Wenn Europa nur reagiert, wenn vor seinen Küsten Flüchtlingsboote auftauchen, wirkt das Interesse am Schicksal Tunesiens schal. Die EU hat die Möglichkeiten, die wirtschaftliche Not zu lindern und den demokratischen Aufbruch zu unterstützen - und muss dieser Verantwortung jetzt nachkommen. Sonst folgt auf das Fest der Freiheit in Tunis nur ein Kater.
Die Tunesier sind stolz auf ihre Revolution, und sie haben jetzt noch einmal gefeiert, als auch die Ägypter ihren Autokraten losgeworden sind. Schließlich beansprucht Tunis eine Art Urheberrecht auf den Umsturz. Doch nach dem Fest folgt nun der Kater.
Bild vergrößern
Wenn Flüchtlinge aus Tunesien die Grenzen Europas erreichen, werden Politiker und Behörden aktiv. Eine nachhaltige Unterstützung des Landes, das den Wandel in die arabische Welt brachte, lässt jedoch weiter auf sich warten. (© dpa)
Anzeige
Die bleierne Zeit der Diktatur ist zu Ende, aber das neue Tunesien gibt es noch nicht. In Tunis flanieren die Menschen friedlich über die Avenue Bourguiba, den Boulevard der Revolution, aber im Landesinneren ist die Lage so konfus, dass nicht einmal Minister wagen, sich dorthin zu begeben. Kein Wunder, dass viele versuchen, sich in Sicherheit zu bringen - in einem schaukelnden Kahn, mit Kurs auf Lampedusa, Italien.
Tausende sind in den vergangenen Tagen aus Tunesien in Europa angekommen. Es sind die Enttäuschten und die Ungeduldigen, junge Männer, die vor allem eines suchen: Arbeit, um sich und ihre Familien zu ernähren. Dafür sind sie in ihrer Heimat auf die Straße gegangen, für Demokratie, aber auch für Brot. So schnell aber wird es keine neuen Jobs geben, und bis die Touristen zurückkehren, dürfte es auch dauern. Deshalb braucht das Land dringend Hilfe für den Aufbruch in die neue Zeit, auch aus Europa.
Italien hat nun schon angeboten, eigene Polizisten an die tunesischen Küsten zu schicken. Das klingt nach eiliger Notwehr. Italiens Innenminister Roberto Maroni denkt dabei aber eher an das heimische Publikum als an wirkliche Hilfe für die bedrängte Übergangsregierung in Tunis. Denn die kann den römischen Vorschlag kaum annehmen, will sie nicht noch mehr an Autorität verlieren.
Den Sympathiebekundungen müssen Taten folgen
Die EU hat bessere Mittel, Tunesien zu unterstützen. Sie kann ihre Märkte für tunesische Tomaten und Gurken öffnen, Industriewaren haben schon jetzt freien Zugang, was auch der EU dient. Die hat zudem Töpfe mit Entwicklungsgeldern, die sie nur anzapfen muss.
Europa kann helfen, ein neues tunesisches Justizwesen aufzubauen, ein funktionierender Rechtsstaat ist wichtig für Investoren. Und warum nicht den europäischen Mangel an qualifizierten Ingenieuren auch mit gut ausgebildeten Absolventen aus Tunis beheben? Jeder dritte Arbeitslose in dem Maghrebstaat ist ein Akademiker.
Europa hat lange zu den diktatorischen Verhältnissen in Tunesien geschwiegen. Nun haben die Europäer voll schlechten Gewissens den Wandel enthusiastisch begrüßt. Auch daraus entsteht Verantwortung. Ein Zurück in die alte Unfreiheit darf es nicht geben. Das gegenwärtige Machtvakuum aber ist eine Gefahr für die neue Freiheit. Deshalb müssen den Sympathiebezeugungen für die Revolutionäre - die EU-Außenministerin Catherine Ashton am Montag in Tunis nun endlich auch persönlich überbrachte - rasch konkrete Taten folgen.
Wenn Europa nur reagiert, wenn vor seinen Küsten die Flüchtlingsboote auftauchen, dann wirkt das Interesse am Schicksal der Nordafrikaner schal. Glaubwürdige Hilfe kann sich nicht in der lautstarken Forderung nach mehr Grenzschutz erschöpfen.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Proteste in der arabischen Welt Die Wut wuchert 14.02.2011
- Italien: Flüchtlingswelle auf Lampedusa Exodus der Revolutionäre 14.02.2011
- Flüchtlingswelle auf Lampedusa Tunesien wehrt sich gegen Italiens Offerte 14.02.2011
- Die EU und der Aufruhr in Ägypten Kühn handeln - für Europas Zukunft 10.02.2011
- Gerüchte über Ben Ali Tunesiens Ex-Präsident angeblich in Lebensgefahr 17.02.2011
- Lampedusa Flüchtlinge drohen mit Hungerstreik 17.02.2011
- Arabische Welt im Umbruch Botschaft der Befreiung 17.02.2011
(SZ vom 15.02.2011/mob)
Müll an der Isar
Wer, wenn nicht wir Deutschen, mögen unseren tunesischen Nachbarn im Süden Europas helfen. Wir genießen bei den Menschen dort hohes Ansehen und werden respektiert als Ratgeber, Geldgeber und Handelspartner. Doch diese Partnerschaft darf nicht einseitig sein...
Manchmal hat man, insbesondere beim Außenminister, den Eindruck, er sei ein "Ankündigungsminister". Der Aufbau des bestentwickelten, afrikanischen Landes in Wirtschafts- und Infrastrukturfragen gehört in die Hand einheimischer Unternehmer, die mit Hilfe deutscher, mittelständischer Unternehmer mit einem Wirtschaftsminister Brüderle an der Spitze und täglicher Unterstützung beim Ausbau neuer Strukturen in Legislative, Exekutive und Juresprudenz investieren.
Nicht ankündigen, sondern machen!
Keine Schablone der Gutmenschen ausgelassen
Die Sprüche gabs schon in den 70iger Jahren, und langweilen die Leser nur noch. Soll Journalisten geben die seitdem auch gelegentlich mal nen Eindruck von der Wirklichkeit erfasst haben, und mutig und originell genug sind, um nicht nur den alten Leierkasten immer wieder zu drehen
Solange wir "den" Afrikaner brauchen, um billig zu produzieren ist er gut. Aber bitte, bitte lasst den nicht in die "Festung Europa". Wenn er Moslem ist um so weniger.
Das Interesse der EU ist nicht schal, sondern verlogen!
Wie in anderen vergleichbaren Ländern haben sich hier Menschen einen Aufruhr gewagt und sind nun mit einer brutalen, organisierten und vielleicht auch verzweifelten Macht konfrontriert, die viele in die Flucht schlagen konnte und vielleicht noch kann. Forderungen nach Menschlichkeit und Verhandlungsbereitschaft werden die noch Mächtigen nur in ihrem Eifer bestärken, der momentan noch mit einer wenig organisierten Front Katz und Maus spielen kann, bis sich die Menschen auf ihre Fähigkkeiten, zu organisieren und abzustimmen, besinnen.
Europa darf sich vor scheinheiligen Ratschlägen hüten, wächst doch auch hier nur nicht so sichtbar eine Saat der Unzufriedenheit, die bald ihre ersten Auswüchse zeigen kann.
Wer über Menschen willkürlich herrscht, fordert ihre edlen Seiten heraus und muss sich nicht wundern, wenn sie eines Tages geübt genug sind, ihre Qualitäten zur Geltung zu bringen.
Hilflose moralische Apelle werden den Menschen wenig nützen gegen eine Ignoranz, die über die Menschlichkeit und ihre Werte nur lacht, bis es ihr vergeht.
Was soll dieser Schmarrn einer ahnungslosen Journalistin Christiane Schlötzer?
"Und warum nicht den europäischen Mangel an qualifizierten Ingenieuren auch mit gut ausgebildeten Absolventen aus Tunis beheben?".
Sie sollte sich vorher über den angeblichen Mangel an Ingenieuren informieren. Mein Sohn ist nach sehr erfolgreichem Maschinenbaustudium an der TU München (immerhin Elite-Uni!) derzeit auf Bewerbungstour bei deutschen Unternehmen.
Über die Erlebnisse zu Antwortverhalten und Absagen dieser Firmen wird er wohl später einmal ein Buch schreiben und es Frau Schlötzer zukommen lassen.
Alles nur Lug und Trug, was über den angeblichen Ingenieurmangel in Deutschland und die angeblliche Einstellungsorgie der Firmen verbreitet wird. Das sind überwiegend nur Imagebotschaften an die Presse, die darauf - wie Frau Schlötzer - natürlich völlig naiv hereinfällt.
Nein, wir brauchen keine akademischen Tunesier oder auch Inder sondern endlich eine Einstellung deutscher Absolventen, die wir Eltern auch teuer genug mit z.B. hohen Studiengebühren und hohen Lebenshaltungskosten in den Uni-Städten finanziert haben.
Paging