Von Von Nico Fried

Das passiert im Bundestag nicht alle Tage: Dank eines Versprechers von CDU-Chefin Angela Merkel haben der Kanzler und sein Vize mal was zu lachen.

Als Angela Merkel wieder auf ihrem Platz im Plenum des deutschen Bundestages sitzt, schlägt sie die Beine übereinander, beugt den Oberkörper nach vorne und fingert gedankenverloren an einem Stück Papier herum, das auf dem schwarzen Tischchen vor ihr liegt. Minutenlang verharrt sie in dieser Starre, nippt nur zwischendurch ein paar Mal an ihrem Wasserglas, und schon ihr bloßer Anblick lässt vermuten, dass die Vorsitzende der Unionsfraktion selbst eher unzufrieden ist mit dem Auftritt, den sie gerade abgeliefert hat.

Anzeige

Gegenüber, auf der Regierungsbank, ein anderes Bild. Man weiß kaum, was schwerer zu ertragen ist: Gerhard Schröder und Joschka Fischer schlecht gelaunt - oder in guter Stimmung, so wie jetzt. Vor allem der Vizekanzler wirkt aufgekratzt, quasselt fast ohne Unterlass auf seinen Chef ein, reißt Witzchen, und Schröder kichert mit. Schließlich lässt Fischer den Kanzler sogar an seinem SMS-Verkehr teilhaben, obgleich die Benutzung von Handys im Hohen Hause eigentlich verboten ist. Nichts scheint den Vormännern der Koalition an diesem Tag zu banal zu sein, als dass man es nicht für eine Demonstration der Vertrautheit und der Zuversicht benutzen könnte.

Kein Zweifel: Schröder hat zuvor eine ordentliche Rede gehalten. Aber so fulminant, dass die Regierung sich nun aller Sorgen ledig wähnen könnte, war sie auch wieder nicht. Der Kanzler entwarf ein geschlossenes Bild seiner Politik - zur Zufriedenheit der eigenen Gefolgschaft. Am Anfang, als er konstatierte, Deutschland stehe heute besser da als noch vor einem Jahr, kam der Beifall aus den eigenen Reihen noch etwas zögerlich. Die Abgeordnete Susanne Kastner klatschte entschlossen an, dann fügte sich auch der Rest der Fraktion. Später aber verbesserten sich Frequenz und Intensität des Applauses.

Ein Jahr zuvor hatte Schröder in seiner ersten Agenda-Rede an gleicher Stelle im wesentlichen einschneidende Maßnahmen referiert. An diesem Tag aber hat er es geschafft, der ganzen Sache einen Sinn zu geben, der vor allem auf einer neuen Definition von Gerechtigkeit beruht. "Wir müssen umverteilen", so Schröder, "aber vom Gestern und Heute ins Morgen." Die Bedingungen für Eltern müssten verbessert werden, so der Kanzler, "aber vor allem auch die der Kinder".

Soziale Gesellschaft, Gemeinsinn, Erfindergeist, Fleiß, Kreativität, Leistungsbereitschaft "und auch die Tugend der Anständigkeit" - Schröder ließ es an großen Begriffen nicht fehlen, um sein Bild der Zukunft zu malen. Und Merkel fand darauf nur eine Antwort, die ihre CSU-Kollegen Michael Glos und Peter Ramsauer noch während ihrer Rede zu intensivem Studium der Bild-Zeitung animierte.

Merkels peinllicher Versprecher

Merkel bot der Regierung Zusammenarbeit an, forderte aber zugleich den Rücktritt des Kanzlers - und gab sich selbst mit einem peinlichen Versprecher noch den Rest: Als sie die Konflikte in der Regierung aufs Korn nehmen wollte, sprach sie versehentlich von der "Zerstrittenheit der Opposition" - ein Fehler, der, über das Hohngelächter bei SPD und Grünen und die Betretenheit bei Union und FDP hinaus, auch auf die Rednerin selbst seine Wirkung nicht verfehlte.

Nun sitzt sie da und muss den Spott ertragen. "Frau Merkel", höhnt Franz Müntefering, "es ist schon sehr großzügig von Ihnen, in diesen Tagen Ihrem Redenschreiber Urlaub zu geben." Zum ersten Mal nach vielen sinnstiftenden Reden ist der neue Vorsitzende der SPD an diesem Tag nicht für die Visionen zuständig. Die hat der Kanzler in sehr staatsmännischer Weise geliefert, Müntefering darf nun in seiner Funktion als Fraktionschef hemmungslos auf die Opposition einrammen. "Reden ist Silber, Handeln ist Gold", sagt er zum Beispiel voller Fröhlichkeit an die Adresse Merkels. "Herzlichen Glückwunsch zur Silbermedaille."

Joschka Fischer macht sich später auf in die Lobby des Reichstages. Es gehört zum Ritual dieser Veranstaltungen, dass jede Seite da draußen den Journalisten einimpft, wie gut die eigenen Leute waren und wie schlecht die anderen. Was er denn so gut gefunden habe an Schröders Rede, wird Fischer gefragt. "Er hat den Kurs bestimmt", sagt der Vizekanzler. Dann macht er eine längere Pause. "Ja, es war eine Kursbestimmung", sagt er dann noch einmal. Sehr viel mehr fällt ihm nicht ein. Aber vielleicht bedarf es gar nicht vieler Worte, wenn ein Tagessieg so offensichtlich ist.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(SZ vom 26.3.2004)