Nachschlagewerk Gewichtig

Die Görres-Gesellschaft legt ihr "Staatslexikon" neu auf. Der erste Band wiegt 1,6 Kilo und führt bis zum Buchstaben E. Renommierte Wissenschaftler liefern hier scharfe Analysen im konservativen Geist - aber nicht nur.

Von Werner Hornung

Dieses konservative Kraftpaket, das fünfbändige "Staatslexikon", ist nichts für intellektuelle Veganer. Bis 2020 soll die achte, neu bearbeitete Auflage vollständig im Regal stehen. Der erste Band wird seit Kurzem angeboten. In dunkelblaues Bibliotheksleinen gebunden, wiegt er 1,6 Kilogramm und umfasst 1520 Spalten; das sind umgerechnet 760 Seiten, die von "ABC-Waffen" über "Betriebswirtschaftslehre", "Cyberspace" oder "Demokratietheorien" bis zum letzten Stichwort "Ehrenamt" samt Verweispfeil "Freiwilligenarbeit" führen. Politiker-Biografien und Artikel zu sämtlichen Staaten von Afghanistan bis Ecuador fehlen, bis auf die Bundesrepublik, die DDR und seltsamerweise Australien/Ozeanien. Herausgeber des wagemutigen Literaturprojekts sind die katholische Görres-Gesellschaft (Bonn) und der Freiburger Herder-Verlag. Redaktionsleiter ist Heinrich Oberreuter, ehemals Politologe an der Universität Passau, dann Akademie-Direktor in Tutzing und nicht gerade kreuzbraves CSU-Mitglied. Zu seinem Redaktionsteam gehören noch sechzehn weitere Professoren, die für acht Fachbereiche zuständig sind: Geschichte, Pädagogik, Philosophie und Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft, Sozialethik, Theologie und Wirtschaftswissenschaften.

Die Edition ist immer noch der "christlichen Wertordnung verpflichtet"

Anders als beim 24-bändigen Brockhaus oder der populären Internet-Enzyklopädie Wikipedia handelt es sich hier um kein breit angelegtes Nachschlagewerk fürs Allgemeinwissen mit anonym gehaltenen Beiträgen. Wer das "Staatslexikon" aufblättert, hat ein alphabetisch geordnetes Handbuch mit anspruchsvoll verfassten Essays vor sich, an deren Ende stets der Name der Autoren steht. Sie alle liefern dem Leser mehr als nur Informationen zu "Recht - Wirtschaft - Gesellschaft" (Untertitel); sie definieren wichtige Begriffe, analysieren komplexe Sachverhalte, beschreiben und bewerten Institutionen, Ereignisse oder Entwicklungen. Die Verfasser beziehen dabei Position und bleiben damit der Görres-Tradition treu. So wie in den sieben vorhergehenden Editionen, die seit 1889 erschienen sind, ist man heute in einer weitgehend säkularisierten Welt immer noch der "christlichen Wertordnung verpflichtet" (Vorwort). Die Tonlage ist inzwischen moderat, keineswegs polemisch wie damals während des Kulturkampfes zu Bismarcks Zeiten, als es gegen protestantische Preußen, "gottlose" Liberale und Sozis ging. Die Mitarbeiter sind nicht mehr alle katholisch oder Mitglied der Görres-Gesellschaft.

Für ihr fünfbändiges Kompendium haben Heinrich Oberreuter und die Redaktion ein interdisziplinäres Netzwerk organisiert, das aus ungefähr neunhundert Fachleuten besteht. Diese arbeiten etwa beim Bundesamt für Naturschutz, bei der Bundesbank oder der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung; außerdem sind Verfasser beim Deutschen Caritasverband, bei der Katholischen-Arbeitnehmer-Bewegung (logisch, natürlich nicht beim DGB) oder beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken beschäftigt. Zum Großteil sind sie aber an deutschen Hochschulen tätig.

Der Staat bin ich: Fußballfan mit Bundesadler bei einem Spiel der deutschen Nationalmannschaft.

(Foto: Regina Schmeken)

Michael Hochgeschwender zum Beispiel ist renommierter Amerikanist und Kulturanthropologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Von ihm stammt im "Staatslexikon" die kenntnisreiche Begriffsgeschichte unter dem Stichwort "Abendland". Das ist ein historischer Überblick zum Gebrauch dieser heutzutage wieder umstrittenen Vokabel, die "weithin vage und unscharf" ist. Zudem erfahren wir von ihm, dass zunächst in den Tagen Martin Luthers vom Abendland die Rede war, später dann vor allem bei den Romantikern; und ab 1918 wurde dieser ideologisch aufgeladene Begriff vom antidemokratischen Untergangspropheten Oswald Spengler popularisiert. Doch seit den Siebzigerjahren sprach selbst im katholischen Milieu kaum mehr jemand vom christlichen Abendland. Deshalb stellt Hochgeschwender abschließend beinah verblüfft fest: "Umso erstaunlicher war es, dass im Oktober 2014 rechtskonservative, xenophobe und rechtsextreme Gruppierungen in Dresden sich gleichsam aus dem Nichts den Namen 'Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes' (Pegida) zulegten."

Beim vagabundierenden Lesen zwischen detailliertem Fachwissen und deutlicher Meinungsfreude stößt man teils auf recht bekannte Konservative, beispielsweise auf den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof oder seinen gleichfalls profilierten Kollegen Udo Di Fabio, der jetzt wieder an der Universität Bonn öffentliches Recht lehrt. Für das "Staatslexikon" bestreitet er im zweigeteilten Artikel über die "Demokratie" den juristischen Part. Dabei kritisiert Di Fabio unter anderem indirekt vier Bundesländer, die das aktive Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt haben: "Wer Demokratie in ihrer zentralen Bedeutung als Staatsstruktur nicht beschädigen will, sollte auch nicht das Wahlalter für die Landtags- oder Bundestagswahl absenken mit der bizarren Folge, dass die Rechtsordnung einen unter 18-jährigen Heranwachsenden vor den Folgen des Abschlusses eines Ratenvertrages schützen will, ihm aber gleichwohl das Schicksal der Republik anvertrauen will." Neunzig Prozent der bayerischen Sozialkunde-Lehrer und viele Eltern pubertierender Teenager werden ihm zustimmen. Nur die vier Bundesländer sind leider nicht genannt: Brandenburg, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein. Eine Petitesse gewiss, jedoch in der Summe ergeben solche Kleinigkeiten zusammen mit etlichen Druck- und Sprachfehlern ein störendes Manko.

Heinrich Oberreuter (Redaktionsleiter): Staatslexikon. Recht – Wirtschaft – Gesellschaft. Band 1: ABC-Waffen – Ehrenamt. Herder-Verlag Freiburg 2017. 8., völlig neu bearbeitete Auflage. 768 Seiten, 88 Euro. E-Book: 78 Euro.

(Foto: Herder)

Möglicherweise hätte ein aufmerksamerer Lektor auch bemerkt, dass bei den sieben Textspalten zum Stichwort "Bundespräsident" ein paar simple Fakten fürs breite Lesepublikum fehlen: eine Auflistung von Theodor Heuss bis Joachim Gauck (Frank-Walter Steinmeier) samt ihren Amtszeiten. Oder der Zweispalter zur Bayerischen Volkspartei. Dort wird nämlich eine politisch verhängnisvolle Entscheidung nicht erwähnt: Die BVP (grob gesprochen, die Vorgängerpartei der CSU) hat 1933 dem NS-Ermächtigungsgesetz sowohl in Berlin als auch im bayerischen Landtag zugestimmt. Zu viel dagegen verspricht das Stichwort "Asiatischer Rechtskreis". In dem Essay erklärt Jura-Professor Kenichi Moriya von der Universität Osaka einzig das japanische Rechtssystem, freilich sprachlich versehen mit allerhand Fachchinesisch. Und der Historiker Rudolf Schieffer - ansonsten eine Koryphäe der Mediävistik - skizziert hier das deutsche Mittelalter als bloße Herrschaftsgeschichte. Man vermisst bei ihm den wissenschaftlich längst üblichen Blick auf soziale und mentale Besonderheiten jener Epoche.

Auch ein rot-grünes Musterprojekt wird empfohlen: die Integrierte Gesamtschule

Diese Rezension kann allein sporadische Kritik leisten. Es wäre pure Hochstapelei, so zu tun, als sei dieses Paket an beeindruckender Kompetenz Zeile für Zeile studiert worden. Außerdem sei noch angemerkt: Relativ bald fallen Artikel auf, die so gar nicht ins übliche Klischee vom Konservativen passen. Da ist zum Beispiel das Stichwort "Dekonstruktion". Unter ihm wird die wesentliche Methode des französischen Philosophen Jacques Derrida auf hohem Abstraktionsniveau erläutert. Diese dekonstruktive Denkweise richtet sich gegen jegliche traditionelle Wissenschaftstheorie, gleicht dem Erkenntnis-Anarchismus des Wiener Paul Feyerabend, der einst ganz fesch propagiert hat: Anything goes! Und auch der Text über "Bildungsreformen" ist keineswegs ein konservatives Vorzeigeexemplar. Denn in ihm wird unter anderem ein rot-grünes Musterprojekt empfohlen: die integrierte Gesamtschule. Solch politische Offenheit gegenüber Autoren des "Staatslexikons" verdient Respekt, das spricht für einen eher liberalen Redaktionsleiter.

Wer weiß, vielleicht ist Heinrich Oberreuter ja ein ähnlich lebenskluger Konservativer wie der katholische Theologe Karl Rahner, von dem die Bemerkung stammt: "Dogmen sind wie Straßenlaternen; sie sollen etwas beleuchten - aber nur Betrunkene halten sich an ihnen fest."

Werner Hornung bespricht seit fast fünfzig Jahren politische Literatur und Lexika; er ist Katholik.