Nahostkonflikt Gandhi als Modell für Gaza

Die Palästinenser werfen Steine und Molotowcocktails. Aber was, wenn sie gewaltfrei protestieren? Wenn Frauen und Kinder vor der Grenze stehen?

Kommentar von Tomas Avenarius

Das Blutbad am Grenzzaun zum Gazastreifen hat einen Aspekt, der über die ungeheuerliche Zahl von mindestens 60 Toten und mehr als 2000 Verletzten hinausweist. Vordergründig geht es darum, wer Verantwortung trägt - die palästinensische Hamas oder Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu oder, viel eher, beide.

Weit wichtiger ist aber, was Barrikadensturm und Schießerei angesichts des 70. Nationalfeiertags des Staates Israel und des ebenso alten palästinensischen Flucht- und Vertreibungstraumas belegen: Der Nahostkonflikt kennt keine gemeinsame historische Erzählung und keine eindeutige politische Zukunftsdeutung. Er gestattet daher auch kaum eine einvernehmliche Lösung. Die Erzfeindschaft zwischen Israelis und Palästinensern bleibt das, was sie immer war: ein Kampf um Land, bei dem das Recht des Stärkeren gilt.

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Die einen haben weitere Teile des Landes 1967 genommen, die anderen fordern es zurück. Derzeit haben die Palästinenser keine Chance, ihre Ziele zu erreichen, weder mit Terror noch auf dem Weg von Verhandlungen. Das zeigt die völkerrechtlich fragwürdige Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem; sie steht für die von den USA anerkannte Inbesitznahme von ganz Jerusalem durch den Staat Israel. Damit für unverhohlene Parteilichkeit in einem Konflikt, der ohne unparteiischen Makler nur zu neuer Gewalt führt.

Der Einweihungsakt der US-Vertretung war eine Miniatur des sieben Jahrzehnte alten Konflikts. Washington hat sich im entscheidenden Moment auf die Seite Israels geschlagen, bis hin zur Blockadehaltung im UN-Sicherheitsrat, die eine Untersuchung der Grenzvorfälle erschwert. Die internationale Diplomatie hat nach mehren Jahrzehnten somit versagt, die Papiere zur Zweistaatenlösung kommen irgendwann in den Reißwolf, die Palästinenser in Gaza und im Westjordanland bleiben, wo sie sind: jenseits von Mauer und Grenzzaun.

Bislang spielt die Hamas Israels Hardlinern in die Hände

Das klingt nach einem Erfolg für Israel, ist es aber nicht. Im Gegenteil, der jüngste Grenzkonflikt eröffnet eine neue Front. Die Palästinenser versuchen sich trotz ihres hohen Blutzolls im Ansatz an neuen, ungewohnten Formen des aus ihrer Sicht legitimen Widerstands gegen Israel. Man muss nicht auf der arabischen Seite stehen, um zu sehen, dass wirklich friedliche Massendemonstrationen an der Grenze, dass unbewaffnet marschierende Frauen und Kinder aus einer Bevölkerung von eineinhalb Millionen Menschen Israels Albtraum sein müssen.

Noch schleudern viele Palästinenser Molotowcocktails, werfen Steine. Wenn sie das aber lassen und sich ohne Waffen auf den Grenzzaun zubewegen, hat Israels Regierung ein wirkliches Legitimationsproblem. Scharfschützen gegen gewaltfrei auftretende Protestierer - das mag bestenfalls in Ägypten oder Syrien gehen, ganz sicher aber nicht in Israel.

Bislang spielt die Hamas in ihrer vom Heil des Märtyrertods verblendeten Wahrnehmung des Konflikts den Hardlinern in Israel noch in die Hände. Solange ein Palästinenser einen Stein hebt, greift das Argument, dass die Hamas die Proteste instrumentalisiert, dass sie Deckmantel für Terroristen sind. Aber wenn die Hamas ins Nachdenken kommt, wenn sie in Gedanken an Gandhi kühl ihre Taktik ändert? Dann haben die Palästinenser eine Chance - indem sie Frauen und Kinder an die Grenze schicken. Da helfen den Israelis auch keine Scharfschützen mehr.

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