Nach der Wiedervereinigung Postsozialistische Ebenen

Martin Sabrow/Alexander Koch (Hrsg.): Experiment Einheit. Zeithistorische Essays. Wallstein Verlag, Göttingen 2015. 168 Seiten, 16 Euro. E-Book: 12,99 Euro.

Ein Essayband spürt dem Wandel seit der Wende nach. Es geht dabei auch um Befindlichkeiten und skurrile Betrachtungen.

Von Werner Hornung

Auch wenn in den "blühenden Landschaften" noch manche Industrieruine steht - wir haben's geschafft! Leipzig etwa hat inzwischen mehr als 570 000 Einwohner und liegt beim Bevölkerungswachstum (sieben Prozent) mit München gleichauf. Aber ratzfatz wie bei einer Haushaltsauflösung ging es nach dem Ende der DDR nicht voran. Die ersten Jahre nach 1990 waren wirtschaftlich schwierig und persönlich oft schmerzhaft. Vor allem den Alltag in dieser Übergangsgesellschaft zeigt 2015/16 eine Ausstellung des Zentrums für Zeithistorische Forschung (Potsdam) und des Deutschen Historischen Museums (Berlin). Ergänzend haben Martin Sabrow und Alexander Koch einen Essay-Band herausgegeben: "Experiment Einheit".

Schon die Einführung des Historikers Sabrow ist lesenswert. Sein Überblick erfasst das bereits mehr als 25 Jahre dauernde gesamtdeutsche Zusammenleben mit all seinen Um- und Aufbrüchen, ganz aktuell auch die rechtsradikalen Attacken aus der sächsischen Provinz; in ihnen "kommt eine spezifisch ostdeutsche Unzufriedenheit vieler Menschen zum Ausdruck, die sich nicht arrangiert haben mit den politisch liberalen Zuständen, die mit der Wende 1989/90 über sie gekommen sind und sie in ihrem Gefühlshaushalt heimatlos gemacht haben".

Bei den weiteren Autoren ist gleichfalls eher von Gefühlen und den Mühen der postsozialistischen Ebene als von hoher Politik die Rede. Ihre Beiträge gehören zur Alltags- und Mentalitätsgeschichte. Sie erinnern etwa an Machenschaften der Treuhandanstalt und die massenhafte Angst um Arbeitsplätze oder an die Anfangseuphorie in prall gefüllten Supermärkten oder neuen Autohäusern.

So informativ und fleißig mit Fußnoten versehen die Texte all der Historiker hier sind, die zwei besten Stücke stammen von Journalisten. Da ist einmal die facettenreiche Studie zur Wiedervereinigung in Berlin von Hermann Rudolph. Der beim Tagesspiegel arbeitende Autor bietet damit einen famosen Blick auf die lokale Entwicklung vom Mauerfall bis zur Gegenwart in der Hauptstadt. Und dann gibt es noch die beschwingt verfassten Prosaskizzen der französischen Korrespondentin Pascale Hugues mit dem zunächst verstörenden Titel: "DDR, mon amour". Freilich gesteht sie uns nach ein paar Seiten, dass ihr Bild vom tatsächlich grauen Ost-Alltag zu lange rosarot eingefärbt war. Ihre erotischen Erinnerungen dagegen will sie nicht korrigieren: Viele Leute zwischen Erfurt, Dresden und Rostock waren "sinnlicher, freier und spontaner als die Wessis, . . . bei den Bankkonten waren die Ossis die Verlierer, auf den Matratzen aber die Gewinner."

Werner Hornung lebt im fränkischen Lichtenfels und in Leipzig.