Nach dem Raketentest Was Indiens Machtspiele bedeuten

Indien lässt die Muskeln spielen: Am Morgen hat das Land eine atomwaffenfähige Langstreckenrakete getestet, die Ziele in China und erstmals auch Europa treffen könnte. Was bezwecken die Inder damit? Welche Auswirkungen hat der Test auf das Machtgefüge in der Region? Und wie reagieren die Chinesen auf die neue Bedrohung?

Von Kathrin Haimerl und Christoph Giesen

Agni heißen die indischen Mittel- und Langstreckenraketen - so wie der Feuergott der Hindus. Besonders stolz ist Indien nun auf die Langstreckenrakete vom Typ Agni V, die das Land am Morgen erfolgreich getestet hat. Dabei handelt es sich um eine atomar bestückbare Interkontinentalrakete, die Regierung sprach von einem "einwandfreien Erfolg" und einem "bedeutenden Meilenstein". Und selbst die sonst eher nüchternen Wissenschaftler waren euphorisch: "Der Traum der Nation ist Wirklichkeit geworden." Indien gehört nun zu den Ländern, die die Fähigkeit besitzen, nukleare Langstreckenraketen zu entwickeln. Bislang ist dies nur von den fünf Mitgliedern des UN-Sicherheitsrats, den USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien bekannt.

Was will Indien damit erreichen?

Die Atommacht selbst betont stets, dass die Waffen der Abschreckung und Verteidigung dienen, so auch beim jüngsten Test: Die Rakete solle nicht als Bedrohung gesehen werden. "Unsere Raketensysteme sind nur zur Abschreckung und für unsere eigene Sicherheit", erklärte der Sprecher der indischen Organisation für Forschung und Entwicklung im Verteidigungssektor (DRDO).

Beobachter vermuten, dass Indien mit der Weiterentwicklung der Rakete vor allem einen Rivalen im Blick hat: China. Denn bislang war die Reichweite der leistungsstärksten indischen Raketen (Agni III und Agni IV) auf 3500 Kilometer beschränkt, was vor allem das benachbarte Pakistan abdeckt. Mit der neuen Rakete, die eine Reichweite von mehr als 5000 Kilometern haben soll, könnte Indien atomare Sprengköpfe nach Peking und Shanghai schießen. "Wir haben genau das erreicht, was wir mit dieser Mission erreichen wollten", sagte Projektleiter Ainash Chandra der New York Times.

Andreas Wilhelm, Politikwissenschaftler und Experte für Internationale Politik an der Universität Erlangen-Nürnberg, glaubt, dass es Indien vor allem um Machtdemonstration geht. "Indien versteht sich als regionale Macht in Asien und hat auch den Anspruch als solche anerkannt zu werden", sagt Wilhelm im SZ-Gespräch. Zwar sei der Raketentest durchaus ein Zeichen, dass Indien "ansatzweise die Muskeln" spielen lasse im Wettbewerb mit China, das im südostasiatischen Raum große Präsenz zeige. Als Ausdruck von Aggression will der Wissenschaftler den Test aber nicht werten. Forsches Auftreten sei bislang nicht Merkmal von Indiens Sicherheitspolitik gewesen.

Warum gerade jetzt?

Der Test kommt zu einer Zeit, in der die internationale Gemeinschaft zunehmend besorgt nach Asien blickt und in der sich eine verstärkte Rivalität zwischen den USA und China entwickelt. Vor wenigen Tagen kündigte Nordkorea an, dass es sich nicht mehr an den mit den USA vereinbarten Atomstopp gebunden fühle, in der vergangenen Woche brachte das Land seine Raketen in Stellung. Auch hat China in jüngster Zeit den Druck erhöht, indem es Raketen in Tibet stationierte. Tibet grenzt an Indien an. Darüber hinaus existieren mit Pakistan und Iran noch weitere potentielle Nuklearmächte in der Nachbarschaft Indiens. "Wir leben in einem zweiten nuklearen Zeitalter", erklärt der Politikwissenschaftler Wilhelm. Diese nukleare Ordnung sei sehr viel instabiler als die des Kalten Krieges. In diesem fragilen Machtgefüge will sich Indien, das in den vergangenen Jahren aufgrund seiner wirtschaftlichen Entwicklung an Selbstbewusstsein gewonnen habe, als Gegengewicht zu China etablieren, sagt Wilhelm.

Wie weit ist Indien als Atommacht?

Atommacht ist Indien schon lange: 2005 wurde das Land von den USA unter der Regierung George W. Bushs als solche anerkannt - ein ungewöhnlicher Vorgang. Denn Indien ist nicht Mitglied des Atomwaffensperrvertrags oder des Kernwaffenteststoppvertrags und ist damit keine rechtlichen Verpflichtungen eingegangen, die nukleare Energie lediglich zivil zu nutzen. Im Februar 2008 testete Indien die U-Boot-gestützte atomare Mittelstreckenrakete K-15 und hat seither die sogenannte Zweitschlagfähigkeit. Das heißt, Indien kann auf einen nuklearen Angriff auf das eigene Territorium reagieren. Allerdings verfolgt Indien keine Erstschlag-Doktrin und betont stets, dass die Waffen nur zur eigenen Sicherheit dienten.

Wie reagiert China?

Im chinesischen Außenministerium versucht ein Sprecher zu beschwichtigen: "Wir sind nicht Konkurrenten, sondern Kooperationspartner." Die Beziehungen zwischen Indien und China entwickelten sich gut, sagt der Sprecher. Das war lange Zeit nicht so. Die chinesisch-indischen Beziehungen sind seit Jahrzehnten kompliziert. Schon 1962 standen sich chinesische und indische Soldaten in einem einmonatigen Krieg hoch oben im Himalaya gegenüber. China siegte damals. Seit Mitte der 1960er Jahre unterhält China zudem intensive Beziehungen mit Indiens Erzrivalen Pakistan. 1972 gingen Islamabad und Peking sogar eine sogenannte strategische Allianz ein. Während der Kulturrevolution war Pakistans staatliche Airline eine der wenigen Fluglinien, die überhaupt noch regelmäßig nach China flog.

Seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas Ende der siebziger Jahre nähern sich China und Indien zwar wieder langsam an, doch seitdem auch Indiens Wirtschaft jährlich im fast zweistelligen Bereich wächst, sieht man in Peking Indien wieder kritischer, als lästigen Wettbewerber im Kampf um Marktanteile und Rohstoffe. Ein Leitartikel im englischsprachigen Parteiorgan Global Times stellt Chinas tatsächliche Position ungewohnt offen zur Schau: "Indien sollte seine Stärke nicht überschätzen", frotzelt das Blatt. "Selbst wenn sie eine Rakete haben, die fast alle Teile Chinas erreicht, heißt das nicht, dass sie etwas gewinnen, wenn sie in Streitigkeiten mit China arrogant auftreten." Vielmehr müsse sich die Regierung in Neu-Dehli "im Klaren darüber sein, dass Chinas nukleares Potenzial stärker und zuverlässiger ist".

Mit Material der Agenturen dpa, AFP und Reuters