Nach dem Tod Osama bin Ladens Terrorist tot, Ideologie lebt

Osama bin Laden war längst tot, ehe er erschossen wurde. Zehn Jahre nach dem 11. September hat sich die Welt eine Agenda ohne den Bärtigen gegeben. Trotzdem wartet man auf eine politische Reaktion. Doch so wenig wie ein einzelner Mann zwei Kriege hätte auslösen dürfen, so wenig werden nach seinem Tod zwei Kriege urplötzlich verschwinden.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Osama bin Laden entwickelt im Tod eine ähnlich destruktive Wirkung wie in seinen schlimmsten Lebzeiten. Seine Erschießung war eine lange geplante und noch länger ersehnte Unternehmung - erstaunlich aber ist, dass die politische Wirkung dieser Todesnachricht von der US-Regierung offenbar nicht weiter durchdacht war.

So steht der Geist Bin Ladens, dessen Konturen längst verblasst waren, plötzlich wieder auf und zwingt die USA und die restliche westliche Welt zu einem schwierigen Bekenntnis: Wie eigentlich soll es nun weiter gehen in den gefährlichsten Krisenregionen? Wie verhält es sich mit all den Soldaten und Helfern in Afghanistan und Pakistan? Und vor allem: Wer wird Bin Ladens Platz einnehmen auf der Liste der größten Bedrohungen?

Osama bin Laden, so viel Ehrlichkeit muss sein, war schon längst tot, ehe er erschossen wurde. In der Phantasie des Westens war seine Bedeutung verblichen, seine operative Rolle bei al-Qaida war aller Erkenntnis nach gering, auch wenn man jetzt Computer mit neuen Terror-Plänen bei ihm gefunden hat. Selbst unter den Dschihadisten der Welt verdampfte der Mythos leise. Zehn Jahre nach dem 11. September hatte sich die Welt eine andere Tagesordnung gegeben, die Agenda des Bärtigen stand da nicht mehr drauf. So provozierte Osama bin Laden höchstens noch ein paar nostalgische Gefühle unter Religionskriegern, tatsächlich aber war er bestraft mit der Rolle des Vergessenen.

Jetzt, da er tot ist, entlädt sich eine Emotion, die seiner tatsächlichen Bedeutung in den vergangenen Jahren nicht mehr gerecht wird. Die Aufregung ist verständlich, und angesichts der gesammelten Scheußlichkeiten aus dem Leben des Mannes ist es sogar nachvollziehbar, wenn so etwas wie Freude über den Tod aufkommt - auch wenn es politisch unkorrekt ist, dies offen zu sagen. Massenmördern, fanatischen Ideologen und Diktatoren mit ihrem Menschenhass provozieren nun mal Gefühlsausbrüche bei all jenen, die noch einmal davon gekommen sind. Freude und Genugtuung sind zutiefst menschliche Regungen als Reaktion auf eine überstandene Bedrohung.

Erlösung von Gewalt

Mit der Aufwallung ist es nicht getan, die Menschen erwarten nun eine Dividende, sie wollen eine politische Fortsetzung, eine Entschädigung für all die Opfer, die sie über zehn Jahre erbracht haben. Nun muss sich doch was ändern in der Politik. Der Terror entfacht mit kleinen Mitteln großen Schrecken, jetzt weckt der Tod eines einzelnen Extremisten den Wunsch nach einer großen politische Reaktion.

Die Wahrheit aber ist: Bin Ladens Ende hat zunächst kaum eine praktische Folge. So wenig wie ein einzelner Mann zwei Kriege hätte auslösen dürfen, so wenig werden nach dem Tod des Mannes zwei Kriege urplötzlich verschwinden. So sehr der 11. September 2001 als historische Zäsur empfunden wurde, so wenig kann der 2. Mai 2011 die Geschichte ein weiteres Mal wenden. Auch wenn die gestresste Seele nach der Erlösung ruft - die Vorstellung ist skurril, dass plötzlich ein Wecker klingeln und der Albtraum beendet sein könnte.

Leider geschieht genau dies: In den USA sieht eine Mehrheit der Bürger den Krieg gegen den Terror an seinem Ende angekommen. Die Aufgabe des Landes in Afghanistan sei damit erfüllt. Republikaner wollen die Truppen nun noch schneller abziehen. Auch in Deutschland ist der Abzugswunsch groß.

Die Auseinandersetzung mit dem schwierigen Verbündeten Pakistan ist derart kompliziert geworden, dass gerade in den USA der Wunsch wächst, die unselige Verbindung aufzulösen. Rückblickend auf die Terrorjahre schreiben Analytiker bereits von einer verschenkten Dekade, einer historischen Verirrung, die den Westen in den islamischen Wirren gefesselt habe, wo doch die eigentliche Herausforderung in Ostasien lauere.