Für Tilman Zülch ist mit der Festnahme Karadžić die Arbeit nicht vorüber. Der Chef der Gesellschaft für bedrohte Völker über die Situation der Opfer und mögliche Hoffnungsträfer für eine Versöhnung.
Tilman Zülch, 68, ist Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker International und Herausgeber des Buches "Ethnische Säuberung - Völkermord für Großserbien" und weiterer Dokumentationen über den Krieg und Genozid in Bosnien. Zülch wurde mit der Silbernen Lilie des bosnischen Staatspräsidiums ausgezeichnet und erhielt den "Srebrenica Award Against Genocide" der vier Mütterbewegungen von Srebrenica.
Tilman Zülch, Generalsekretär der Gesellschaft für bedrohte Völker. (Archivbild) (© Foto: dpa)
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sueddeutsche.de: Herr Zülch, Radovan Karadžić ist festgenommen. Ist das eine Genugtuung für die Opfer?
Tilman Zülch: Ich habe in der Nacht mit unseren Büros in Sarajewo und Srebrenica telefoniert. Die berichteten, in Sarajewo seien viele Menschen auf den Straßen, es werde gehupt, gejubelt. Die Menschen freuen sich so, wie bei uns nach einem Fußballspiel. Die Festnahme ist für viele Bosnier ein Fanal der Hoffnung. Den Opfern wird jetzt wenigstens bescheinigt, dass die Hauptverantwortlichen für ihre Leiden zur Verantwortung gezogen werden.
sueddeutsche.de: Karadžić war 13 Jahre auf der Flucht. Warum hat es so lange gedauert, ihn zu fassen?
Zülch: Es gibt eine ganze Reihe von Hinweisen, dass bei den Friedensverhandlungen von Dayton für Karadžić und seinen Oberbefehlshaber Ratko Mladić so eine Art Schonfrist abgemacht wurde.
sueddeutsche.de: Wenn es so war, dann ist diese Schonfrist extrem ausgereizt worden.
Zülch: Das es jetzt zur Festnahme gekommen ist, hat wohl viel mit dem politischen Wandel in Serbien und dem Druck der Europäischen Union zu tun. Ironischerweise gehört jetzt die Milosevic-Partei zu den tragenden demokratischen Säulen des Landes. Der sehr nationalistisch agierende frühere Präsident Vojislav Kostunica ist ausgeschaltet. Darum würden wir uns sehr freuen, wenn auch Herr Mladić endlich festgenommen werden würde.
sueddeutsche.de: Wie geht es den Opfern der Herrschaft von Karadžić heute?
Zülch: Sie sind heute immer noch über die ganze Welt verstreut. Sie haben die Rückkehr in ihre Heimat nicht gewagt und objektiv können sie auch nicht zurück. Es war ein Fehler der internationalen Staatengemeinschaft, die Rückkehr der bosnischen Muslime nicht durchgesetzt zu haben. Es gibt Städte wie Banja Luka, da stellten die Muslime früher die Hälfte der Bevölkerung. Alle drei großen Bevölkerungsgruppen haben hier sehr lange und sehr friedlich zusammengelebt. Heute ist das fast eine monoethnische Stadt.
sueddeutsche.de: Lässt sich die Vertreibung je wieder rückgängig machen?
Zülch: Wie man es dreht und wendet, die Hälfte Bosniens ist in entschieden nationalistischer Hand. Da ist ein sehr fest geführter Apparat entstanden, der sich so leicht nicht auflösen lässt. Es ist eine Erfahrung, die viele Vertriebene machen mussten, dass sie nicht zurück können. Deutschland hat noch dazu beigetragen, dass 50.000 Flüchtlinge, die bei uns waren, hinterher nach Kanada, Australien und in die USA gegangen sind. Einige kommen dann und wann zurück nach Deutschland. Bei diesen Menschen ist eine ganz große Bitterkeit zu spüren. Es ist ein Trauerspiel.
sueddeutsche.de: Auf wen setzen Sie Ihre Hoffnungen, wenn es um Versöhnung geht.
Zülch: Auf Teile der serbisch-bosnischen Jugend. Ich habe in Srebrenica junge serbische Polizisten erlebt, die das Massaker von Srebrenica heute ganz anders sehen, als die, die damals an dem Genozid beteiligt waren.
sueddeutsche.de: Was könnte die Europäische Union tun, um den Prozess voranzutreiben?
Zülch: Sie müsste schnell Bosnien aufnehmen, so wie sie es mit Zypern gemacht hat. Es ist ja eine Tragödie, dass die Hauptopfer der Jugoslawienkriege der EU nicht nähergekommen sind. Das Ziel muss sein, dass die drei Hauptnationalitäten in der Region gleichberechtigt von EU-Fördermitteln profitieren.
sueddeutsche.de: Wie wird Ihre Arbeit vor Ort jetzt weitergehen?
Zülch: Wir haben dort viel zu tun. Die Situation der wenigen Rückkehrer ist armselig. Es gibt kaum medizinische Hilfe. Wir unterstützen die Frauenbewegung dort. Im November werden wir einen großen Kongress der Frauen aus Genozidgebieten unterstützen zu dem auch ehemalige Häftlinge der Vergewaltigungslager kommen. Es ist sehr viel nicht gelöst, es ist sehr viel Elend zurückgeblieben. Wir sind den Opfern weiter verpflichtet.
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(sueddeutsche.de/bica)
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kwt
"ein Buch über Jugoslawien in die hand zu nehmen"
Wow, jetzt sind es ja sie, der ironisch ist. Nein, mit der Geschichte Jugoslawiens kenne ich mich ein wenig aus. Aber ich verstehe ihre Beiträge nicht. Versuchen sie es einfach nochmal mir zu erklären. Normalerweise bin ich nicht begriffsstutzig. :-)
Nein. Ganz im Gegenteil. Wie schon in ihrem gesitreichen beitrag zuvor kümmern Sie sich nicht um die fakten, sondern darum, mir etwas zu unterschieben, was ich eben gerade NICHT schrieb. Fixieren Sie sich mal auf etwas anderes als auf Personen hier im Forum. z.B. wäre es nicht übel, ein Buch über Jugoslawien in die hand zu nehmen.
da sind wir uns ja bis auf den letzten stz einig.
Denn: warum geht es nur um die Schuld des herrn K. und nicht um die Schuld anderer?
Also kurz zusammengefaßt: Ein Kriegsverbrechen vor ein paar hundert Jahren legitimiert ein Kriegsverbrechen heute. Somit sind fast alle Kriegsverbrechen, die heute begangen werden rechtmäßig. (Bei den vielen Verbrechen, die die letzten Jahrhunderte begangen wurde, läßt sich fast immer was konstruieren.) Hab ich sie da richtig verstanden?
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