Nach Havarie von Flüchtlingsboot Mehr als 120 Leichen vor Tunesiens Küste geborgen

Sie suchten den Weg nach Europa und fanden den Tod: Rettungskräfte haben vor der tunesischen Küste mehr als 120 Leichen geborgen. Die Flüchtlinge hatten Kurs auf die italienische Insel Lampedusa genommen, als ihr überfülltes Boot kenterte.

Zwei Tage nach der Havarie eines Flüchtlingsbootes sind vor der tunesischen Küste die Leichen von mehr als 120 afrikanischen Flüchtlingen geborgen worden. 123 Tote seien bisher an Land gebracht worden, sagte ein Vertreter des tunesischen Roten Halbmonds der Nachrichtenagentur AFP. Die Flüchtlinge waren auf dem Weg nach Europa, als sie am Mittwoch nach einer Massenpanik an Bord ihres Bootes in Seenot gerieten.

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) sprach unter Berufung auf Angaben des tunesischen Roten Kreuzes sogar von 150 Leichen. Die Opfer stammten demnach zumeist aus Teilen Afrikas südlich der Sahara. Überlebende würden in das Flüchtlingslager Choucha an der tunesisch-libyschen Grenze gebracht, erklärte die IOM weiter. Bisher befinden sich in Choucha den Angaben zufolge 193 gerettete Insassen des Bootes, die Hälfte von ihnen Frauen, Minderjährige und Kinder. Insgesamt sollen sich 850 Menschen an Bord des Schiffes befunden haben.

Die tunesische Regierung hat die Berichte dementiert, nach denen 150 Leichen geborgen wurden. Abgesehen von am Vortag geborgenen zwei Toten gebe es keine neuen Opfer, berichtete der für die Rettungsarbeiten zuständige tunesische Oberst Kamel Akrout auf einer Pressekonferenz in Tunis. Die Suche sei am Freitag vielmehr wegen schlechten Wetters eingestellt worden.

Allein seit Beginn der Unruhewelle in Nordafrika ertranken knapp 1650 Menschen auf ihrer Flucht vor Armut und Krieg im Mittelmeer. Die Zahl übersteigt den bisherigen Höchstwert von 2008. Damals kamen bei der letzten großen Flüchtlingswelle im Laufe des Jahres offiziell 1274 Menschen in der Straße von Sizilien ums Leben. Die Dunkelziffer liegt dabei ungleich höher.

Das am Mittwoch gesunkene Boot hatte die Flüchtlinge von Libyen zur italienischen Insel Lampedusa bringen sollen. Vor den tunesischen Kerkenna-Inseln erlitt der Kahn jedoch bei schwerer See eine Motorpanne. Tunesisches Militär hatte in einer Rettungsaktion zunächst 570 Passagiere in Sicherheit bringen können.

Italienischen Medienberichten zufolge konnten sich die Rettungseinheiten nur in kleinen Schiffen und Schlauchbooten dem havarierten Kutter nähern, da er sich in flachem Wasser befand. Nur langsam seien zunächst Frauen und Kinder vom sinkenden Boot in Sicherheit gebracht worden. In Panik hätten sich daher viele der Schwarzafrikaner ins Wasser gestürzt.

Seit Januar wählten 42.000 Immigranten die als extrem gefährlich geltende Mittelmeerroute, um Italien und damit Europa zu erreichen. Oft sind die Boote der Migranten wenig seetauglich, fast immer völlig überladen. Viele der Afrikaner können zudem nicht schwimmen.