Nach Röttgen-Rauswurf CDU-Politiker geißeln Merkels Führungsstil

Selber zurücktreten oder zurückgetreten werden - vor diese Wahl hat Merkel ihren einstigen Vertrauten beim entscheidenden Gespräch im Kanzleramt gestellt. In der CDU mehren sich nun die Stimmen, die die Kanzlerin scharf für den Rauswurf von Umweltminister Röttgen kritisieren: "Wenn jemand am Boden liegt, muss man nicht noch drauftreten."

Weil Bundespräsident Joachim Gauck urlaubt, vertritt ihn derzeit der amtierende Bundesratspräsident. Das ist gerade Horst Seehofer. Wenn Norbert Röttgen nun Pech hat und es mit seinem Rausschmiss ganz schnell gehen soll, darf er seine Entlassungsurkunde deshalb vom bayerischen Ministerpräsidenten entgegennehmen.

Merkels verlorene Männer

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Zur Erinnerung: Es war Seehofer, der am Montagabend im Heute-Journal mit viel Wut und Chuzpe über den noch amtierenden Umweltminister herzog und deutlich machte, dass Röttgen aus seiner Sicht auf ganzer Linie versagt hat.

Wenige Stunden zuvor hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel noch etwas verschwurbelt vor der Hauptstadtpresse geäußert und von "Kontinuität der Aufgabenerfüllung" gesprochen. Manche, vielleicht auch Röttgen selbst, haben darin so etwas wie eine Jobgarantie verstanden.

Nun ist nicht überliefert, welche Rolle Seehofer und sein Auftritt im ZDF bei Merkels Meinungsbildungsprozess gespielt haben, aber Röttgen dürfte spätestens nach diesem Auftritt klar gewesen sein, dass er auch als Umweltminister keinen leichten Stand mehr haben würde.

Keine 24 Stunden später hatte er Gewissheit. Merkel bat Röttgen am Dienstagabend ins Kanzleramt. Da hatte die Chefin für sich bereits entschieden, dass ihr einstiger Musterschüler gehen muss. Sie stellt ihn nur noch vor die Wahl: Selber zurücktreten oder rausgeschmissen werden. Warum sich Röttgen für die zweite Option entscheidet, ist nicht klar.

Am nächsten Tag nimmt sich Merkel dann weniger als zwei Minuten Zeit um das Ende der politischen Karriere ihres einstigen Vertrauten zu verkünden.

Seither rumort es in der CDU. Vor allem aus dem größten Landesverband Nordrhein-Westfalen, der mit Röttgen als Spitzenkandidat ein Wahlfiasko erlebt hatte, kommt Kritik an Merkels kalter Machtpolitik.

"Ich verstehe nicht, dass Norbert Röttgen bis Sonntagabend 18 Uhr als der hervorragende Umweltminister galt, der er war, und heute entlassen wird", sagt Karl-Josef Laumann, CDU-Landtagsfraktionschef in NRW. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach wird im Kölner Stadt-Anzeiger noch deutlicher: "Wenn jemand am Boden liegt, muss man nicht noch drauftreten."

Auch unter den Umweltpolitikern wird deutliche Kritik an Merkels Vorgehen laut. Der Unions-Obmann im Bundestags-Umweltausschuss, Josef Göppel, sagte der Nachrichtenagentur dpa: "So darf man in einer Partei mit dem C im Namen nicht miteinander umgehen."

Wie Merkel ist auch Horst Seehofer Chef einer Partei mit C im Namen. Dem Radiosender B5 aktuell sagt Seehofer nun nur, Merkel habe ihn gegen 16 Uhr über die Beweggründe der Entlassung informiert. Nach dem, was ihm die Kanzlerin gesagt habe, habe Handlungsbedarf bestanden. Näher wollte sich Seehofer nicht äußern.