Nach dem Sturz Gaddafis Wie die Macht der Islamisten in Libyen wächst

Wer bestimmt die Zukunft Libyens? Die Anführer des Aufstandes müssen aufpassen, dass sie die gerade errungene Macht nicht wieder verlieren. Denn seit dem Sturz des Gaddafi-Regimes gewinnen muslimische Kämpfer an Einfluss - Militärchef in der Hauptstadt ist sogar ein früherer Al-Qaida-Terrorist.

Von Tomas Avenarius, Tripolis

"Allahu Akbar" ist die gängige Begrüßung an den Checkpoints, nachts fährt ein Jeep durch die Straßen von Tripolis und lässt auch die Schlafenden per Megaphon wissen, dass Gott der Größte ist.

Nach dem Einmarsch der Anti-Gaddafi-Kämpfer in die libysche Hauptstadt herrscht ein islamischer Ton vor. Die Rebellen in Bengasi hatten im Frühjahr noch stärker auf säkulare Parolen gesetzt. Der Osten stand dem Regime seit langem feindlich gegenüber; westlich orientierte, in England oder den USA ausgebildete Bürger organisierten den Aufstand zusammen mit stärker islamisch ausgerichteten Vertretern über Facebook. Rechtsanwälte und Bürgerrechtler spielten zentrale Rollen. Frauen standen im Vordergrund. Forderungen nach Demokratie und Verfassung wurden gerufen.

In Tripolis ist das Bild nach sechs Monaten Krieg ein anderes: Bewaffnete der Milizen aus den verschiedenen "Heldenstädten" wie Misrata oder Sawija geben den Ton an, islamische Selbstvergewisserung ist das Erkennungszeichen.

Die wichtigste Führungsfigur der neuen Machthaber bleibt Übergangspräsident Mustafa Abdel Dschalil. Aber der Vorsitzende des Nationalen Übergangsrats in Bengasi ist noch immer nicht in die Hauptstadt gekommen: aus "Sicherheitsgründen". Zwar gibt es auch in Tripolis einen Mittelstand und moderate Kräfte. Sie treten bisher aber wenig in Erscheinung: Der Grund dürfte sein, dass sie in Tripolis näher am Regime waren und sich nun aus Angst zurückhalten.

Ein ehemaliger Al-Qaida-Mann als Militärkommandeur

Dschalil, der mit seinem Rebellen-Rat einem sehr bunten Haufen verschiedener Gruppen vorsitzt, hatte vor einigen Wochen und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt vor "bestimmten islamischen Kräften" gewarnt. Ross und Reiter nannte er nicht. Jetzt, nach dem Einmarsch der Aufständischen in die Hauptstadt, ist klar: Islamistische Kräfte werden im neuen Libyen eine wichtige Rolle spielen - neben moderaten und säkularen Kräften oder sogar vor ihnen.

Am klarsten zeigt sich dies an der Person des Rebellen-Militärkommandeurs der Hauptstadt: Abdel Hakim Belhadsch ist ein ehemaliger Al-Qaida-Mann. Der Chef des Militärrats von Tripolis war Emir der "Libyschen Islamischen Kampfgruppe" (LIFG). Die Gruppe versuchte Gaddafi in den neunziger Jahren zu stürzen, gehörte zum nordafrikanischen Terrornetzwerk "Al-Qaida im Islamischen Maghreb" (AQIM) und wurde nach dem 11. September als Terrorgruppe eingestuft. Mit Beginn des Februar-Aufstands hat sich die LIFG mit ihren Kämpfern dem Nationalen Übergangsrat in Bengasi unterstellt; seit März nennt sie sich "Libysche Islamische Bewegung".

Der 1966 geborene Belhadsch hat die klassische Dschihadi-Karriere durchlaufen: Er kämpfte wie viele Libyer in Afghanistan gegen die Sowjets. Dort kam er in Kontakt mit Al-Qaida-Führungsfiguren wie Osama bin Laden. Zurück in der Heimat schloss er sich der LIFG an. Die Gruppe war vom Al-Qaida-Mann und Top-Militanten Abu Laith al-Libi gegründet worden und kämpfte aus dem Untergrund gegen Gaddafi.

Der Ingenieur Belhadsch wurde 2004 festgenommen und vom US-Geheimdienst CIA verhört; die CIA lieferte "Abdallah Abu Assadaq" an Libyen aus. Im Gefängnis schwor er der Gewalt ab. Unter der Regie von Gaddafi-Sohn Saif al-Islam hatte Tripolis ein Resozialisierungsprogramm für Militante geschaffen. Der LIFG-Chef und andere Dschihadis wie Vordenker Abu Mundhir al-Saadi oder Militärfachmann Khalid al-Scharif kamen frei. Belhadsch und viele andere der 1800 inhaftierten LIFG-Militanten distanzierten sich zuvor vom bewaffneten Kampf. Zum Beleg veröffentlichten sie ein "Korrektur-Dokument" für einen Dschihad mit friedlichen Mitteln.