Von Oliver Das Gupta

Der Terror in Indien hat eine neue Qualität erreicht: Experten halten nun blutige Vergeltungsaktionen radikaler Hindus für möglich.

Indien war noch nie ein Land des völligen Friedens. In dem Staat, wo heute mehr als eine Milliarde Menschen leben, haben sich seit seiner Unabhängigkeit 1947 zahlreiche Gewaltausbrüche zugetragen: Vertreibungen während der Staatsgründung, Waffengänge gegen Pakistan im Kampf um die Provinz Kaschmir, Separatismus im Punjab, Christenverfolgung in Orissa, Hindu-Gewalt gegen Muslime im Konflikt um heilige Orte - die Reihe an Beispielen ließe sich fortsetzen. Oft gab es mehr Opfer als bei den jüngsten Anschlägen von Mumbai (Bombay).

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Aufgebracht über die Anschläge von Mumbai: Teilnehmer einer Demonstration, die die nationalistische Hindu-Partei BJP in Hyderabad organisiert hat (© Foto: AFP)

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Dennoch: Die aktuelle Gewalt zeigt eine neue Dimension von Terrorismus in Indien, die man von anderen Orten kennt. Er hat die Metropole Mumbai erreicht, das Herz der indischen Ökonomie, der Knotenpunkt für viele Touristen.

Viel ist bislang nicht über die Täter bekannt, doch die Machart der Anschläge, deren Logistik, trägt eine Handschrift: die von al-Qaida.

Gezielt griffen die Terroristen den Bahnhof und Hotels an, darunter den luxuriösen Taj Mahal Palace am Gateway of India, ein Wahrzeichen der Stadt und Anziehungspunkt für viele Touristen.

Gezielt versuchten die Täter, Briten und Amerikaner als Geiseln zu nehmen - "ein Aspekt, der darauf deutet, dass die Täter die Ideologie von al-Qaida umsetzen wollen", sagt Christian Wagner zu sueddeutsche.de. Der Forscher von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) spricht von einer "neuen Qualität des Terrors", die es in Indien bisher so nicht gegeben hat.

Die Anschläge von Mumbai zeigen frappierende Parallelen zu den großen Mord-Operationen der al-Qaida: Die Täter griffen gleichzeitig an mehreren Orten an - so wie auch am 11. September 2001, als vier Kommandos vier Passagier-Flugzeuge kaperten und zu Waffen machten; so wie am 11. März 2004 in Madrid und am 7. Juli 2005, als von islamistischer Ideologie benebelte Muslime in Londoner Verkehrsmitteln Bomben zündeten.

Nobelabsteigen als Zielobjekt

Rücksicht auf Zivilisten, auf Kinder wurden nie genommen. Das Ziel war immer: möglichst viele Tote, möglichst viel Angst erzeugen.

Eine weitere mörderische Parallele zu Mumbai: Die Täter nahmen jedes Mal bewusst den eigenen Tod in Kauf - in deren kruder Vorstellungswelt werden sie als Märtyrer schließlich mit einem Platz im Paradies belohnt, Jungfrauen inklusive.

"Die jungen Leute, die nun zu Tätern geworden sind, haben gewiss Verbindungen zu Islamisten", meint auch Olaf Ihlau im Gespräch mit sueddeutsche.de. Der frühere Auslandschef des Spiegels, inzwischen auch Autor eines Buches über die kommende "Weltmacht Indien", weist darauf hin, dass die Angriffe auf die Hotels auch gegen den Luxus gerichtet seien - und die schwerreichen Inder, die sich in den Nobelherbergen tummeln. Das Hotel, das im September Ziel islamistischer Attentäter wurde, war eine ebensolche Edelabsteige: das Marriott in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad.

In Pakistan versuchen die Islamisten seit langem, den Staat zu destabilisieren und langfristig auf eine Islamisierung der Gesellschaft hinzuwirken - eine Strategie, die in Indien kaum Aussicht auf Erfolg hat.

In Indien gibt es zwar mehr als 150 Millionen Muslime, doch machen sie an der Gesamtbevölkerung lediglich einen Anteil von etwa 13 Prozent aus. Acht von zehn Indern zählen sich zum hinduistischen Glauben.

Auch bei den Hindus gibt es extremistisch-militante Kräfte, für die solche Anschläge willkommene Vorwände für blutige Vergeltung darstellen. Ihlau sagt solche Gewaltausbrüche voraus und auch SWP-Mann Wagner hält es für möglich, "dass es in den nächsten Tagen und Wochen zu Racheaktionen radikaler Hindu-Nationalisten kommt". Mumbai und manch andere Orte hätten eine lange, blutige Tradition. Auch Ihlau warnt vor solchen Übergriffen und verweist auf "pogromartige" Vergeltungstaten in der Vergangenheit.

Ein Flächenbrand in Form eines Bürgerkrieges bleibt dennoch äußerst unwahrscheinlich. Die große Mehrheit der indischen Muslime ist nicht an Terror interessiert, eine Sri-Lankisierung wird es also nicht geben: "Indien bleibt stabil," prognostiziert SWP-Forscher Christian Wagner.

Anschläge wie die von Mumbai hingegen wird es vermutlich in Zukunft immer wieder geben, glaubt Indien-Kenner Ihlau. "Das wird wohl so weitergehen."

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(sueddeutsche.de/gba)