Produktivität viel mehr steigern, als es die Gentechnik vermag, sagt Hans Herren, einer der Autoren des IAASTD-Berichts.

Die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Bauern könnte einen weiteren Produktivitätsschub bringen, sagt Hans Hurni vom Nationalen Forschungsschwerpunkt Nord-Süd der Universität Bern, ein weiterer Autor des Weltagrarberichts. "40 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion stammen aus kleinbäuerlichem Anbau praktisch ohne maschinelle Hilfe." Zurzeit produzierten Bauern durch Handarbeit ein bis zwei Tonnen Getreide pro Jahr und Hektar, schätzt Hurni. In der industrialisierten Landwirtschaft liege der Wert zwischen fünf und acht Tonnen. Schon durch eine bessere Ausbildung der Bauern könnten die Erträge in Entwicklungsländern leicht verdoppelt werden.

Während Volker Kauder fordert, die Produktivität der Pflanzen mit Hilfe der Gentechnik zu erhöhen, ist nicht einmal klar, ob das mit den gentechnisch veränderten Saatgutsorten, die heute auf dem Markt erhältlich sind, möglich ist. "Diese Sorten sind zum Teil über zehn Jahre alt", sagt Pflanzenbiotechnologe Hans-Jörg Jacobsen von der Universität Hannover. "Modernere Züchtungen bringen auch ohne gentechnischen Eingriff mehr Ertrag als diese alten Varianten." Meist zielen die heutigen gentechnischen Eingriffe ohnehin bloß darauf ab, die Pflanzen widerstandsfähig gegen Unkrautvernichtungsmittel oder Insektenfraß zu machen. Beides kann dazu beitragen, dass die Bauern weniger Pestizide auf die Felder sprühen müssen. Das spart Arbeitszeit und Geld und die Umwelt kann entlastet werden, jedenfalls kommen einige Gutachten zu diesem Schluss. Der Ertrag eines Ackers wird dadurch aber nicht direkt gesteigert.

Ein Werkzeug von vielen

"Noch nicht", sagt Lothar Willmitzer vom Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie in Potsdam. "Genomforschung und Gentechnik haben in den vergangenen zehn Jahren sehr viel Wissen generiert", das lasse sich künftig auf zwei Weisen anwenden. Man könne direkt Gene verpflanzen, die Pflanzen die gewünschten neuen Eigenschaften geben. Oder man versuche mit modernen Zuchtmethoden wie dem sogenannten Smart Breeding, Pflanzen neue Fähigkeiten zu verleihen. Dabei werden Methoden der Genomforschung benutzt, um im Erbgut von Pflanzen gezielt nach nützlichen Eigenschaften zu fahnden. Diese Gewächse werden dann mit ergiebigen Zuchtsorten gekreuzt. "Das ist das klassische Verfahren, nur schauen wir uns eine Pflanze nicht mehr nur von außen an, sondern blicken ihr auch in die Gene", sagt Willmitzer.

Angesichts des Klimawandels müssen Züchter ihre Sorten zunehmend auf karge Lebensbedingungen trimmen. "Es gibt Pflanzen, die an extreme Standorte angepasst sind", sagt Willmitzer. Diese Eigenschaften gelte es nun auf jene Pflanzen, die die Welternährung sichern, zu übertragen. Die Gentechnik könne dabei unterstützen, "sie ist aber nur ein Werkzeug von vielen". "Es wäre jedoch fatal und völlig falsch, langfristig auf diese Möglichkeit ganz zu verzichten", sagt Hans-Jörg Jacobsen.

Anders als in den Entwicklungsländern lässt sich in den reichen Nationen die Produktivität durch herkömmliche Methoden kaum noch steigern. Bei den drei wichtigsten Nahrungspflanzen der Menschheit - Weizen, Mais und Reis - seien die klassischen Züchter bereits "an die biologischen Grenzen gestoßen", sagt Hans-Jörg Jacobsen. Das sieht man auch in der Biotechnik-Industrie so: "Herkömmliche Möglichkeiten reichen nicht mehr aus. Wir brauchen einen Technologiesprung, um die Produktivität zu erhöhen", sagt Hans Kast von BASF Plant Science. Ob die Gentechnik diesen Sprung jedoch ermöglicht, ist unklar. Mit ihrer Hilfe ließen sich die Erträge aber vielleicht stabilisieren, sagt Jacobsen. Das wäre in Zeiten des Klimawandels schon viel.