Ortsbesuch Berliner suchen den Superpräsidenten

Mit ihrem Urteil zum Rücktritt Christian Wulffs waren viele Bürger schnell: Überfällig, die einzig richtige Entscheidung - so der Tenor. Nun macht sich Ratlosigkeit in Berlin breit.Im Kanzleramt wird über einen Nachfolger verhandelt und draußen vor dem Tor rätseln die Menschen, wie es jetzt weitergehen soll. Ein Ortsbesuch.

Von Jasmin Off, Berlin

Die schwarzen Wagen fahren rasant in die Einfahrt des Bundeskanzleramtes, schwungvoll öffnen sich die Autotüren, schnellen Schrittes verschwinden die Politiker vor den Augen der wartenden Pressemeute. Eile scheint geboten, die Kanzlerin ist bereits seit dem frühen Morgen hier, sie hat die Koalitionsspitzen zur Krisensitzung einberufen. Es gilt einen neuen Kandidaten zu finden für das Amt des Bundespräsidenten. Und es scheint, als würde Angela Merkel die Nachfolge lieber heute als morgen regeln wollen.

Berlin hat gestern zwei Gewitter erlebt, erst ein politisches, später in der Nacht dann noch eines mit Blitz und Donner. Die Kieswege rund um das Regierungsviertel sind aufgeweicht, am Straßenrand haben sich Pfützen gebildet. Trostlos wirkt dieser Ort am Tag nach dem Rücktritt. Während im Kanzleramt verhandelt und organisiert wird, macht sich draußen auf dem Vorplatz Stille breit. Die Flaggen hängen schwer und nass nach unten.

Zwei Bundespräsidenten sind innerhalb von zwei Jahren zurückgetreten, jetzt sollte das Amt als solches einmal gründlich überdacht werden, sagen viele, die sich diese Tristesse gerade ansehen. "Man muss sich jetzt einmal grundsätzlich mit den Kriterien auseinandersetzen, die ein Bundespräsident erfüllen sollte", sagt Horst Rival. Er und seine Frau sind für einen Wochenendbesuch in Berlin, spannendere Tage hätten sie nicht wählen können, da sind sie sich sicher. Vorbildfunktion sollte der Neue ihrer Meinung nach haben, internationales Ansehen, Lebenserfahrung. Ein Blick in Richtung Kanzleramt. Wer könnte das wohl erfüllen?

Wiederholt fällt der Name Gauck - aber auch neue Namen

Etliche Namen werden seit gestern genannt, Klaus Töpfer zum Beispiel und Joachim Gauck, immer wieder Gauck. Oder doch Norbert Lammert, der Bundestagspräsident, und Wolfgang Huber, der frühere evangelische Bischof. Beide Namen will die Nachrichtenagentur dpa aus Koalitionskreisen erfahren haben. Mit Merkel sitzen FDP-Chef Philipp Rösler, CSU-Chef Horst Seehofer, Unionsfraktionschef Volker Kauder, FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle und CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt zusammen. Welche Namen in diesem Augenblick wirklich diskutiert werden, weiß hier draußen niemand. Die dicken Mauern des Kanzleramtes schweigen.

"Der Bundespräsident muss nach außen hin sicher auftreten können", sagen Matthias Müller und Jens Rogel, "und eine saubere Vergangenheit ist wichtig." Aber: Ob es so einen Superpräsidenten überhaupt gibt? Die beiden grinsen. Eigentlich ist es zum Heulen. Die beiden sind BVB-Fans aus dem Sauerland, am Nachmittag werden sie ins Stadion gehen zum Spiel gegen Hertha. Davor aber ist Zeit, sich dem politischen Machtspiel zu widmen.

Noch am Abend nach dem Rücktritt hat die Opposition ihre Vorgaben diktiert: Auf keinen Fall soll der Nachfolger von Christian Wulff ein Regierungsmitglied sein. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen scheidet damit aus. Sie war bereits vor zwei Jahren als mögliche Köhler-Nachfolgerin im Gespräch. Auch jetzt kursiert ihr Name, denn sollte nicht endlich einmal eine Frau im Schloss Bellevue einziehen? "So eine wie Frau Merkel, ja warum nicht?" Damit können sich auch die beiden Fußballfans anfreunden. Die Kanzlerin mache ihre Sache doch sehr gut.

"Ich wäre jetzt wirklich gerne Mäuschen"

Das ist die Meinung vieler Bürger - auch nach dem zweiten Rücktritt eines Bundespräsidenten während ihrer Zeit als Kanzlerin. Wie Angela Merkel drinnen wohl gerade so agiert, das beschäftigt die Berliner. Laut auf den Tisch hauen? Eher nicht. Tacheles reden? Mit Sicherheit. "Wenn sie klug ist, hält sie sich wohl erstmal zurück", mutmaßt Karl Himmelmann und dreht den Kopf in Richtung Kanzleramt. "Ich wäre jetzt wirklich gerne Mäuschen."

"Yeah, smile" schreit es von der anderen Seite des Platzes. Drei junge Touristinnen posieren für die Kamera vor den grünen Stahlstangen, die das Kanzleramt umgeben. Ein Schnappschuss mit historischem Datum. Die Mädchen grinsen, stecken die Köpfe zusammen, eine solche Harmonie herrscht heute wohl nur vor den Toren.

Drinnen im Sitzungssaal brüten sie noch immer über die Nachfolge von Christian Wulff. Dabei wünschen sich die meisten hier nur eines: Dass schnell ein Nachfolger gefunden wird. Damit zum Thema Bundespräsident endlich wieder Ruhe herrscht. Draußen vor dem Kanzleramt gibt es davon schon genug.

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