Nahostkonflikt Überall unerwünscht

Palästinensische Beduinenkinder in der Nähe ihres Hauses im Dorf Khan al-Ahmar im israelisch besetzten Westjordanland.

(Foto: Menahem Kahana/AFP)
  • Seit den Fünfzigerjahren leben die Beduinen in der judäischen Wüste: 32 Familien, insgesamt 173 Menschen.
  • Nun sollen sie weichen, denn das Oberste Gericht hat einen Einspruch gegen Abrissbescheide abgelehnt.
  • Nach Überzeugung des Gerichts wurden ihre Hütten illegal errichtet. Die Beduinen argumentieren, dass ihnen israelische Behörden Baugenehmigungen verweigern.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Khan al-Ahmar

"Wir wissen nicht, wo wir hinsollen. Und wir wissen auch nicht, wann sie kommen. Diese Ungewissheit ist das Schlimmste", sagt Ahmad Abu Dahok. Der 32-jährige Beduine sitzt auf einer Matte vor seiner Hütte, die aus Wellblech, Pappe und Plastikplanen zusammengeflickt ist. Gleich dahinter sind der Stall und ein Auslauf für die Ziegen, was man deutlich riecht. Keine hundert Meter weiter brausen Fahrzeuge auf der vierspurigen Schnellstraße Nummer 1 vorbei, die Jerusalem mit dem Toten Meer verbindet.

Seit den Fünfzigerjahren leben die Beduinen hier in der judäischen Wüste: 32 Familien, insgesamt 173 Menschen, davon 92 Kinder und Jugendliche. Sie gehören wie Ahmad und seine beiden Cousins Faisal und Ibrahim zum Jahalin-Stamm. Die Männer mit den wettergegerbten Gesichtern wurden hier geboren, nachdem ihre Vorfahren im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskrieges 1948 aus der Negev-Wüste vertrieben worden waren. Nun sollen die Beduinen erneut weichen.

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Da mit dem Obersten Gericht die letzte Instanz ihren Einspruch gegen Abrissbescheide abgelehnt hat, können jederzeit die Bagger anrücken. "Selbst meine fünf Kinder schrecken jede Nacht bei dem kleinsten Geräusch auf", erzählt Ahmad Abu Dahok. Sein Cousin Faisal Abu Dahok zeigt auf dem Handy Fotos von drei Landrovern, die vergangene Woche die Hütten umrundet haben. "Das waren sicher Behördenvertreter, sie haben Fotos gemacht."

Die Schulmauern bestehen aus Autoreifen

Nach Überzeugung des Gerichts wurden die Hütten illegal errichtet. Die Beduinen argumentieren, dass ihnen israelische Behörden Baugenehmigungen verweigern. Außer der Schule, die 2009 mit Mitteln der EU sowie aus Italien und Belgien errichtet wurde, gibt es in der Khan al-Ahmar genannten Ansiedlung kein wirklich festes Gebäude. Und selbst die Schulmauern bestehen aus Autoreifen, die mit Lehm fixiert wurden - daher der Name "Reifenschule". Hier werden in neun Klassen etwa 170 Kinder im Alter zwischen 6 und 14 Jahren unterrichtet, unter ihnen auch solche aus umliegenden Dörfern. Die nächsten Schulen liegen in Al-Eizariya und Jericho, sechs und 15 Kilometer entfernt.

Khan al-Ahmar liegt in jenem Gebiet zwischen Jerusalem und den israelischen Siedlungen Ma'ale Adumim und Kfar Adumim, das zum Westjordanland gehört, in dem aber Israel für die Verwaltung zuständig ist. Die Häuser von Kfar Adumim sind in Sichtweite auf dem Hügel hinter dem Beduinendorf. Mit den ersten Siedlern 1979 begann der Streit, auch um die Wasserquellen in der Gegend. Den Beduinen und ihren Herden wurde der Zutritt verwehrt. Seit 1985 bekommen die Beduinen von einer israelischen Firma Wasser geliefert - "nach langem Kampf", so erzählt Ibrahim Abu Dahok, für den Verbrauch müssen sie nun zudem zahlen.

Mit dem Bau der Schnellstraße, durch die das Dorf zweigeteilt wurde, schwanden auch die Verdienstmöglichkeiten für die Beduinen. Denn an den Ständen, an denen sie Milchprodukte verkauft haben, bleibt niemand mehr stehen. Die drei Männer bringen ihre Familien mit insgesamt elf Kindern mit Gelegenheitsjobs durch. Auch die Weideflächen der Tiere wurden durch Siedlungen eingeschränkt, sodass die Herden verkleinert werden mussten.

Sechs Tage nach dem Gerichtsentscheid über den Abriss von Khan al-Ahmar beschloss die für die Verwaltung der besetzen Gebiete im Westjordanland zuständige israelische Behörde den Bau von 92 neuen Wohnungen in der Siedlung Kfar Adumim. "Falls hier Siedlungen entstehen sollten, würden die Aussichten auf ein zusammenhängendes palästinensisches Staatsgebiet - und damit die Umsetzbarkeit einer Zweistaatenlösung - deutlich verringert", hieß es Ende Mai in einer Aussendung des Auswärtigen Amtes in Berlin. Darin wird die Besorgnis ausgedrückt, dass Khan al-Ahmar abgerissen und die Bewohner gegen ihren Willen umgesiedelt werden.