In Iran verhandeln Vertreter des Regimes und der Opposition über einen Kompromiss, um die Krise beizulegen.
Während weitere Demonstrationen in Teheran wegen der massiven Präsenz von Polizei und Milizen am Mittwoch erneut weitgehend unterblieben, wurde innerhalb des Regimes intensiv über einen Kompromiss verhandelt, mit dem die Krise beigelegt werden kann. An den vertraulichen Gesprächen nehmen direkt oder durch Vertreter der geistliche Führer Irans, Ayatollah Ali Chamenei, und Ex-Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani teil, ebenso der amtierende Präsident Mahmud Ahmadinedschad, sein unterlegener Gegenkandidat Mir Hussein Mussawi sowie hohe Kleriker. Wie informierte Kreise es formulieren, soll eine "Lösung in der Familie" gefunden werden.
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Die Anhänger von Mir Hussein Mussawi protestieren in vielen Formen. (© Foto: AP)
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Grundlage des zähen Verhandelns ist angeblich die gemeinsame Überzeugung aller Beteiligten, das Boot - also die Islamische Republik -, in dem alle sitzen, dürfe durch den Streit über die Wahl und die dadurch hervorgerufenen Erschütterungen nicht zum Kippen gebracht werden. Einigkeit soll auch darüber bestehen, dass etwas Beruhigendes geschehen muss, um das Vertrauen des Volkes in die Institutionen wieder herzustellen, das durch die dubiose Wahl und die blutige Unterdrückung der Proteste untergraben ist. Das wird dies nicht ohne sichtbare personelle Veränderungen in der Regierung möglich sein.
Dem Druck widerstehen
Chamenei betonte am Mittwoch erneut, dass er und der Staatsapparat "um jeden Preis" dem Druck widerstehen würden, das Wahlergebnis zu revidieren. "Ich habe darauf bestanden und bestehe weiter darauf, dass die Gesetze angewandt werden", ließ er verlauten. Der Kandidat Mohsen Resai, der laut offizieller Auszählung an dritter Stelle steht, hat seinen Einspruch wegen Wahlfälschung zurückgezogen. Der ehemalige Befehlshaber der Revolutionsgarden begründete dies mit Irans "empfindlicher" innenpolitischen, sozialen und sicherheitspolitischen Lage.
Mussawi hatte seine Anhänger für Mittwochnachmittag zu einer Demonstration vor dem Parlament aufgerufen. Wie viele Oppositionelle angesichts der blutigen Unterdrückung bereit waren, dem Verbot zu trotzen, war wegen der schlechten Informationslage nicht zu überblicken. Ein massives Aufgebot von Sondereinheiten der Polizei und Angehörigen von Milizen versucht, Protest im Keim zu ersticken. Passanten müssen ihre Ausweise vorzeigen, Handtaschen von Frauen werden durchsucht.
In der Redaktion von Mussawis Zeitung Kalemeh Sabs (Grünes Wort), die bereits seit zehn Tagen geschlossen ist, wurden 25 Mitarbeiter verhaftet. "Wer ist verantwortlich für das eine Woche lang dauernde Verbrechen in Teheran", fragte die Ahmadinedschad nahestehende Zeitung Watan Emrus - neben einem Bild von Mussawi.
Viele Journalisten in Haft
Nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen sind seit Beginn der Wahlproteste insgesamt 36 Journalisten in Haft genommen worden. Im Hauptquartier eines Kandidaten will die Geheimpolizei angeblich Beweise für eine Verschwörung gegen die nationale Sicherheit und Pläne für "psychologische Kriegführung" gefunden haben.
In Behörden suchten Sicherheitsleute nach Programmen, mit denen sich die Zensur umgehen lässt. Beamte, auf deren Computern sie fündig werden, müssen mit Schwierigkeiten rechnen. Mit den Verfahren gegen prominente Regimegegner ist Saied Mortasawi betraut, berüchtigter Ankläger am Islamischen Revolutionsgericht und Generalstaatsanwalt von Teheran. Er ist dafür verantwortlich, dass seit dem Jahr 2000 an die hundert Zeitungen geschlossen wurden.
Die kanadisch-iranische Fotografin Sahra Kasemi kam 2003 während Mortasawis Verhören durch Schläge ums Leben. Die Organisation Human Rights Watch wirft ihm Folter, Erpressung von Geständnissen und gesetzeswidrige Inhaftierungen vor.
Entscheidung steht aus
Obwohl der mit der Überprüfung der Wahlergebnisse beauftragte Wächterrat bereits entschieden hat, dass die festgestellten Unregelmäßigkeiten nichts am Gesamtergebnis ändern, wurde die Untersuchungsfrist bis kommenden Montag verlängert. Ayatollah Ahmad Dschannati, der Chef des Wächterrates, der Chamenei und Ahmadinedschad nahesteht, hatte mehr Zeit verlangt, "um größere Sorgfalt anzuwenden und alle denkbaren Zweifel zu überwinden".
Vier iranische Fußballer, die jüngst bei einem Länderspiel gegen Südkorea mit Armbinden in Mussawis grüner Protestfarbe gespielt hatten, sind auf Lebenszeit suspendiert worden. Unter ihnen sind Ali Karimi, der früher für Bayern München spielte, sowie Vahid Hashemian vom VfL Bochum und Mehdi Mahdavikia von Eintracht Frankfurt.
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(SZ vom 25.6.2009/vw)
Obama zeichnet Bob Dylan aus
...stimme @JaAber zu.
Das wäre eben Realpolitik a la iranische Republik. Zeigt einerseits natürlich, dass sie durchaus ein breites Fundament hat, andererseits entlarvt es den realen Stand hinsichtlich demokratischer Repräsentanz.
Bin gespannt, welcher 'Deal' nun herauskommt. Jede praktische Verkürzung der Amtszeit Achmadinedschads wäre wohl eine Überraschung, und zwar eine sehr positive. Da möchte ich zwar, kann aber noch nicht ganz dran glauben.
"Lösung in der Familie" ist ein Begriff, der auch gern auf das Ausbalanzieren der Macht z.B. bei Mafia und Camorra angewendet wird. Klingt und riecht nach oligarchischer Machtverteilung.
Unregelmäßigkeiten bei der Wahl (allein der offiziell bestätigte riesige Überschuss an ausgezählten Wahlzetteln sagt alles), d.h. die Wähler, das eigene Volk, spielen dann natürlich keine aktive Rolle mehr.
Wird die Verteilung der Macht im Staate jetzt etwa wie auf dem Basar ausgehandelt anhand der Zwischenbilanz über die Hausmächte (einschließlich der jeweils mobilisierbaren Potentiale an administrativen, klerikalen und wirtschaftlichen Apparaten, Milizen, "Wächtern", Bevölkerungsteilen, Demonstranten) der (auf unterschiedliche Weise) konservativen Bewerber für das Präsidentenamt?
Damit alle ihr Gesicht waren können und die mächtigsten nicht bloßgestellt werden?
Im Rückblick auf die letzten 70 Jahre und um Blutvergießen zu vermeiden vielleicht die vorläufig optimale Lösung für das Land.
Sofern nicht anschließend das Köpferollen beginnt und die Bauernopfer unter denen ausgesucht werden, die an die Möglichkeit geglaubt haben, tatsächlich wählen zu können und dafür eingetreten sind.
Allen Iranern Frieden, Verständigung und viel Glück!
... genug um sich von der Diktatur der bärtigen Männer zu befreien. Welche Lösung auch rauskommen wird, die Diktatur wird weiterbestehen, auch Mussawi ist Teil des Systems. Schade? ... nicht für den Westen.
O.T.