Nach IS-Angriff in Tunesien Attentäter von Sousse war wohl 24-jähriger Student

Der verlassene Strand in Sousse, wo bei einem Anschlag mindestens 39 Menschen ums Leben kamen.

(Foto: AFP)
  • Bei dem Attentäter von Sousse soll es sich um einen 24-jährigen Studenten handeln. Dieser war den Behörden zuvor nicht bekannt, hatte aber möglicherweise eine Verbindung zur Terrormiliz IS.
  • Bundeskanzlerin Merkel kündigte Unterstützung für Tunesien an, Innenminister de Maizière wird am Montag nach Sousse reisen.
  • Noch ist unklar, wie viele Deutsche zu den Opfern gehören. Nach Informationen der tunesischen Behörden wurde mindestens ein Deutscher getötet.
  • Nach dem Anschlag auf eine tunesische Hotelanlage mit mindestens 39 Toten haben sich zahlreiche Touristen zur Abreise entschlossen.
  • Tunis kündigt an, hart gegen Extremisten durchzugreifen: Als Reaktion auf den Anschlag in Sousse sollen unter anderem 80 verdächtige Moscheen geschlossen werden.

24-jähriger Student für Blutbad in Sousse verantwortlich

Ein einzelner Attentäter hat am gestrigen Freitag innerhalb kürzester Zeit an einem tunesischen Urlaubsort zig Menschen getötet, bevor er selbst erschossen wurde. Wer steckt hinter dem Blutbad von Sousse? Nach Angaben der tunesischen Behörden soll es sich um den 24-jährige Seifeddin R. handeln. Regierungschef Habib Essid zufolge war der junge Mann mit den dichten dunklen Haaren in keiner Weise auffällig geworden - bis er am Freitag mit einem Sturmgewehr am Strand von Sousse auftauchte.

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Den Ferienort kannte der 24-Jährige der Zeitung Al-Chourouk zufolge, weil er dort einmal gearbeitet hatte. R. stammt angeblich aus einer armen Gegend in der nordtunesischen Provinz Siliana. Der Zeitung zufolge war er einst Religionsschüler in einer nichtstaatlichen Einrichtung. Zudem habe er Elektro-Ingenieurswesen studiert, und zwar in der Stadt Kairouan, einer Hochburg von Salafisten.

So lässt sich auch der angebliche Kampfname des Attentäters erklären, den die Terrormiliz Islamischer Staat verbreitete: Abu Jahja al-Kairuani. Ob sich R. tatsächlich dem IS angeschlossen hatte, ist aber noch unklar. Nach Angaben der Regierung hatte er Tunesien nie verlassen.

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Mindestens ein Deutscher unter den Opfern

Unter den 39 Toten des Anschlags in Sousse ist mindestens ein Deutscher - Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat die Angaben der tunesischen Behörden bestätigt. Eine deutsche Frau sei zudem verletzt worden. In einigen Fälle habe die Identität der Opfer bislang noch nicht abschließend geklärt werden können. Das Außenministerium hat eine Informations-Hotline unter der Telefonnummer 030-5000-3000 geschaltet.

Der Bürgermeister der Stadt Korschenbroich in Nordrhein-Westfalen bestätigte der Rheinischen Post, dass ein Einwohner der Stadt bei dem Anschlag ums Leben kam.

Mindestens 15 Briten sind nach Angaben des Staatssekretärs im britischen Außenministerium, Tobias Ellwood, getötet worden. Es sei zudem eine Irin unter den Toten, teilte die Regierung in Dublin mit. Dem tunesischen Gesundheitsministerium zufolge wurde auch eine Belgierin unter den Opfern identifiziert.

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Die Zahl der Toten könnte sich noch erhöhen: Einige der Verletzten schweben derzeit in Lebensgefahr.

Lange Schlangen am Flughafen

Nach dem blutigen Terroranschlag mit mindestens 39 Toten und 36 Verletzten haben sich zahlreiche Touristen zur Abreise entschlossen. Die britischen Reiseanbieter Thomson und First Choice flogen am Samstag mit zehn Flugzeugen etwa 2500 Urlauber heim. Auch der deutsche Reiseanbieter Tui brachte 80 Urlauber nach Hause.

Auf dem Flughafen Hammamet bildeten sich an diesem Samstag lange Schlangen. Eine Deutsche sagte, sie habe etwa 40 Kilometer vom Tatort entfernt ein Hotelzimmer gebucht. "Wir sind ziemlich froh wegzukommen, weil man sich nicht mehr sicher fühlen kann, wenn so etwas passiert."

Das überfallene Hotel Imperial Marhaba ist inzwischen völlig verwaist. Sämtliche Gäste seien abgereist, sagte Direktor Mohammed Becheur. Unmittelbar vor dem Angriff auf den hauseigenen Strandabschnitt seien 75 Prozent der 370 Zimmer belegt gewesen. "Dieser Sommer wird hart", sagte Becheur. Doch er glaube an die Zukunft und wolle kein Personal entlassen.

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Tunesien kündigt Kampf gegen Terror an

Tunis hat angekündigt, entschlossen gegen Extremisten vorgehen. Der nationale Sicherheitsrat Tunesiens beschloss bei einer nächtlichen Sitzung eine Reihe von Maßnahmen. Unter anderem sollen innerhalb einer Woche bis zu 80 Moscheen geschlossen werden. "Es gibt weiterhin Moscheen, die ihre Propaganda und ihr Gift zum Terrorismus verbreiten", zitieren örtliche Medien Ministerpräsident Habib Essid. Daneben sollten verdächtige Parteien oder Vereine überprüft und eventuell aufgelöst werden.

"Wir mögen den einen Kampf gewinnen und den anderen Kampf verlieren, aber unser Ziel ist es, den Krieg zu gewinnen", sagte Regierungschef Essid. Der Kampf gegen den Terrorismus sei nun eine nationale Aufgabe. Der Ministerpräsident ordnete an, die Präsenz der Sicherheitskräfte an "sensiblen Orten" zu verstärken. Vom 1. Juli an würden "entlang der ganzen Küste und in Hotels" bewaffnete Sicherheitsleute postiert, erklärte er.

Daneben sollten Vereine und Parteien, die "außerhalb des Verfassungsrahmens stehen", genauer überprüft und dann entweder verwarnt oder aufgelöst werden. Hierbei solle vor allem die Finanzierung überprüft werden.

IS-Terrormiliz bekennt sich zu Anschlag

Der Angriff auf das Hotel Imperial Marhaba in Sousse - 120 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Tunis - geht nach Angaben von Essid auf das Konto eines tunesischen Studenten. Er wurde von Sicherheitskräften getötet. Augenzeugen berichten, dass der Überfall am belebten Strand begann. Dort lagen auch nach Stunden noch Leichen von Urlaubern, von Handtüchern bedeckt.

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In einer nicht verifizierbaren Twitter-Mitteilung übernahmen Unterstützer der IS-Terrormiliz die Verantwortung für den Anschlag. Ein "Soldat des Kalifats" habe den "abscheulichen Hort der Prostitution, des Lasters und des Unglaubens" angegriffen, hieß es. Der tunesische Regierungschef Essid wollte sich dazu nicht äußern.

Deutsch-Tunesische Gesellschaft: Anschlag verheerend für Tourismus

Der Anschlag wird dem Tourismus in Tunesien nach Einschätzung der Deutsch-Tunesischen Gesellschaft massiv schaden. Dies sei auch das Ziel der Attentäter gewesen, sagte der Präsident des Vereins, Werner Böckle, am Samstag in Djerba: "Wenn jetzt der Tourismus einbricht, hat das für das Land verheerende Auswirkungen." Bis zu 15 Prozent der Erwerbstätigen seien direkt vom Tourismus abhängig.

De Maizière reist am Montag nach Sousse

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Tunesien deutsche Unterstützung zugesichert. In einem Telefonat mit dem tunesischen Präsidenten Beji Caid Essebsi sagte Merkel, Deutschland stehe in diesen schweren Stunden an der Seite Tunesiens und werde die Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Terrorismus weiter intensivieren. Das teilte Regierungssprecher Steffen Seibert mit. Dabei werde ein Schwerpunkt auf der Unterstützung der Grenzsicherung liegen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) reist am Montag an den Anschlagsort in Sousse. Er wolle damit sein "tiefempfundenes Mitleid" mit den Angehörigen der Opfer und seine Solidarität mit dem tunesischen Volk ausdrücken, teilte das Innenministerium mit. Es sei "das Ziel der Terroristen, das Land ins Chaos zu führen", erklärte de Maizière. Die Tunesier und ihre Regierung dürften sich davon jedoch nicht von ihrem Weg zur Demokratie abbringen lassen.

Generalbundesanwalt Harald Range hat unterdessen ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Es geht um den Verdacht des Mordes, des Mordversuchs und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland, hieß es in einer Mitteilung. Mit den Ermittlungen habe er das Bundeskriminalamt (BKA) beauftragt. Da auch Deutsche unter den Opfern seien, sei Deutschland von dem Anschlag direkt betroffen.

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Neben dem Anschlag in Tunesien war es am Freitag auch in Kuwait und Frankreich zu mutmaßlich islamistischen Angriffen mit vielen Toten gekommen. Arabische Medien sprachen von einem "schwarzen Freitag des Terrorismus". Ob die drei Anschläge in Zusammenhang stehen, war zunächst unklar. Es sei noch zu früh, um das zu beurteilen, sagte ein Sprecher des US-Verteidigungsministeriums.

Am Montag kommender Woche jährt sich zum ersten Mal, dass die Terrormiliz Islamischer Staat das Kalifat ausgerufen hat. Am vergangenen Dienstag hatte die Dschihadistengruppe dazu aufgefordert, "den Ramadan zu einem Monat des Elends für die Nichtgläubigen" zu machen.

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