Nahostkonflikt Gewaltsame Tage an Israels Grenzen

  • Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden bei Protesten am Montag 59 Menschen durch israelische Soldaten erschossen und 2771 verletzt, 100 davon sind in kritischem Zustand.
  • Palästinenserpräsident Abbas spricht von einem "Massaker", Israels Premier Netanjahu betont das Recht seines Landes auf Selbstverteidigung.
  • Die Türkei und Südafrika ziehen ihre Botschafter aus Israel ab.
Von Alexandra Föderl-Schmid, Erez

Entlang des Gazastreifens bereitet man sich auf neue Auseinandersetzungen vor. Denn am heutigen Dienstag ist Nakba-Tag, an dem die Palästinenser jedes Jahr an ihre Vertreibung erinnern aus Anlass der israelischen Staatsgründung am 14. Mai 1948. Während der Nachtstunden blieb es ruhig. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums wurden am Montag 59 Menschen durch israelische Soldaten erschossen und 2771 verletzt, die meisten durch Tränengaseinsatz. 100 davon sollen sich in kritischem Zustand befinden. Es war der blutigste Tag seit Ende des Gazakriegs 2014. In den seit 30. März andauernden Protesten an der Grenze zum Gazastreifen waren vor Montag bereits 54 Menschen getötet worden.

Die israelische Armee teilte in der Nacht mit, dass ihre Soldaten am Montag elf Luftangriffe auf Ziele der in dem Küstenstreifen regierenden Hamas im nördlichen Gazastreifen geflogen haben. Panzer seien gegen zwei Positionen im Norden und Süden vorgegangen.

Südafrika und die Türkei ziehen ihre Botschafter ab

Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas rief drei Tage der Trauer und einen Generalstreik aus. Er sprach von einem "Massaker". Im von Abbas kontrollierten Westjordanland hatten sich nur einige Hundert Menschen an den Protesten beteiligt, im Gazastreifen sollen es rund 50 000 gewesen sein. Der UN-Sicherheitsrat kommt auf Antrag Kuwaits am heutigen Dienstag gegen 16 Uhr zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Beide Seiten in dem Konflikt riefen das Gremium auf, die jeweils andere Seite zu verurteilen.

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Die Türkei und Südafrika riefen ihre Botschafter aus Israel zurück. Südafrika protestierte damit gegen die "gewalttätige Aggression" an der Grenze zum Gazastreifen, der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan nannte das Vorgehen "Genozid" und machte die USA mitverantwortlich. "Wir werden nicht erlauben, dass dieser Tag jener ist, an dem die muslimische Welt Jerusalem verliert." Die USA hatten am Montag, dem 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, ihre Botschaft nach Jerusalem verlegt und damit als Hauptstadt anerkannt. Auch dagegen richteten sich die Proteste an der Grenze zum Gazastreifen, weil die Palästinenser Ost-Jerusalem als ihre Hauptstadt für ihren künftigen Staat beanspruchen.

Zahlreiche Versuche, die Grenze zu durchbrechen

Israel macht die radikalislamische Hamas für "die beispiellose Gewalt" verantwortlich, die Streitkräfte seien gezwungen, darauf zu reagieren. "Die Streitkräfte werden weiterhin entschieden operieren, um massive Terrorangriffe, die großteils von der Hamas-Terrororganisation orchestriert wurden, zu verhindern. Allen Terroraktivitäten wird mit heftigen Reaktionen begegnet. Die Truppen sind darauf vorbereitet, ihre Mission zu erfüllen, die Souveränität Israels und israelische Bürger zu verteidigen", hieß es in einer Mitteilung.

Nach Angaben des israelischen Militärs habe es zahlreiche Versuche gegeben, die Grenze zu durchbrechen. "Rund zehn" explosive Gegenstände und mehrere Feuerbomben seien gegen den Zaun und israelische Truppen gerichtet worden. Israels Premierminister Benjamin Netanjahu sagte am Montagabend, die Hamas wolle Israel zerstören. "Wir haben ein Recht, uns zu verteidigen."

Laut einem Bericht der Nachrichtensendung Hadashot TV am Montagabend habe Israel der Hamas über Ägypten eine Botschaft zukommen lassen. Man werde die gezielte Tötung von führenden Hamas-Mitgliedern wiederaufnehmen, wenn die Auseinandersetzungen an der Grenze nicht aufhörten.

Die Hamas nutzte den "Marsch der Rückkehr" für ihre Zwecke

Auch die Hamas sandte eine Drohung aus. Khalil al-Hayya von der Führung der Hamas erklärte am Montag, dass die Geduld der bewaffneten Gruppen im Gazastreifen nicht andauern müsse und sie Aktionen gegen Israel in den kommenden Tagen vorbereiten könnten. Er bezog sich auch auf die Kassam-Brigaden, den bewaffneten Arm der Hamas. Unter den am Montag getöteten Palästinensern sollen zehn Hamas-Mitglieder gewesen sein, darunter auch der Sohn eines der Gründer, Abdel Aziz al-Rantisi. Nach der Erklärung von US-Präsident Donald Trump zur Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels im Dezember waren mehr als 40 Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert worden.

Der "Marsch der Rückkehr" als Erinnerung an die Vertreibung war eigentlich von Bürgern organisiert, aber von der Hamas für ihre Zwecke benutzt worden. Damit wollten die Palästinenser auch gegen die Abriegelung des Gazastreifens durch Israelis protestieren, auch Ägypten öffnet den Grenzübergang Rafah nur gelegentlich.

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