Nach der UN-Resolution Waffenruhe unter Vorbehalt

Die Hisbollah bezeichnet die UN-Resolution als "ungerecht", will sie jedoch befolgen - solange Israels Truppen dies ebenfalls tun.

Von Tomas Avenarius

Zufrieden wirkte Scheich Sayed Hassan Nasrallah nicht: Mit skeptischem Blick gab der Hisbollah-Führer bekannt, dass seine Miliz bereit sei, die UN-Resolution zum Waffenstillstand zwischen Israel und Libanon zu befolgen. Nasrallah, der bei seinen früheren Fernsehauftritten seit Kriegsbeginn stets bewusst und heiter gelassen zu wirken versucht hatte, machte aus seinem Vorbehalt gegen die von der libanesischen und der israelischen Regierung angenommene Friedenslösung keinen Hehl.

Die Resolution sei "ungerecht", da sie allein Hisbollah für den einmonatigen Krieg verantwortlich mache und Israel nicht belaste. Die Hisbollah-Kämpfer würden dennoch Folge leisten, solange Israels Truppen dies ebenfalls täten.

Dann aber fügte der Islamistenchef an: "Solange es militärische Operationen Israels gibt, solange die Israelis im Feld attackieren und solange israelische Soldaten Teile unseres Landes besetzt halten, ist es unser natürliches Recht, gegen sie vorzugehen, sie zu bekämpfen und die Heimat, unsere Häuser, uns selbst zu verteidigen."

Das klingt nach einem Freibrief für Hisbollah und zeigt die Schwachstellen der vorliegenden Friedensregelung: Die Israelis sollen laut der Resolution erst abziehen, wenn internationale Truppen und UN-Soldaten die Kontrolle des Grenzgebiets im Südlibanon übernehmen.

Hinzu kommt, dass die israelische Armee bei einem Schweigen der Waffen die Zeit nutzen wird, die Stellungen und Waffenlager der Hisbollah im Süden weit systematischer zu zerstören, als dies bisher wegen der Kämpfe möglich war. Umgekehrt wird Hisbollah nun keine Raketen mehr nach Israel schießen, aber dennoch zumindest gelegentlich die israelischen Truppen im Libanon attackieren.

Israel zieht Gefangenenaustausch in Erwägung

Da Hisbollah der Resolution offensichtlich skeptisch gegenübersteht, versuchte die libanesische Regierung nach der entscheidenden Kabinettssitzung den Eindruck einer einhelligen Zustimmung zum UN-Beschluss zu erwecken.

Dennoch drangen gegenteilige Informationen durch: Der Fernsehsender CNN berichtete unter Berufung auf ein Kabinettsmitglied, dass die beiden der Hisbollah zugerechneten Minister im Kabinett heftigen Widerstand geleistet und weitere Verhandlungen gefordert hätten.

Aus Sicht der Hisbollah ist dies nachvollziehbar: Sie versteht sich als "Befreiungsorganisation", die den Südlibanon im Jahr 2000 von der israelischen Besatzung fast gänzlich befreit habe. Nun stehen wieder Israelis auf libanesischem Boden, und wenn sie abziehen, hat Nasrallah dafür aber mit neuer Besatzung gezahlt - nicht der Erfolg, den er angesichts der Zerstörungen im Land braucht.

Ein Gefangenenaustausch, den auch Israel offenbar wieder in Erwägung zieht, würde ihm eher helfen: Anlass des Krieges war die Entführung zweier israelischer Soldaten durch Hisbollah und die Forderung, sie gegen langjährig in Israel einsitzende Libanesen auszutauschen.

Ist Hisbollah bereit, sich entwaffnen zu lassen?

Den wichtigsten Punkt hat Nasrallah offen gelassen. Ist Hisbollah bereit, sich entwaffnen zu lassen? Dies fordern die UN, Europa, die USA und Israel seit fast zwei Jahren. Dennoch spricht in absehbarer Zeit wenig dafür: Eine Entwaffnung sähe nach Niederlage aus. Hisbollah will aber im Libanon weiter eine führende politische Rolle spielen. Und ihre Paten, Syrien und Iran, dürften der Entwaffnung vorerst ebenfalls kaum zustimmen.

Die Friedensregelung wirklich garantieren können nur, wie von der UN vorgesehen, die libanesische Armee und die ihr zur Unterstützung versprochenen 15000 UN-Soldaten. Unabhängig von der Frage, wann die bereit stehen, bleibt Libanons Armee ein Unsicherheitsfaktor.

Obwohl die Truppenstärke irgendwo zwischen 66000 und 75000 Mann liegt, hat sie nur veraltete Waffen und Fahrzeuge sowie ein ebenso unzeitgemäßes Kommunikationssystem. Derzeit werden Reservisten einberufen; angeblich entziehen sie sich aber in großer Zahl.