Zum Ende der Nahost-Reise: SZ-Vatikan-Experte Matthias Drobinski darüber, ob Benedikt XVI. noch ein Papst der Versöhnung werden kann und warum sich die Kirche immer noch so schwer mit der NS-Vergangenheit tut.

Jordanien, Israel, die Palästinensergebiete - Papst Benedikt XVI. hat eine heikle Reise durch den Nahen Osten absolviert. Bei seinem Auftritt in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem, seinem Gebet an der Klagemauer und seiner Rede an die Palästinenser wurde jedes Detail beobachtet und analysiert.

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Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch in Nazareth. (© Foto: AFP)

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Matthias Drobinski, Redakteur und Vatikan-Experte der Süddeutschen Zeitung, über ungenutzte Chancen und hohe Erwartungen, die schwierige Lage von Benedikt XVI. und den Umgang der katholischen Kirche mit der NS-Zeit.

sueddeutsche.de: Tagelang hat Papst Benedikt mit seiner Tour durch Jordanien, Israel und die Palästinensergebiete die Blicke der Welt auf sich gezogen. Was bleibt von dieser Reise?

Matthias Drobinski: Ich denke, die Reise hat sein Bild in der arabischen Welt und in Israel verbessert, das ja angekratzt war. In den arabischen Ländern wirkte immer noch die Regensburger Rede nach, in der er den byzantinischen Kaiser Manuel II. zitierte, der Schlechtes über den Propheten Mohammed sagt. Nun hat er mit seinem Eintreten für die Palästinenser und einen Palästinenserstaat Sympathien gewonnen. In Israel gibt es eine leise Enttäuschung, weil er nicht so emotional und bewegend war wie neun Jahre vor ihm Johannes Paul II. Da standen sehr große Schuhe vor ihm an der Grenze Israels, in die er schlüpfen musste und die ihm vielleicht auch nicht ganz gepasst haben.

sueddeutsche.de: Benedikts Auftritte - vor allem in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem - haben sehr unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Hat der Papst Chancen vertan oder waren die Erwartungen zu hoch?

Drobinski: Ich denke, beides stimmt. Wenn man in Jad Vaschem ist, kann man kaum etwas anderes sein als bewegt. Es hätte wohl bestimmter Gesten bedurft oder des einen oder anderen Halbsatzes, um aus einer anständigen Rede eine bewegende zu machen. Ich war vor drei Jahren mit deutschen Bischöfen in Jad Vaschem, die hatten Tränen in den Augen - das hatte Benedikt nicht. In Israel wurde sehr genau registriert, dass da jemand nicht mit der gleichen Emotion dasteht wie andere vor ihm. Kann man das von ihm erwarten? Bis zu einem gewissen Grad ja - man erwartet von einem Papst Besonderes. Auf der anderen Seite merkte man, dass Benedikt XVI. immer noch befangen war, nichts Falsches sagen wollte, in seiner Verkrampftheit und Ängstlichkeit dastand.

Das Historische hat schon Johannes Paul II. getan. Er hat diesen Besuch als Erster gemacht, er stand an der Klagemauer, er hat klar das Unrecht benannt, das im Namen der katholischen Kirche auch Juden angetan wurde. Benedikt hätte es jetzt noch stärker betonen oder das wiederholen können, was er in Auschwitz gesagt hat. In diesem Sinne ist nicht falsch, was er gesagt hat, sondern es klingt das nach, was er nicht gesagt hat. In Jordanien und bei den Palästinenern ist man sehr viel zufriedener.

sueddeutsche.de: Seine Vergangenheit in der Hitlerjugend und die Rehabilitierung der Pius-Bischöfe werden dem Papst nicht zuletzt in Israel weiter vorgeworfen. Kann Benedikt überhaupt noch zu einem Papst der Versöhnung werden?

Drobinski: Den Vorwurf mit der Hitlerjugend finde ich ungerecht. Aus den Akten geht klar hervor, dass er als 14-Jähriger praktisch zwangsweise eingeschrieben wurde. Er gehörte zu den letzten Zwangsrekrutierten, er hat sich so lange gewehrt, wie er konnte. Später wurde er dann eingezogen als Flakhelfer. Daraus lässt sich keine Nähe zum Nationalsozialismus konstruieren.

Der Fall der Pius-Brüder zeigt tatsächlich stärker das Denken des Papstes. Dass ihm der Wunsch, den Traditionalisten eine Brücke zu bauen, wichtiger ist als der interreligiöse Dialog. In diesem Sinne kann er nicht so sehr Papst der Versöhnung werden wie Johannes Paul II. Aber er wird auch kein Papst der Spaltung sein. Auch ihm liegt die Versöhnung mit dem Judentum am Herzen, aber er kann über seine Grenzen des Denkens nicht hinaus - das ist das Faszinierende bei einem Mann, der so hochintelligent ist.

Auch wenn Benedikts Vatikan keinen Religionskrieg führen will und viele gemeinsame Ziele mit Juden und Muslimen anerkennt, bleibt am Ende doch stehen: Wir haben einen Wahrheitsanspruch und alles andere ist ein wenig defizitär. Das tut natürlich Gesprächspartnern weh. Hier hat Johannes Paul II. mehr gewagt, zum Ärger des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger: Der nahm zum Beispiel am Friedensgebet von Assisi, das Johannes Paul organisiert hatte, nicht teil.

sueddeutsche.de: Warum tut sich die katholische Kirche, und gerade dieser Papst, weiterhin so schwer im Umgang mit der NS-Vergangenheit?

Drobinski: Weil sie sich selber als Teil des Widerstandes sieht - zum Teil auch zu Recht. Die katholische Kirche war die bürgerliche Institution, die am wenigsten infiltriert war vom Nationalsozialismus. Das Gefühl nach dem Krieg war also: Wir haben dem Nationalsozialismus widerstanden. Doch dann kam der Vorwurf: Das reicht uns nicht. Hättet ihr nicht aufschreien müssen? Und darum dreht sich der Streit.

Das Gefühl im Vatikan ist heute: Wir haben so viel für die Juden getan, waren immer gegen die Nazis, und nun kommt eine missgünstige Öffentlichkeit und sieht das anders. Das verletzt. Und der Papst ist Teil dieser Tätergeschichte, ohne selbst Täter gewesen zu sein. Johannes Paul II. war Teil einer Opfergeschichte, überlebte mit Mühe und Not die deutsche Besatzung. Benedikt XVI. repräsentiert die deutsche Seite, einfach weil er dort geboren wurde.

Neben diesem emotionalen gibt es ein theologisches Problem, auch in der Erklärung von Johannes Paul II. zu der Schuld an den Juden: Die katholische Kirche in ihrer Grundgestalt ist unfehlbar. Nun muss man erklären, wie die Kirche über Jahrhunderte Juden schlecht behandelte, theologisch abwertete, als Gottesmörder bezeichnete. Dann heißt es: Da haben Menschen im Namen der Kirche gesündigt. Dieses Argument verdeckt aber den Blick darauf, dass es Strukturen im Kern dieser Kirche gab, die den theologischen Antijudaismus förderten und indirekt auch dem rassischen Antisemitismus den Boden bereiteten, indem man das Bild vom Juden als Gottesmörder verbreitete. Diese Schuld kann nicht komplett aufgearbeitet werden, solange die Kirche dieses theologische Problem nicht löst - da ist noch eine Lücke.

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