"Ein kleinen Paradies, das wir hier bauen": Seit israelische und palästinensische Lokalpolitiker kooperieren, erblüht die frühere Terroristen-Hochburg Dschenin. Auch Touristen sollen kommen.
In Jerusalem fliegen die Steine, in Gaza wird demonstriert, und selbst in Jaffa keimt der Krawall. Doch in Dschenin sitzt Muhammed al-Balschi inmitten seiner Sandalen und Stiefeletten und schwärmt vom Geschäft. "Ein Plus von 40 Prozent", sagt er, "wir merken alle, wie es sich verändert hat." Vom Aufruhr ist hier nichts zu spüren, ein Aufbruch hat die Stadt erfasst. "Du solltest mal am Samstag kommen, da sind hier alle Straßen voll", sagt al-Balschi.
Symbol einer gelungenen Annäherung: In Dschenin im Westjordanland eröffnete im vergangenen Sommer ein Supermarkt, der auch für Besucher aus dem nahen Israel attraktiv ist. Die Arbeitslosigkeit in Dschenin ist stark gesunken. (© Foto: AFP)
Anzeige
Dschenin ist im Kaufrausch, und die Kunden kommen aus Israel in die 50.000-Einwohner-Stadt im nördlichen Westjordanland. Fast neun Jahre, seit Beginn der zweiten Intifada, war der Checkpoint an der Grenze zu Israel für Autos geschlossen. Doch die Öffnung zum Jahresende hat Dschenin einen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht, der die politischen Probleme vorerst in den Hintergrund drängt. 500 Autos passieren im Tagesdurchschnitt den Übergang, am Wochenende sind es 1200 - und in den Autos sitzen ganze Familien arabischer Israelis aus Haifa, Afula oder Nazareth. Sie kaufen Schuhe bei Mohammed al-Balschi, durchstöbern den Gemüsemarkt und füllen die Restaurants in der Hauptstraße, an deren Mauern langsam die alten Graffiti mit den schwerbewaffneten Märtyrern verblassen. Israelische Juden dürfen nur mit einer Sondergenehmigung des Militärs nach Dschenin, doch danach wird bislang nur ein bis zwei Mal im Monat gefragt, sagt ein Grenzbeamter. Dem Schuhverkäufer al-Balschi aber wären auch sie willkommen. "Ich habe mit niemandem Probleme", sagt er.
Der Kontrast zu den alten Tagen, den alten Bildern und den alten Parolen könnte kaum größer sein. Denn in den Zeiten der zweiten Intifada bis zum Jahr 2005 hatte sich Dschenin einen Ruf als Hauptstadt der Selbstmord-Attentäter verdient. Kaum irgendwo im Westjordanland wurde erbitterter gekämpft; 2002 war das dortige Flüchtlingslager von israelischen Panzern weitgehend zerstört worden. Die Wunden waren tief, doch die wundersame Wandlung beschert der Stadt heute auch große internationale Aufmerksamkeit. Viel Polit-Prominenz reist an und ab, und Tony Blair, der Gesandte des Nahost-Quartetts, sieht in Dschenin ein Modell für das ganze Westjordanland. Doch nicht die große Politik steht hinter all den Veränderungen, sondern zwei Männer an der Basis: Dani Atar, der Vorsitzende des israelischen Gilboa-Landkreises, und Kadura Musa, Gouverneur von Dschenin. Ein Israeli aus der Arbeitspartei mit Armee-Vergangenheit und ein Palästinenser aus der Fatah mit zwölfjähriger Erfahrung in israelischen Gefängnissen.
"Wir haben nicht darauf gewartet, dass die Regierungen etwas tun, wir haben für sie den Weg vorgezeichnet", sagt Atar. Es war ein langsamer Prozess der Annäherung - 2005 gab es das erste Telefonat, 2007 das erste Treffen. Doch mittlerweile gehen die beiden sogar gemeinsam auf Reisen, zu Jahresbeginn zum Beispiel nach Deutschland in den Hochtaunuskreis, um das Hohelied von Kooperation und Koexistenz anzustimmen. Im Saal seines Amtssitzes schwärmt Atar vom "kleinen Paradies, das wir hier bauen" und von der "wirtschaftlichen Revolution". Er entwirft Tourismusprojekte für Gilboa und Dschenin; Pilger und Naturfreunde will er anziehen und obendrein politisch Interessierte, die hier etwas lernen könnten über "Lösungsmöglichkeiten in Konfliktgebieten. Und zum Abschluss präsentiert er Karten, die von ganz großen Plänen künden: ein Industriegebiet direkt am Grenzzaun, 15.000 neue Jobs auf der palästinensischen, 1500 auf der israelischen Seite.
Neu ist diese Idee nicht, genau genommen stammt sie aus den neunziger Jahren, als nach dem Oslo-Vertrag die Hoffnung herrschte. Auch nach der erzwungenen Intifada-Pause hatten sich manche Politiker, darunter der frühere deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier, gern zum Fototermin auf der grünen Wiese an der Grenze eingefunden. Spuren hat aber selbst Steinmeiers Besuch nicht hinterlassen. Es grünt noch immer, aber nichts wächst. Man kann daraus lernen, dass schöne Worte plus schöne Pläne noch keine schöne neue Welt erschaffen. Doch mit der Öffnung des Grenzverkehrs hat auch das Industriepark-Projekt wieder Konjunktur.
Es bleibt noch viel zu tun
Kadura Musa, der Gouverneur von Dschenin, kann den Standort jedenfalls von seinem baufälligen Amtssitz aus gar nicht oft und laut genug loben. "35 Kilometer sind es bis zum Hafen von Haifa, Jordanien ist auch nicht weit", sagt er, "und wir haben hier viele gutausgebildete Männer, die schon in Israel gearbeitet haben." Die meisten dieser Männer sind heute arbeitslos, und auch wenn seit der Grenzöffnung in den letzten Monaten die Quote von 58 auf 42 Prozent gefallen ist, bleibt noch viel zu tun. Deutschland hat schon vor zwei Jahren zehn Millionen Euro für die Infrastruktur rund um das geplante Industriegebiet versprochen, nun gibt es auch ein Abkommen mit der Türkei und Interesse italienischer Investoren. "Ich hoffe, dass wir in ein paar Monaten anfangen können", sagt Gouverneur Musa.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
"Undercover" bei Paketzusteller GLS
Eierkuchen.
Es ist zwar richtig, dass es in Jenin zur Zeit recht friedlich zugeht und dass tatsächlich auch hin und wieder iraelische Araber zum Einkaufen kommen. Aber wenn man beobachtet, wie die nach dem Einkauf bei der Überquerung der israelischen Grenzanlage bis auf die Unterhosen gefilzt werden, mitsamt ihren neu erworbenen Tomaten und Schuhen, dann kann man sich kaum vorstellen, dass hier in großem Umfang ein Grenzverkehr entsteht. Dagegen war die DDR-Grenze ein Witz.
Im Artikel ist zwar von 40% Steigerung die Rede, aber 40% von fast nichts sind eben auch relativ leicht zu erreichen.
Ich war selbst vor 6 Wochen in Jenin und Umgebung und habe mir auch den Grenzübergang angeschaut. Ich bin da sehr skeptisch, das viele der Leute wiederkommen, die ich gesehen habe, wie sie von jungen Israelis mit Sonnenbrillen und Kanonen durchsucht werden. Das macht ja noch nichtmal mehr die Armee, die Sicherheitsüberprüfung ist inzwischen an private Firmen delegiert, die natürlich in erster Linie und sehr penibel jede Vorschrift einhalten. Spaß macht das sicher nicht, wenn man Palästinenser ist.
Im Übrigen: einer der Gründe, warum die Leute in Jenin und Umgebung so große Probleme haben, ist die israelische Mauer/Grenzanlage, die viele der Bauern in der Gegend von ihren Feldern und damit von ihrem Broterwerb abschneidet, völkerrechtswidrig, versteht sich. Mal abgesehen von den Schwierigkeiten mit der Wasserversorgung etc.
Mir ist unverständlich, wie das in einem Bericht über Jenin unerwähnt bleiben kann, so sehr ich mich über hoffnungsvolle und positive Berichterstattung über die Region freue.
Wäre ich gläubig würde ich beten.Aber die Gläubigen schiessen heute wohl lieber.
bitte mehr Beispiele davon!
Arabische Israelis hatten wohl kaum je eine Fehde gegen ihre arabischen Nachbarn in der Nachbarstdt Dschnin!
Die Israelis haben die Grenze mit der Mauer erbaut nicht die Araber!
Und dennoch mal eine andere, vor allem positive Nachricht aus der Region. Schön zu sehen, wenn Vernunft sich gegenüber Rachekreisläufen, gegenseitigen Verletzungen und politischem Stillstand lokal durchsetzt.
Paging