Nahost Bildung als Kampfzone

In Gazas Schulen sollen Kinder künftig etwas über den Holocaust lernen - findet die UN und provoziert damit die Hamas. Doch auch in Israel hat das Freund-Feind-Schema das Bildungssystem durchdrungen.

Von Peter Münch

In Gazas Schulen lernen die Kinder fürs Leben und fürs Überleben, und Israel kommt dabei nur in einer Rolle vor: als Feind.

Für die in dem Küstenstreifen regierende Hamas gehört auch das weite Feld der Bildung zur Kampfzone, und wie radikal die islamistische Organisation dabei ist, zeigt sich an einem Konflikt, der derzeit zwischen UN-Vertretern in Gaza und der Hamas schwelt: In den von den Vereinten Nationen betriebenen Schulen sollen die Kinder künftig auch etwas über den Holocaust erfahren. Doch die Hamas will das verhindern.

"Wir wollen die Erklärung der Menschenrechte vor 60 Jahren zum Unterrichtsthema machen", sagt der UN-Vertreter Christer Nordahl. "Dazu muss man auf die Geschichte schauen, und der Holocaust gehört dazu."

Wer Nordahl, den stellvertretenden Chef des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina (Unwra), in seinem Büro in Gaza besucht, kann spüren, wie heikel dieses Thema in Gaza ist. "Es gibt einen Sturm, bevor überhaupt etwas passiert ist", sagt er. Schließlich werde derzeit noch an einem Textbuch gearbeitet, erst im nächsten Schuljahr soll das Ganze auf den Lehrplan gesetzt werden.

Das UN-Hilfswerk, das fast eine Million Palästinenser im Gaza-Streifen mit Lebensmitteln versorgt, ist auch das Rückgrat des Bildungssystems dort. Mehr als 200.000 Kinder gehen auf ihre insgesamt 216 Schulen, im Westjordanland gibt es noch einmal 94 Schulen für 56.000 Schüler.

Nach einem Abkommen aus den fünfziger Jahren werden auch in den Schulen der Vereinten Nationen palästinensische Schulbücher benutzt. Der Holocaust kommt darin nicht vor. Die UN-Vertreter können aber dem Curriculum eigene Akzente hinzufügen, so wie jetzt beim Thema Menschenrechte für die 7. bis 9. Klassen, bei dem der Mord an sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten behandelt werden soll.

"Wir wollen nicht über den Holocaust diskutieren, sondern wir wollen den Schülern erzählen, dass es den Holocaust gab, so wie wir von den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki erzählen", sagt Nordahl und fragt: "Wie kann man historische Fakten ignorieren?"

Die Antwort darauf hat zum Beispiel Yunis al-Astal gegeben, ein prominenter Hamas-Prediger. Hier solle "eine Lüge verkauft" werden, ereiferte er sich und fügte hinzu, es wäre "ein Kriegsverbrechen", dies zu tun.

Weniger radikal, aber genauso ablehnend äußert sich Achmed Yussuf, ein einflussreicher Berater von Ismail Hanija, dem Hamas-Chef im Gaza-Streifen. "Wir leugnen nicht den Holocaust, aber wir haben damit nichts zu tun", sagt er. "Das ist ein Verbrechen, das in Europa begangen wurde, das sollen die Europäer in ihre Schulbücher schreiben." Sofort verweist er auf "Verbrechen Israels gegen Palästinenser", die er "unseren eigenen Holocaust" nennt.

Damit trifft er die Stimmung in Gaza, doch nicht nur dort hat das Freund-Feind-Schema das Bildungssystem durchdrungen. In Israel nämlich hat die rechtsnationale Regierung nun ein Geschichtsbuch aus den Läden zurückgerufen, in dem die Vertreibung von Palästinensern im Krieg von 1948, der auf die Ausrufung des Staates Israel folgte, als "ethnische Säuberung" bezeichnet wird.

Bildungsminister Gideon Saar verfügte auch, dass der von den Palästinensern dafür benutzte Begriff "Nakba" (Katastrophe) weder in den jüdischen Schulen noch in denen der arabischen Minderheit in Israel benutzt werden darf. Für Amaya Galili von der israelischen Organisation Zochrot (Erinnern) ist dies "reiner Populismus" und genau der falsche Weg. "Es ist wichtig, dass auch die Juden lernen, was 1948 passiert ist", meint sie. Minister Saar aber sagt: "Die Gründung des Staates Israel kann man nicht eine Katastrophe nennen."