Nahostkonflikt Israel macht Gaza-Angriff zum Live-Ereignis

Was passiert gerade in Gaza? Israel will die Kontrolle darüber behalten, wie die Welt die Militäroperationen in den Palästinensergebieten wahrnimmt. Über ein Blog, Twitter und Youtube speisen die Streitkräfte Echtzeit-Berichte in den globalen Nachrichtenstrom ein. Die neueste umstrittene Web-Aktion: Wer das Live-Blog der israelischen Streitkräfte besucht, erhält Online-Abzeichen.

Von Johannes Kuhn

Online-Plakat der israelischen Streitkräfte: Ahmed al-Dschabari "eliminiert".

(Foto: Screenshot)

Man könnte es Kriegsberichterstattung in Echtzeit nennen. Oder, das ist näher an der Wahrheit, schlicht Militärpropaganda. Die ersten Bomben auf Gaza waren kaum gefallen, da leiteten die israelischen Streitkräfte die PR-Offensive ein: "Die israelischen Streitkräfte haben die Operation 'Säule der Verteidigung' gestartet", ließ das Militär am späten Mittwochnachmittag über seinen offiziellen Twitter-Account wissen. "Alle Optionen sind auf dem Tisch. Wenn nötig, sind die Streitkräfte bereit, Bodeneinsätze in Gaza durchzuführen."

Zu diesem Zeitpunkt hatte es noch keine offizielle Erklärung oder Pressekonferenz gegeben. Im Jahr 2012, so scheint es, definiert Israel Medienarbeit vor allem als direkte Kommunikation über das Internet. Und die Formate, der sich die Streitkräfte bedienen, sind ziemlich nah am Zeitgeist:

[] In einem Live-Blog, das auch von einer Nachrichtenseite stammen könnte, werden ständige "Live-Updates" über den Einsatz versprochen und geliefert. Dass die Nachrichten meist die eigenen Erfolge verkünden, versteht sich fast schon von selbst.

[] Israels Streitkräfte nutzen die Videoplattform Youtube, um Videos hochzuladen, die einen unter dem Euphemismus "chirurgische Militärschläge" bekannten Eindruck vermitteln sollen. Dort ist auch der tödliche Angriff auf den Kommandanten des militärischen Arms der Hamas, Ahmed al-Dschabari, zu finden. Zu sehen ist eine Luftaufnahme, in der ein Auto von einer Rakete getroffen wird und explodiert. Das Video wird als "Nadelspitzen-Angriff" bezeichnet - und wurde nach mehr als 400.000 Aufrufen von YouTube gelöscht. Ein Bild der Streitkräfte zeigt ein Porträt al-Dschabaris mit dem Wort "eliminiert".

[] Bei Twitter und über Facebook berichten die Streitkräfte von den eigenen Aktionen, aber auch von Hamas-Raketen aus Gaza. Dabei hat man nicht nur die eigene Bevölkerung im Blick: Neben Hebräisch finden sich auf Twitter offizielle Militär-Accounts in den Sprachen Englisch, Französisch und Spanisch. "So wachen die Kinder hier auf. Guten Morgen aus dem Süden Israels", heißt es dort. Verlinkt: Ein Augenzeugen-Video aus der Stadt Ashdod, das einen mutmaßlichen Raketen-Angriff der Hamas zeigt. An anderer Stelle wird darauf hingewiesen, dass die Hamas international als Terrororganisation gilt und die Zivilbevölkerung mit Flugblättern gewarnt wird, sich von den Stellungen der Gruppe fernzuhalten. Als Beweis gilt das Foto eines Handzettels.

[] Ein weiterer Bestandteil sind ein Tumblr-Blog und bunte Infografiken, zum Beispiel über die Reichweite der Hamas-Raketen. Am Donnerstagmorgen veröffentlichte das israelische Militär auf seiner Facebook-Seite und via Twitter ein Plakat, auf dem zu lesen ist: "Drei israelische Zivilisten wurden heute früh von einer Rakete aus Gaza getötet. Die Streitkräfte werden weiterhin alles tun, die Sicherheit der Bürger Israels zu gewährleisten und die terroristische Infrastruktur der Hamas zu zerstören." Darunter findet sich die Aufforderung: "Teile das, wenn Du denkst, dass Israel das Recht zur Selbstverteidigung zusteht."

Kriegs-PR über soziale Medien ist ein recht neues Phänomen. So nutzen in Somalia seit einigen Monaten kenianisches Militär und die islamistische al-Shabaab Twitter, um sich gegenseitig zu drohen und ihre Sicht auf die aktuellen Gefechtsverläufe darzustellen.

Das israelische Militär zeigt nun, wie eine Hightech-Nation das Internet nutzen kann, um die Wahrnehmung von Kriegsgewalt zu beeinflussen. "Diese Form der Kriegsführung ist maßgeschneidert für das Informationszeitalter", urteilt Mike Isaac vom Techblog All Things Digital.

Weniger ausgeklügelt ist die PR-Arbeit des bewaffneten Arms der Hamas im Netz. Dennoch nutzt auch er die neuen Mittel. "#PillarOfDefence wird der Beginn der Befreiung des besetzten Palästina sein, der Heimat der Palästinenser, der wir so stolz unser Leben geben", versprechen die Al-Kassam-Brigaden bei Twitter und wenden sich dort mit Rache-Ankündigungen direkt an die israelischen Streitkräfte. Um den Fokus auf die zivilen Opfer zu legen, werden auch Bilder von verletzten Kindern veröffentlicht. Das Schlagwort aus Palästinenser-Sicht lautet #GazaUnderAttack - Israels Streitkräfte geben #IsraelUnderAttack und #PillarOfDefense (Säule der Verteidigung) als Stichworte aus.

Auch Augenzeugenberichte von Zivilisten finden sich bei Twitter und Facebook. Aus den Palästinensergebieten erzählen User von Stromausfällen in Gaza-Stadt und darüber, wie sie Explosionen hören. Aus dem Süden Israels wurden in der Nacht Bombenalarme vermeldet. Der ehemalige BBC-Journalist Jon Williams berichtet, dass bei den Angriffen auf Gaza die elfjährige Tochter eines Kollegen getötet wurde.

Viele der Nachrichten sind nicht verifizierbar, auch die Propaganda-Beauftragten beider Seiten widersprechen sich - zum Beispiel, wenn es darum geht, ob die Hamas mit ihren Raketen Tel Aviv getroffen hat. Der Journalist Andy Carvin versucht, die Berichte von Augenzeugen und Konfliktparteien in Echtzeit zu sortieren und zu hinterfragen - ähnlich hatte er bereits bei der arabischen Revolution agiert.

Die Verlagerung der Kriegs-PR ins soziale Netz ruft gemischte Reaktionen hervor: Während viele Nutzer die Nachrichten der Konfliktparteien teilen, zeigen sich andere entsetzt und prangern den Zynismus dieser Form von Öffentlichkeitsarbeit an. Wie die Verantwortlichen von Twitter, Facebook und Co. diese Nutzung ihrer Dienste bewerten, ist bislang unklar: Anfragen amerikanischer Medien blieben bisher unbeantwortet.

Update, 16. November: Inzwischen hat das Militär eine neue umstrittene Web-Aktion gestartet. Wer das Live-Blog der Streitkräfte besucht oder die Inhalte im Netz verbreitet, erhält Abzeichen, wie sie vom Check-In-Dienst Foursquare bekannt sind. Das berichtet Read Write Web und schreibt von einer "Gamification des Krieges".