Nach Erdogans Kölner Rede Sprung in eine große Lücke

Warum die in Deutchland lebenden Türken Erdogans Kölner Rede als Botschaft für mehr Selbstbewusstsein wahrgenommen haben.

Von Christiane Schlötzer und Dirk Graalmann

Auf Türkisch heißt es "asimilasyon", und auch in dieser Sprache ist der Begriff ein Fremdwort - eines mit ziemlich schlechtem Klang. Kurden beispielsweise beklagen immer wieder, dass man ihnen in der Türkei ihre Kultur genommen hat, sie zur Assimilation zwinge.

Von türkischen Regierungspolitikern dagegen wird das Wort eher selten benutzt. Womöglich hat der türkische Premier Tayyip Erdogan bei seinem höchst selbstbewussten Auftritt in der Köln-Arena die Parallelen zur Politik im eigenen Land aber gar nicht bedacht.

Die in Istanbul geborene Bundestagsabgeordnete Lale Akgün glaubt, dass Erdogan letztlich "eine andere Integrationspolitik" vor Augen hat. Er setze eher auf "Minderheitenpolitik" und "Gruppenrechte" - ein Konzept, mit dem Akgün nicht einverstanden ist. Erdogans Vorstellungen erinnern Akgün an das Nebeneinander der Kulturen und Religionen, wie es das Osmanische Reich mit seinem "Millet-Prinzip" praktizierte.

Da lebte jede Glaubensgemeinschaft für sich und nach ihren eigenen Regeln. Die Kölner SPD-Politikerin sagt aber auch: "Erdogan hat Seelenmassage betrieben. Er ist in eine Lücke gesprungen, die wir gelassen haben." Die Begeisterung für Erdogan habe auch damit zu tun, dass er den Menschen gesagt habe, "ihr seid Teil der Bevölkerung, ihr gehört dazu". Das hätten deutsche Politiker "nie geschafft".

Türken sollen in Deutschland wählen können

Erdogans Botschaft aber war auch in dieser Hinsicht zumindest mehrdeutig. Die linksliberale türkische Internet-Zeitung Bianet interpretierte dessen markige Rede vor allem als "Vorwahlkampf" und unterstreicht deren stark türkisch-innenpolitischen Charakter. Bislang mussten Türken in Europa stets in ihre Heimat reisen, wenn sie bei Parlamentswahlen ihre Stimme abgeben wollten.

Das war nicht wenigen zu beschwerlich. Das Wahlrecht soll jedoch nun geändert werden. Die Auslandstürken sollen künftig auch in ihrer zweiten Heimat für die Politiker zu Hause votieren dürfen. Dabei geht es um rund eine Million Stimmen - allein in Deutschland.

Auch frühere türkische Regierungschefs haben um die Stimmen der Europatürken geworben. Sie hatten dabei stets eine klare Botschaft. Die hieß: Bleibt Türken, werdet keine Deutschen, damit ihr uns wählen könnt. Erdogan hatte dagegen schon kurz nach seinem Amtsantritt bei einem Auftritt in Berlin als erster Premier betont, wie wichtig die Integration sei.

Lehre für die Schüler

Womöglich aber gefällt seiner Regierungspartei AKP nun der Trend zum deutschen Pass doch nicht mehr so ganz. Erdogan sagte in Köln nämlich auch, den türkischen Pass, der früher eher wenig gegolten habe, könne man inzwischen "mit Ehre" tragen. So stand es am Montag in der regierungsnahen Zeitung Zaman. Die setzte Erdogans Rede dann auch unter den Titel: "Empfehlung an die europäischen Türken - integriert Euch, aber assimiliert Euch nicht."

In türkischen Schulbüchern gibt es eine Geschichte über eine Gruppe von Tartaren, die einst Muslime waren und in Russland zum christlich-orthodoxen Glauben übertraten. Die Lehre für die Schüler daraus lautet: Seht her, von dieser Volksgruppe blieb keine Spur! Auch dies spielt womöglich eine Rolle, wenn ein frommer Muslim wie Erdogan seine Landsleute vor "asimilasyon" warnt. Es ist die Furcht, als Gruppe zu verschwinden - mit Religion, Sprache und Kultur.