Interview: Tomas Avenarius, Gaza

Nach Bomben auch auf UN-Einrichtungen verlangen die Vereinten Nationen eine Untersuchung der israelischen Angriffe auf Gaza. John Ging, Chef des UN-Flüchtlingshilfswerks UNWRA, wirft Israel vor, absichtlich die Infrastruktur der Palästinenser zerstört zu haben.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNWRA ist die wichtigste Hilfsorganisation im Gaza-Streifen: UNWRA versorgt 750.000 der 1,5 Millionen Gaza-Palästinenser mit Lebensmitteln und Medikamenten, baut Schulen und Häuser, unterstützt Witwen und Waisen.

Die UN verlangen eine Untersuchung der israelischen Bomben auf Gaza. John Ging, Chef des Flüchtlingshilfswerks, wirft Israel vor, absichtlich die Infrastruktur der Palästinenser zu zerstören AFP

Israelische Bomben treffen im Gaza-Streifen eine Schule der Vereinten Nationen (Bild vom 17. Januar) (© Foto: AFP)

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Weil die israelische Armee während des dreiwöchigen Krieges auch UN-Schulen, UN-Konvois und sogar das UN-Hauptwarenlager beschossen hat, verlangt UNWRA-Chef John Ging nun eine unabhängige Untersuchung: Er will wissen, ob es sich bei den Angriffen auf Einrichtungen der Weltorganisation um Kriegsverbrechen handelt. Mit Ging sprach in Gaza-Stadt der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Tomas Avenarius.

SZ: Nach dem Beschuss von UN-Schulen und anderen UN-Einrichtungen werden Vorwürfe gegen die israelische Armee erhoben. Manche sprechen von Kriegsverbrechen.

John Ging: Es gibt den Vorwurf der Kriegsverbrechen gegen Israel, es gibt diesen Vorwurf auch gegen Palästinenser. Diese Vorwürfe müssen unabhängig, objektiv und glaubwürdig untersucht werden. Und sie müssen in Übereinstimmung mit geltendem Recht geahndet werden. Für Palästinenser und für Israelis gilt dasselbe Recht.

SZ: Die Israelis rechtfertigen sich damit, dass Militante von den betroffenen UN-Einrichtungen aus auf israelische Soldaten geschossen hätten. Sie hätten zurückschießen müssen.

Ging: Das behaupten die israelischen Regierungssprecher. Sie haben es aber nicht belegt und es entspricht auch nicht der Wahrheit. Das Militär selbst hat solche Vorwürfe nicht erhoben. Von den Verbindungsoffizieren, mit denen wir ununterbrochen in Kontakt standen während des gesamten Kriegs, haben wir den Vorwurf kein einziges Mal gehört. Die Erklärungen der Regierungssprecher hingegen haben sich immer wieder geändert und gedreht. Das trägt zur Glaubwürdigkeit Israels nicht bei.

SZ: Warum sind sie so sicher, dass keine Militanten in ihren Einrichtungen waren?

Ging: Das Ganze würde keinen Sinn machen. 1800 Zivilisten, die gerade mit dem nackten Leben dem Beschuss mit Artillerie und Panzern entkommen sind und sich in eine UN-Schule gerettet haben, würden es Militanten nie erlauben, aus ihrer Mitte heraus auf israelische Soldaten zu schießen. Sie wissen, dass Minuten später der Beschuss mit der Artillerie und Panzern einsetzen müsste.

SZ: Das ist kein Beweis.

Ging: Die UN muss ihre Unschuld hier nicht beweisen - Israel muss seine Behauptungen belegen. Die Israelis hatten während des gesamten Krieges ihre Aufklärungsdrohnen am Himmel. Sie haben praktisch jede Bewegung der Militanten verfolgt. Wo bitte sind die Luftaufnahmen, die die Vorwürfe belegen? Wer uns vorwirft, dass Militante auf UN-Gelände waren, soll solche Fotos vorlegen.

SZ: Wie wollen Sie die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen?

Ging: Ich erwarte eine unabhängige Untersuchung: für jedes Todesopfer, für jeden Verletzten. In diesem Krieg starben mehr als 400 Kinder. Die Antwort auf die Frage nach der Verantwortung für ihren Tod kann doch nicht einfach nur die politische PR von Regierungssprechern sein.

Noch am Tag vor dem Waffenstillstand wurden zwei Kinder in einer UN-Schule getötet. Sie waren unbestreitbar unschuldig. Und sie sind nun unbestreitbar tot. Ihr Tod lässt sich nicht vom Tisch wischen mit unbelegten Behauptungen, Militante hätten von dieser Schule aus geschossen.

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