Von Bernd Dörries

Nach tagelanger Kritik rückt Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger von seiner umstrittenen Würdigung Hans Filbingers ab. Sein Amtsvorgänger sei kein Widerstandskämpfer gewesen, sondern habe sich "angepasst".

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger hat am Sonntag dem öffentlichen Druck nachgegeben und sich für seine umstrittene Trauerrede für Hans Filbinger entschuldigt. Auch relativierte er seine Aussagen zu dessen Rolle in der NS-Zeit. Der Zentralrat der Juden hatte Oettingers Rücktritt verlangt.

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Oettinger sagte der Bild-Zeitung: "Es war nie meine Absicht, die Verfolgten und die Opfer zu verletzen. Sollte das geschehen sein, tut es mir leid. Und dafür entschuldige ich mich auch." Er relativierte auch seine besonders umstrittene Aussage über den verstorbenen Ministerpräsidenten, der als NS-Marinejurist an Todesurteilen für Deserteure beteiligt gewesen war.

Am vergangenen Mittwoch hatte Oettinger noch gesagt: "Hans Filbinger war kein Nationalsozialist. Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes." Nun sagte Oettinger, er sei betroffen, dass mir "unterstellt wird, ich hätte Hans Filbinger zum Widerstandskämpfer erklärt. Er war es nicht, und ich habe das nie behauptet." Filbinger sei ein Mensch, der sich "wie Millionen anderer dem NS-Regime angepasst" habe.

Der Ministerpräsident fügte hinzu, im Nachhinein würde er heute eine "andere Formulierung" für seine Trauerrede wählen. Für ihn sei Filbinger aber ein "zutiefst christlicher und konservativer Mensch mit einer belegbaren inneren Distanz zum NS-Regime" gewesen, sagte Oettinger. "Ich glaube übrigens, man sollte einen Menschen nicht sein Leben lang für Fehler verurteilen, die er möglicherweise als junger Mensch in diesem grausamen System gemacht hat."

Nachgeben in Etappen

Oettinger ruderte über das gesamte Wochenende hinweg etappenweise zurück. Am Samstag hatte er nach Tagen des Schweigens in einem offenen Brief geschrieben, es sei bedauerlich, falls seine Äußerungen als eine Relativierung der Nazi-Diktatur missverstanden worden sein sollten. Im Kern blieb er aber bei seinen Aussagen über Filbinger.

Mit diesem Brief hatte Oettinger die ohnehin schon heftige Kritik an seiner Person eher noch verschärft. Der CDU-Ministerpräsident pervertiere die gesamten Anstrengungen zur Vergangenheitsbewältigung in der Nachkriegs-Bundesrepublik, sagte der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer. Seine Erklärung sei "völlig ungenügend". Dem Berliner Tagesspiegel sagte Kramer: "Er muss von seinem Amt zurücktreten". SPD-Chef Kurt Beck warf Oettinger vor, sich nur halbherzig von seiner Rede zu distanzieren. "Herr Oettinger muss das in Ordnung bringen, und die CDU muss dafür sorgen, dass er es in Ordnung bringt", sagte Beck dem ZDF.

Am Sonntagmorgen hatte sich Oettinger zum zweiten Mal zu Wort gemeldet und versucht, seine Aussagen zu Filbinger am Rande einer Festveranstaltung in Stuttgart zumindest dahingehend zu relativieren, dass er ihn zwar für einen "Gegner der Diktatur" halte, dieser aber "nicht die Kraft wie andere zum offenen Widerstand gehabt" habe. In dieser Stellungnahme hatte er noch erklärt, er halte seine Rede weiterhin für "vertretbar".

Oettinger lenkte offenbar auch im Hinblick auf die Spitzentreffen der Parteien am Montag in Berlin ein, bei denen er mit neuer Kritik rechnen musste. Am Wochenende hatte er Zuspruch nur aus der eigenen Partei erhalten. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla begrüßte den offenen Brief als "gut und richtig". Besonders weit ging Georg Brunnhuber, Chef der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe im Bundestag. "Für unsere Anhängerschaft hat er einen ganz, ganz großen Schritt getan. Er hat ein Tor aufgestoßen: Das wird ein Großer", sagte er dem Focus. Parteivorsitzende Angela Merkel hatte sich dagegen am Freitag von Oettinger distanziert.

Mit Unverständnis reagierten Berliner Politiker auf einen am Dienstag geplanten Gedenkgottesdienst der katholischen Kirche für Filbinger. Die Landes-FDP sprach von einem "Desaster".

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(SZ vom 16.04.2007)