Der Terror in Indien hat eine neue Qualität erreicht: Experten halten nun blutige Vergeltungsaktionen radikaler Hindus für möglich.
Indien war noch nie ein Land des völligen Friedens. In dem Staat, wo heute mehr als eine Milliarde Menschen leben, haben sich seit seiner Unabhängigkeit 1947 zahlreiche Gewaltausbrüche zugetragen: Vertreibungen während der Staatsgründung, Waffengänge gegen Pakistan im Kampf um die Provinz Kaschmir, Separatismus im Punjab, Christenverfolgung in Orissa, Hindu-Gewalt gegen Muslime im Konflikt um heilige Orte - die Reihe an Beispielen ließe sich fortsetzen. Oft gab es mehr Opfer als bei den jüngsten Anschlägen von Mumbai (Bombay).
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Aufgebracht über die Anschläge von Mumbai: Teilnehmer einer Demonstration, die die nationalistische Hindu-Partei BJP in Hyderabad organisiert hat (© Foto: AFP)
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Dennoch: Die aktuelle Gewalt zeigt eine neue Dimension von Terrorismus in Indien, die man von anderen Orten kennt. Er hat die Metropole Mumbai erreicht, das Herz der indischen Ökonomie, der Knotenpunkt für viele Touristen.
Viel ist bislang nicht über die Täter bekannt, doch die Machart der Anschläge, deren Logistik, trägt eine Handschrift: die von al-Qaida.
Gezielt griffen die Terroristen den Bahnhof und Hotels an, darunter den luxuriösen Taj Mahal Palace am Gateway of India, ein Wahrzeichen der Stadt und Anziehungspunkt für viele Touristen.
Gezielt versuchten die Täter, Briten und Amerikaner als Geiseln zu nehmen - "ein Aspekt, der darauf deutet, dass die Täter die Ideologie von al-Qaida umsetzen wollen", sagt Christian Wagner zu sueddeutsche.de. Der Forscher von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) spricht von einer "neuen Qualität des Terrors", die es in Indien bisher so nicht gegeben hat.
Die Anschläge von Mumbai zeigen frappierende Parallelen zu den großen Mord-Operationen der al-Qaida: Die Täter griffen gleichzeitig an mehreren Orten an - so wie auch am 11. September 2001, als vier Kommandos vier Passagier-Flugzeuge kaperten und zu Waffen machten; so wie am 11. März 2004 in Madrid und am 7. Juli 2005, als von islamistischer Ideologie benebelte Muslime in Londoner Verkehrsmitteln Bomben zündeten.
Nobelabsteigen als Zielobjekt
Rücksicht auf Zivilisten, auf Kinder wurden nie genommen. Das Ziel war immer: möglichst viele Tote, möglichst viel Angst erzeugen.
Eine weitere mörderische Parallele zu Mumbai: Die Täter nahmen jedes Mal bewusst den eigenen Tod in Kauf - in deren kruder Vorstellungswelt werden sie als Märtyrer schließlich mit einem Platz im Paradies belohnt, Jungfrauen inklusive.
"Die jungen Leute, die nun zu Tätern geworden sind, haben gewiss Verbindungen zu Islamisten", meint auch Olaf Ihlau im Gespräch mit sueddeutsche.de. Der frühere Auslandschef des Spiegels, inzwischen auch Autor eines Buches über die kommende "Weltmacht Indien", weist darauf hin, dass die Angriffe auf die Hotels auch gegen den Luxus gerichtet seien - und die schwerreichen Inder, die sich in den Nobelherbergen tummeln. Das Hotel, das im September Ziel islamistischer Attentäter wurde, war eine ebensolche Edelabsteige: das Marriott in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad.
In Pakistan versuchen die Islamisten seit langem, den Staat zu destabilisieren und langfristig auf eine Islamisierung der Gesellschaft hinzuwirken - eine Strategie, die in Indien kaum Aussicht auf Erfolg hat.
In Indien gibt es zwar mehr als 150 Millionen Muslime, doch machen sie an der Gesamtbevölkerung lediglich einen Anteil von etwa 13 Prozent aus. Acht von zehn Indern zählen sich zum hinduistischen Glauben.
Auch bei den Hindus gibt es extremistisch-militante Kräfte, für die solche Anschläge willkommene Vorwände für blutige Vergeltung darstellen. Ihlau sagt solche Gewaltausbrüche voraus und auch SWP-Mann Wagner hält es für möglich, "dass es in den nächsten Tagen und Wochen zu Racheaktionen radikaler Hindu-Nationalisten kommt". Mumbai und manch andere Orte hätten eine lange, blutige Tradition. Auch Ihlau warnt vor solchen Übergriffen und verweist auf "pogromartige" Vergeltungstaten in der Vergangenheit.
Ein Flächenbrand in Form eines Bürgerkrieges bleibt dennoch äußerst unwahrscheinlich. Die große Mehrheit der indischen Muslime ist nicht an Terror interessiert, eine Sri-Lankisierung wird es also nicht geben: "Indien bleibt stabil," prognostiziert SWP-Forscher Christian Wagner.
Anschläge wie die von Mumbai hingegen wird es vermutlich in Zukunft immer wieder geben, glaubt Indien-Kenner Ihlau. "Das wird wohl so weitergehen."
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(sueddeutsche.de/gba)
Sie haben völlig recht mit ihrer Ansicht. Im nahen Osten haben die Westmächte zuerst alle staatlichen Grenzen willkürlich gezogen und anschließend in der Regel politisch auf korrupte Feudalherren gesetzt. Jede politische Kraft, die auf eine Modernisierung in dieser Region drängte, wurde letzlich von den Westmächten bekämpft. Durch die Erdölprofite konnte sich zusätzlich in Vorderasien eine feudale Rentnergesellschaft halten, die anderswo längst durch die notwendigen Reformen der Wirtschaft hinweggefegt worden wäre. Aber es ist nach meiner Meinung sinnlos, nach Schuldigen an einer Situation zu suchen, die längst tot sind. Die Situation ist wie sie ist und im nahen Osten ist mittlerweile, bewirkt durch die Faktoren einer agressiver Religion, einer massiven Bevölkerungszunahme, eines feudalen Missmanagements und last but not least einer seit Jahrhunderten kurzsichtigen weil einzig auf kurzfristigen Profit achtenden westlichen Interventionspolitik ein Pulverfass herangereift. Die Länder die direkt an dieses Pulverfass grenzen und eine substanzielle Minderheit in ihren Grenzen beherbergen, die sich nicht als Staatsbürger sondern als Angehörige der Umma empfinden, werden zunehmend Probleme bekommen. Diese Staaten sind, Europa, Rußland Indien.
Ich lass mich gerne belehren hinsichtlich der Schudigen an der Teilung des Halb-Kontinents am Ende der englischen Kolonialherrschaft. Im Nahen Osten, das dürfte unbestreitbar sein, hat die Kolonialmacht England dank willkürlicher Grenzziehungen genügend Unheil bis in die jüngste Zeit angerichtet.
Leider gehen Sie auf die m.E. wichtigeren Teile meines postings nicht ein; besonders Ihre Meinung zum letzten Absatz würde -vielleicht auch Andere- interessieren.
Sie verbreiten wie so viele hirnlose antikoloniale Slogans. Die Engländer haben Indien nicht geteilt. Zum Zeitpunkt der Teilung waren sie bloß noch Konkursverwalter ohne reale Macht, die obendrein von der Teilung eigentlich abrieten. Wirklich gewollt haben die Teilung moslemische Politiker, allen voran der Staatsgründer Pakistans Muhammad Ali Jinnah. Bei der Teilung kam es zu mörderischen Massakern auf beiden Seiten. Dennoch leben heute noch Moslems in Indien, aber so gut wie keine Hindus in Pakistan. Pakistan versank seit 1948 in einer Abfolge von Militärregierungen. Indien hat die englische politische Struktur zumindest bis heute bewahren können. Insgesamt ist mir das alles ein weiteres Indiz für meine Vermutung, daß eine Religion, die von einem Kriegsherren gegründet wurde, zu modernen Strukturen nicht wirklich kompatibel ist. Das würde weiters nichts machen, denn Religion ist eine Sache, das reale Leben eine andere. Das Problem ist bloß, es gibt weitaus mehr Moslems, die ihre Religion ernst nehmen, als Christen. Gerade aber die kriegerischen Elemente des Islam dürfte diese Religion für junge Männer, die in unserem verweiblichten Erziehungssystem scheitern, wieder besonders attraktiv machen. Zur Einwanderungspolitik unserer Eliten kann ich abschließend nur sagen, wen die Götter vernichten wollen, den schlagen sie mit Blindheit.
Danke für diesen interessanten Beitrag, der mir u.a. zeigt, dass es mit den als besonders friedlich geltenden Hindus dann nicht mehr allzu weit her ist, wenn sie Andersgläubige und deren Besondrheiten tolerieren sollen.
Damit zeigt sich auch in Indien erneut, was weltweit seit Jahrhunderten leider Tatsache ist: Verschiedenartige Religionen sind nur allzu oft Grund für mörderische Auseinandersetzungen.
In Indien kommt die den Engländern zu "verdankende" Teilung des ehemaligen Kolonialgebietes ohne Rücksicht auf Religionen und Etnien hinzu; der gefährliche Dauerkonflikt mit Pakistan wegen dem Indien -zu Unrecht wie ich meine- zugeschlagenen Kaschmir ist dafür der beste Beweis.
Auch das, was z.Zt. in Mumbai geschieht, kann seinen Hauptgrund im Kaschmir-Konflikt bzw. zwischen Hindus und Moslems - und rein garnichts mit Al Kaida zu tun haben!
Dass die Terroristen nach Amerikanern und Engländern suchten, spricht nicht unbedingt dagegen, weil diese beiden (christlichen) West-Mächte sich im IRAK, in Afghanistan und inzwischen auch in Pakistan, alles islamische Länder, kriegerisch betätigen und nicht eben beliebt damit machen!
... Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit in welchen Topf auch immer werfen wollen.
Extreme/ExtremistInnen lassen sich als Bestandteile jeder Gesellschaft/Religion/Ethnie/jeden Kulturkreises ... finden.
.
So Sie demnächst die erforderliche Zeit für das Lesen von umgerechnet 5 bis 6 DIN-A4-Seiten finden, so rufen Sie einfach mal den von mir angegebenen Link
wehwehweh.bundestag.de/dasparlament/2006/32-33/thema/026.html
auf und tun sich den sehr verständlich gefassten Artikel dort einfach mal an ...
... es lohnt sich für jede/n, die/der sich ernsthaft für die politischen Hintergründe interessiert, welche den aktuellen Ereignissen (mit) zugrunde liegen (könnten).
Paging