Nach der Jasmin-Revolution Taten für Tunesien

Wenn Europa nur reagiert, wenn vor seinen Küsten Flüchtlingsboote auftauchen, wirkt das Interesse am Schicksal Tunesiens schal. Die EU hat die Möglichkeiten, die wirtschaftliche Not zu lindern und den demokratischen Aufbruch zu unterstützen - und muss dieser Verantwortung jetzt nachkommen. Sonst folgt auf das Fest der Freiheit in Tunis nur ein Kater.

Ein Kommentar von Christiane Schlötzer

Die Tunesier sind stolz auf ihre Revolution, und sie haben jetzt noch einmal gefeiert, als auch die Ägypter ihren Autokraten losgeworden sind. Schließlich beansprucht Tunis eine Art Urheberrecht auf den Umsturz. Doch nach dem Fest folgt nun der Kater.

Die bleierne Zeit der Diktatur ist zu Ende, aber das neue Tunesien gibt es noch nicht. In Tunis flanieren die Menschen friedlich über die Avenue Bourguiba, den Boulevard der Revolution, aber im Landesinneren ist die Lage so konfus, dass nicht einmal Minister wagen, sich dorthin zu begeben. Kein Wunder, dass viele versuchen, sich in Sicherheit zu bringen - in einem schaukelnden Kahn, mit Kurs auf Lampedusa, Italien.

Tausende sind in den vergangenen Tagen aus Tunesien in Europa angekommen. Es sind die Enttäuschten und die Ungeduldigen, junge Männer, die vor allem eines suchen: Arbeit, um sich und ihre Familien zu ernähren. Dafür sind sie in ihrer Heimat auf die Straße gegangen, für Demokratie, aber auch für Brot. So schnell aber wird es keine neuen Jobs geben, und bis die Touristen zurückkehren, dürfte es auch dauern. Deshalb braucht das Land dringend Hilfe für den Aufbruch in die neue Zeit, auch aus Europa.

Italien hat nun schon angeboten, eigene Polizisten an die tunesischen Küsten zu schicken. Das klingt nach eiliger Notwehr. Italiens Innenminister Roberto Maroni denkt dabei aber eher an das heimische Publikum als an wirkliche Hilfe für die bedrängte Übergangsregierung in Tunis. Denn die kann den römischen Vorschlag kaum annehmen, will sie nicht noch mehr an Autorität verlieren.

Den Sympathiebekundungen müssen Taten folgen

Die EU hat bessere Mittel, Tunesien zu unterstützen. Sie kann ihre Märkte für tunesische Tomaten und Gurken öffnen, Industriewaren haben schon jetzt freien Zugang, was auch der EU dient. Die hat zudem Töpfe mit Entwicklungsgeldern, die sie nur anzapfen muss.

Europa kann helfen, ein neues tunesisches Justizwesen aufzubauen, ein funktionierender Rechtsstaat ist wichtig für Investoren. Und warum nicht den europäischen Mangel an qualifizierten Ingenieuren auch mit gut ausgebildeten Absolventen aus Tunis beheben? Jeder dritte Arbeitslose in dem Maghrebstaat ist ein Akademiker.

Europa hat lange zu den diktatorischen Verhältnissen in Tunesien geschwiegen. Nun haben die Europäer voll schlechten Gewissens den Wandel enthusiastisch begrüßt. Auch daraus entsteht Verantwortung. Ein Zurück in die alte Unfreiheit darf es nicht geben. Das gegenwärtige Machtvakuum aber ist eine Gefahr für die neue Freiheit. Deshalb müssen den Sympathiebezeugungen für die Revolutionäre - die EU-Außenministerin Catherine Ashton am Montag in Tunis nun endlich auch persönlich überbrachte - rasch konkrete Taten folgen.

Wenn Europa nur reagiert, wenn vor seinen Küsten die Flüchtlingsboote auftauchen, dann wirkt das Interesse am Schicksal der Nordafrikaner schal. Glaubwürdige Hilfe kann sich nicht in der lautstarken Forderung nach mehr Grenzschutz erschöpfen.

Ein bunter Strauß Revolutionen

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