Nada-Video Video mit politischem Kalkül?

Die Video-Anklage einer elfjährigen Jemenitin gegen ihre Zwangsverheiratung macht einen sehr traurig oder wütend. Der Jemen gehört in dieser Hinsicht zu den schlimmsten Ländern. Doch steckt dahinter womöglich politisches Kalkül? In der Organisation, die die englischsprachige Fassung produziert hat, sitzen einige der früheren Kriegstreiber für George W. Bush.

Von Andrian Kreye

Im Internet kursiert seit einigen Tagen ein Video mit der wütenden Klage der elfjährigen Nada al-Ahdal aus Jemen, die vor einer von ihren Eltern arrangierten Zwangsheirat geflohen ist. Der kurze Film wird einen je nach Naturell zu Tränen rühren oder zur Weißglut bringen. Spätestens wenn das Mädchen sagt, sie wolle lieber sterben, als in einer Zwangsehe zu leben.

Die Quelle der englischsprachigen Übersetzung des Videos ist das Middle East Media Research Institute (Memri) in Washington DC. Das übersetzt Berichte aus Medien in den Ländern des Nahen Ostens ins Englische und bringt sie dann in Umlauf. Mit Erfolg. Das arabische Original des Videos mit Nada al-Ahdal stammt vom 8. Juli und wurde bei Redaktionsschluss 114.443 Mal angesehen. Die Fassung mit den englischen Untertiteln wurde von Memri am 21. Juli auf Youtube gestellt und dort bei Redaktionsschluss 6.696.393 Mal abgerufen.

Die Zwangsverheiratung von Kindern ist ein Brauch, der in vielen islamischen Ländern, auf dem indischen Subkontinent, aber auch in westlichen Sekten immer noch verbreitet ist. Nach einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation werden weltweit jedes Jahr mehr als 14 Millionen minderjährige Mädchen verheiratet. Nada al-Ahdals Heimat Jemen gehört zu den schlimmsten Regionen. Dort werden laut Human Rights Watch 15 Prozent aller Mädchen vor ihrem 15., mehr als die Hälfte vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet.

Genau das aber ist das Problem dieses Videos. Es gibt nämlich eine politische Dimension der englischsprachigen Fassung, mit der sich das Phänomen der Propaganda im Internet exemplarisch beschreiben lässt. Das Thema Kindesmissbrauch erlaubt natürlich keine Debatte. Und doch ist Memri eben eine politische Organisation, die von bekannten Neokonservativen getragen wird, viele von ihnen einst Kriegstreiber für George W. Bush. So sitzen im Beirat Männer wie Paul Bremer, 2003 Zivilverwalter des Irak, Bushs einstiger Botschafter bei den Vereinten Nationen, John Bolton, der neokonservative Publizist Norman Podhoretz sowie der ehemalige NSA- und CIA-Chef General Michael Hayden.

Für reine Propaganda sind die Männer hinter Memri zu klug und erfahren. Gründer und Leiter der Organisation Yigal Carmon ist ein ehemaliger Oberst der militärischen Abwehr in Israel, der sein Team mit Wissenschaftlern und Publizisten aus aller Welt, vor allem aber aus dem Nahen Osten besetzt hat. Doch die Propaganda des 21. Jahrhunderts funktioniert nicht mehr mit Lügen und Behauptungen. Gerade weil das Internet eine so weitreichende Transparenz erzwingt.